Wo Selbstkontrolle funktioniert
Es kommt nicht alle Tage vor, dass sich eine amerikanische Fachzeitschrift wie die Columbia Journalism Review (CJR) ernsthaft für etwas interessiert, was sich ausserhalb der Vereinigten Staaten zuträgt. Von Stephan Russ-Mohl, Leiter des Europäischen Journalismus-Observatorium an der Universität Lugano.
Vor kurzem war es wieder einmal so weit: Das Magazin widmete den Presseräten in den skandinavischen Ländern eine längere Geschichte. «Self-Regulation Done Right» – Selbstregulierung, richtig gemacht – war die Story überschrieben. Aufgehängt an der Berichterstattung der norwegischen Medien über den Massenmörder Anders Breivik, skizzierte die Zeitschrift anhand einer Vielzahl überzeugender Beispiele und voll des Lobs, weshalb sich im Norden Europas mehr als anderswo in der Welt die Überzeugung durchgesetzt hat, dass funktionierende journalistische Selbstkontrolle nicht etwas Lästiges ist, sondern der Glaubwürdigkeit des Journalismus aufhilft – vorausgesetzt, die Medien berichten angemessen über die Arbeit der Presseräte.
Im deutschsprachigen Raum dürfte die Schweiz dem nordischen Ideal am nächsten kommen, während die Presseräte in Österreich und Deutschland eher im Schatten medialer Aufmerksamkeit agieren. Der Schweizer Presserat trägt gewiss sein Scherflein dazu bei, dass sich in den Redaktionen Qualitätsbewusstsein etabliert. Er ist nicht nur redlich um Fairness im Umgang mit Beschwerden bemüht. Es präsidierten ihn auch stets angesehene Journalisten, die der Gründervater der Medienwissenschaft, Emil Dovifat, zu «publizistischen Persönlichkeiten » geadelt hätte – seit 1991waren es Roger Blum und Peter Studer, derzeit amtiert Dominique von Burg. Selbst die deutsche Medienfachzeitschrift Message kommentiert seit Jahren nicht nur interessante deutsche Fälle, sondern schenkt dem Schweizer Presserat dieselbe Aufmerksamkeit. Die Schweizer Redaktionen wissen allerdings auch, dass der Presserat auf die Unterstützung der Journalisten angewiesen ist, wenn er nicht im luftleeren Raum operieren soll, und berichten dementsprechend über seine Entscheidungen.
Leider ist es alles andere als einfach, in Europa flächendeckend solch eine Journalismus-Kultur zu entwickeln, welche die Fähigkeit, Kritik zu akzeptieren, mit dem Ringen um Glaubwürdigkeit verbindet. Das zeigen erste Forschungsergebnisse aus dem MediaACT-Projekt (www.mediaact.eu), das in zwölf europäischen und zwei arabischen Ländern systematisch die Instrumente der Selbstkontrolle auf ihre Tauglichkeit hin untersucht, ebenso wie eine jüngst publizierte Studie des Reuters Institute for the Study of Journalism, die gezielt Presseräte international vergleicht. In Österreich verklagten derweil jüngst das gleichnamige Boulevardblatt sowie zuvor bereits die berüchtigte Kronenzeitung den eben erst reinstitutionalisierten Presserat vor ordentlichen Gerichten. Einschüchtern statt fördern – das ist gewiss das falsche Signal.
Irritierend bleibt, weshalb sich Journalisten und Medienunternehmen, die so gerne andere wegen ihrer Verfehlungen öffentlich vorführen, mit dem Eingeständnis eigener Fehler so schwer tun. Mit Sparzwängen hat das jedenfalls nichts zu tun, denn mehr Transparenz und Glaubwürdigkeit wären ausgesprochen preisgünstig zu haben. Das beginnt mit Korrekturspalten, um die sich Redaktionen zwar zu kümmern hätten, wenn sie sie endlich einrichteten, die aber kaum Geld kosten. Die Mittel, die für einen Presserat nötig sind, werden unter den Medienunternehmen umgelegt – wenn sie nur wollen, können sie das aus der Portokasse bezahlen. Deutlich teurer wären Ombudsleute, die Konflikte schlichten, und Medienjournalisten, die kontinuierlich über Medien und Journalismus berichten. Wenn Ombudsleute ihren Job gut machen, werden sie allerdings Medienunternehmen so manchen teuren Rechtsstreit ersparen.
Und selbst um Medienjournalismus zu betreiben, bedarf es nicht unbedingt zusätzlicher Ressourcen. Es würde genügen, redaktionsintern Schwerpunkte anders zu setzen – einfach um die Publika für journalistische Qualität zu sensibilisieren. Dazu bedarf es eigentlich nur der Einsicht, dass Glaubwürdigkeit ein kostbares Kapital des Journalismus ist, weil nur medienkompetente Leser, Hörer, Zuschauer und User zwischen PR und Journalismus zu unterscheiden vermögen und bereit sein werden, für soliden, sauber recherchierten Journalismus etwas zu bezahlen. Solche Publika braucht der anspruchsvolle Journalismus – eben weil er sich künftig absehbar nicht mehr aus sprudelnden Werbeerlösen finanzieren lässt.
