Aufgespiesst: Das Loch des Sommers
Anne-Friederike Heinrich, freie Mitarbeiterin der Werbewoche, über die krampfartige Berichterstattung in der wärmsten Zeit des Jahres.
Wenn am Samstag selbst das Zürcher Niederdörfli und das Züriseeufer wirken wie nach einem atomaren Angriff und auf den Strassen die schwachsinnigsten Baustellen aus dem Boden schiessen, ohne dass dort auch nur einmal ein Bauarbeiter zu sichten ist, befinden wir uns im grössten und dunkelsten Loch der Welt: dem Sommerloch. Kilometertief, staubig und völlig ausgetrocknet – und das Jahr für Jahr.
Ausgetrocknet scheinen auch die Hirne so mancher (bedauernswerter) Journalisten zu sein, die die (unklimatisierten) Redaktionen während dieser Zeit der Dürre nicht verlassen dürfen, damit bei den (armen) Abonnenten, die nicht in die Ferien fahren können, der Eindruck entsteht, es erscheine auch im Sommer eine Zeitung. Dabei ist das, was im Juli und August diesen Namen trägt, eigentlich nur ein Haufen unbrauchbares, bedrucktes Papier, das allerhöchstens dazu taugt, sich in der Badi draufzusetzen, wenn der Rasen die Erde allzusehr durchlässt. Was natürlich auch eine nicht zu verachtende Funktion einer papiernen Zeitung ist. Das geht mit dem iPad nicht. Oder nur einmal.
Joghurt ist Käse
Jahr für Jahr wird kurioser, was die drangsalierten Nachrichten-Sucher für berichtenswert erachten, damit das Sommerblatt voll wird: So wurde in einigen Medien über eine Rettungsaktion der Darmstädter Polizei berichtet. Sie befreite einen Igel aus einem Joghurtbecher, und zwar, falls es Sie interessiert, mit Schere und Skalpell. Im Artikel hiess es: «Mit Skalpell und Schere schnitten die Beamten vorsichtig den Becherboden auf, was dem Tier das Atmen erleichtern sollte. Danach trennten sie das Gefäss seitlich auf.» Sagen Sie nichts: ein echter Krimi. «Weil der Igel äusserlich unversehrt war», hiess es weiter, «wurde er nach der Operation wieder in freier Natur ausgesetzt. » Wo er sich erneut einen Joghurtbecher suchte. Leider vergass SDA, den Igel nach seiner Befreiung um ein Statement zu bitten – was das einzig Spannende an dieser Story gewesen wäre. Sie wissen schon: «Mann beisst Hund, das ist eine Meldung.»
Alles Wurst
Ein anderes Qualitätsblatt vermeldete, dass Thailands Mönche durch ungesunde Opfergaben dick und krank werden. Deshalb hat die Behörde für Gesundheitsförderung die thailändische Bevölkerung dazu aufgerufen, den Mönchen gesünderes Essen zu spenden. Zugunsten der schlanken Linie wird nun also am Karma gespart. Denn je fetter und süsser die Opfergaben, desto besser geht es den Verstorbenen im Jenseits, für die die Mönche beten sollen. Das jedenfalls glauben die Thailänder. Könnte einfach sein, dass die Mönche keine Lust haben, sich stundenlang mit Müesliriegeln in Trance zu wippen. Und dass Buddha bald grossen Ärger mit ein paar wütenden Seelen bekommt. Aber das interessiert die Behörde natürlich nicht. Und mich schon gar nicht. Meine Lieblingsmeldung dieses Sommers war die Jagd der Zuger Polizei nach «einer braungebrannten Riesenbratwurst». Nein, es ging nicht um Silvester Stallones Sommerurlaub am Zürisee, sondern tatsächlich um eine Plastikwurst, die einer Hünenberger Metzgerei in einem Akt niederträchtigster Gemeinheit entwendet wurde. Ich hatte mich schon auf einen weinenden Metzger und hohe Lösegeldforderungen der Vegi-Fraktion gefreut, da wurde die Plastikwurst bereits in einem nahegelegenen Wald wiederentdeckt. Einfach fortgeworfen. Welch schändliches Verbrechen!
Ast mit Knacks
Ach so, und Flöru Ast liess sich noch mit diesen Worten zitieren: «Ich glaube schon, dass ich treu bin.» Na dann. Gott sei Dank ist der Sommer endlich vorbei!
