Die Wüste lebt!

Zum Glück gibt es Persönlichkeiten, die Klartext reden oder etwas tun, was man nicht erwartet. Solange es solche gibt, ist der Print-Journalismus nicht tot. Von Karl Lüönd, freier Publizist und Buchautor.

Ein für allemal: Den allgemeinen Kulturpessimismus der Medienbranche soll der Teufel holen! Zum Glück wird er immer wieder durchbrochen, wenn Persönlichkeiten sich tapfer hinstellen und Klartext reden, weil sie zuvor nachgedacht haben. Oder – besser noch – etwas tun, was «man» nicht erwartet hat, etwas Verrücktes, möglichst Undenkbares. (Und wenns dann noch politisch unkorrekt ist, umso besser …)

Preis an Markus Somm, den Schweizer Chefredaktor mit den besten Nerven. Seit er die Basler Zeitung macht, bin ich wieder neugierig auf dieses Blatt. Mehr als eine Handvoll Kollegen, darunter auch brillante, sind ihm davongelaufen, weil sie voreilig von Somms politischer Papierform auf dessen Arbeits- und Kommunikationsverhalten geschlossen haben. Ich möchte gar nicht wissen, wie viele miese kleine Intrigen hinter all den «exklusiven» Geschichten stecken, die in den feindlichen Zürcher Blättern genüsslich ausgebreitet werden. Sie gehen alle vom Unfehlbarkeitsanspruch des linken journalistischen Mainstreams aus und von dessen unumstösslichen Überzeugungen: Ein Liberaler, ein Rechtsintellektueller gar, kann journalistisch gar nicht gut und interessant sein. Markus Somm versucht, seiner Redaktion Sauerstoff zuzuführen, indem er einen interessanten Quereinsteiger namens Claudio Zanetti an eine Schlüsselposition setzt. Das ist ein Experiment, ein Wagnis meinetwegen. Aber so etwas muss gestattet sein, weil es gescheiter ist, dann und wann etwas zu riskieren als nur immer «more of the same» zu produzieren. Ich bin ja auch skeptisch, aber lasst diesen Zanetti doch erst mal seine ersten Stücke schreiben.

Preis an Constantin Seibt, der uns am Tag nach dem Tag der Arbeit mit der Ankündigung eines eigenen Blogs auf Newsnet und einer fulminanten Startproduktion überrascht (blog.tagesanzeiger.ch/ deadline). Seibt ist einer jener Print-Journalisten, deretwegen einem um die Zukunft des Journalismus nicht bange sein muss, denn er ist ein Querdenker, sperrig, überraschend und nie langweilig. Seine «15 Thesen zum Journalismus im 21. Jahrhundert » sind teils ätzend («Wir haben bisher Gewohnheiten verkauft»), teils zum Niederknien treffend («Bravheit und Effizienz sind tödlich.») Und er hat Rezepte, dieser Seibt. Für mich das einleuchtendste: «Stil ist eines der letzten Tabus und eine der grossen unerschlossenen Ressourcen im Journalismus. » Dabei ist der Ton einer Geschichte die Hälfte der Botschaft – und der Ton der Mehrheit aller Zeitungs-Storys ist gleich. Und hinterlässt den gleichen monochromen Eindruck – egal, was und worüber der Journalist gerade schreibt. (Es läuft mit den Inhalten dieser Artikel dann sehr ähnlich wie der Witz mit dem Haarschneidehelm, wo man dessen Erfinder fragte: «Aber sind die Köpfe nicht verschieden gross?» Worauf dieser antwortete: «Ja, aber nur beim ersten Mal.»)

Preis an Heribert Prantl, den ehemaligen Staatsanwalt und Richter, der jetzt der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung angehört. Sein neues Buch beeindruckt durch glasklare Logik und einem darauf beruhenden grossen Optimismus («Die Welt als Leitartikel: Zur Zukunft des Journalismus», Picus Verlag Wien). Prantl sagt dem Qualitätsjournalismus eine glänzende Zukunft voraus – nicht, weil Qualitätsjournalisten wie er das so gerne hören, sondern weil es eigentlich logisch ist. Die Kernkompetenz des Qualitätsjournalismus besteht nach Prantl darin, Hilfe beim Einordnen des durch das Internet noch vervielfachten Fakten-Wusts zu leisten. Sein Credo lautet: «Die grosse Frage lautet nicht, wie man Klicks, Reichweite und Auflage schafft. Die grosse Frage lautet: Wie schafft man Vertrauen? Dann kommen auch Klicks, Reichweiten und Auflage. » Dies freilich setzt Journalisten voraus, die durch Konzentration auf bestimmte Kerngebiete (Dossiers) Spezialistenstatus erlangen und damit in der Lage sind, das Vertrauen ihrer Kundschaft zu gewinnen. Und es setzt Verleger voraus, die diese Überzeugung teilen und in Qualität investieren, statt das Textingenieurwesen zu fördern, das eh nur Meterware produziert, für die über kurz oder lang niemand mehr wird bezahlen wollen. Somm, Seibt, Prantl – drei Namen in einer Woche. Spannende Taten und Worte – und das alles für eine angeblich tote Sportart wie den Print-Journalismus! Walt Disney hat doch Recht gehabt: Die Wüste lebt!
 

More articles on the topic