Presserat rügt Weltwoche – Fall aber zu Recht aufgegriffen
Die Weltwoche und andere Medien haben zu Recht über die Devisentransaktionen von Philipp Hildebrand, des einstigen Präsidenten der Nationalbank, berichtet. Zu diesem Schluss kommt der Schweizer Presserat. Allerdings seien insbesondere der Weltwoche Fehler unterlaufen.
Die Medien haben im Fall Hildebrand ihre Rolle als «Wachhunde der Demokratie» erfüllt. Dies hält der Schweizer Presserat am Donnerstag anlässlich seiner Jahresmedienkonferenz in Bern fest. Dies gelte auch für die Weltwoche, deren Enthüllungen letztlich zum Rücktritt des Nationalbankpräsidenten am 9. Januar 2012 geführt hätten. Für den Presserat ist es aber verfehlt, die «Schuld» am Rücktritt bei der Weltwoche und ihrer umstrittenen Berichterstattung zu orten. Denn: Ungeachtet der Tragweite der Devisentransaktionen der Familie Hildebrand sei dieser Vorgang von öffentlichem Interesse gewesen, heisst es in einer Stellungnahme des Presserates.
Aus berufsethischer Sicht sei es zudem positiv zu werten, dass die Medien das «ungewöhnliche» Communiqué des Bankrates der Schweizerischen Nationalbank vom 23. Dezember 2011 hinterfragt hätten. In dem Communiqué hatte der Bankrat mitgeteilt, dass Gerüchte um unzulässige Transaktionen von Hildebrand haltlos seien. Ergänzende Informationen wurden verweigert.
Beschwerde teilweise gutgeheissen
Der Presserat befasste sich einerseits allgemein mit der Rolle der Medien in der Affäre Hildebrand. Anderseits musste der Rat eine Beschwerde der Bank Sarasin gegen die Weltwoche beurteilen. Diese Beschwerde hiess der Presserat teilweise gut. So hat die Weltwoche in der Beurteilung des Presserates die Wahrheitspflicht verletzt, weil sie die Hauptquelle ihrer Informationen – den Thurgauer Anwalt Hermann Lei – nicht genannt hat. Hinzu kommt, dass sie indirekte Quelle falsch bezeichnete – Kundenberater Hildebrands statt IT-Mitarbeiter der Bank Sarasin. Diese falsche Information hätte berichtigt werden sollen.
Eine weitere Rüge muss sich die Weltwoche gefallen lassen, weil sie die publizierten Bankauszüge von Hildebrand nicht als «Montage» gekennzeichnet hat – dies zumal die Illustration den Kern der Kritik an Philipp Hildebrand belege. Die Weltwoche hält entgegen, dass der Informationsgehalt nicht verändert worden sei.
Auch hat die Weltwoche die Anhörungspflicht verletzt. Aus den beim Presserat eingereichten Unterlagen gehe hervor, dass sich die Weltwoche erst nach dem Erscheinen der ersten Artikelserie um eine Stellungnahme bei der vom Datendiebstahl betroffenen Bank Sarasin bemüht habe. Hinzu kommt: Um die Informationen ihrer Quelle zu prüfen, hätte die Weltwoche die Bank Sarasin ohnehin mit den Enthüllungen konfrontieren sollen, wie der Pressrat schreibt. Auch wenn sie damit rechnen musste, dass sich die Bank auf das Bankgeheimnis berufen und eine Stellungnahme verweigern würde.
Zur Quellenlage im Fall Hildebrand hält der Presserat fest, dass die Weltwoche sich auf die ihr zugespielten Informationen über Hildebrand Bankkonto habe stützen dürfen. So seien die Aussagen der indirekten Quelle Lei mit dem Bankauszug belegt worden. Zudem habe ein hohes öffentliches Interesse bestanden. Gemäss Pressrat kann die Zwei-Quellen-Regel, wonach unbestätigte Informationen mindestens durch zwei Quellen abzusichern sind, nicht schematisch auf jeden Einzelfall übertragen werden kann.
Fehlende Distanz
Weiter rügte der Presserat, dass die skandalisierende Wortwahl der Weltwoche («geschniegelter Gauner», «Spekulant Hildebrand») kaum mit Fakten unterlegt war. Auch deute die Wortwahl an, dass zwischen der Weltwoche und der Quelle der Informationen die erforderliche Distanz gefehlt habe. Fehlende Distanz vermutet der Presserat allerdings auch bei anderen Medien. Wegen ihrer einseitigen Positionierung zugunsten Hildebrands wirft der Presserat die Frage auf, ob sich die Sonntagspresse durch PR-Berater oder durch der Nationalbank nahe stehende Kreise habe beeinflussen lassen. Trotz dieser Mängel seien die Leserinnen und Leser aber in der Lage gewesen, «die Rolle der Hauptexponenten der Affäre und wie jene der Medien zu verstehen und einzuordnen», schreibt der Presserat. (sda)
