Aufgespiesst: Typologie des Postens
Werbewoche-Chefredaktor Pierre C. Meier versucht sich an einer Typologie seiner Facebook-Freunde.
Dadurch, dass ich lange Zeit nicht via App, sondern mittels des normalen Webbrowsers meines iPads auf Facebook zugegriffen hatte, entging mir einiges. Mein iPhone ist in der Nacht auf lautlos gestellt, mein iPad meistens aber nicht. Das merkte ich, als ich um drei Uhr in der Früh durch ein äusserst unangenehmes Plinggg darauf aufmerksam gemacht wurde, dass einer meiner Facebook-Freunde etwas gepostet hatte. Es blieb aber nicht bei diesem einen Posting. Weit gefehlt! In Minutenfrist plinggte es und an Schlaf war nicht mehr zu denken. Der liebe Kerl postete innerhalb einer halben Stunde ungefähr zwanzig Fotos, Links und Videos und teilte einiges an fremden Postings. In der nächsten Nacht habe ich mein iPad vorsorglich auf lautlos gestellt. Und siehe da, am nächsten Morgen wieder eine ähnlich lange Liste seiner Postings. Das brachte mich auf den Gedanken, meine Facebook-Freunde zu typologisieren. Nicht unbedingt nach dem Zeitpunkt ihrer Postings (was auch interessant wäre!), sondern nach dem Inhalt. Das Ergebnis finde ich spannend und wahrscheinlich sind meine Freunde gar nicht so anders wie andere Freunde.
Da gibt es die Scheuen, die Unauffälligen und die Zurückgezogenen. Sie posten wenig bis gar nichts, drücken vielleicht mal auf einen Like-it-Button, verhalten sich ansonsten aber ruhig. Bilder haben sie neben ihrem zehn Jahre alten Passfoto keine auf ihrer Seite.
Die Vielposter lassen sich in verschiedene Gruppen aufteilen. Da sind einmal die Ernsthaften. Diese wollen ihre Meinung verbreiten. Zu aktuellen Problemen geben sie ihre Kommentare ab. Zum Teil interessante, oft aber auch langfädige.
Eine Untergruppe sind die Überzeugungsposter. So wie man Anfang Woche jeweils vermuten kann, welche Richtung die Titelgeschichte der Weltwoche einschlagen wird, so weiss man bei denen, wer auf welche Themen anspringen wird und was die Tona¬lität der Kommentare sein wird. Dann gibt es die Schwafler. Posten tun diese wenig, doch dafür lieben sie es zu kommentieren. Zu Höchstform laufen sie auf, wenn sie auf einen Gegenkommentar zu ihrem Kommentar nochmals einen Kommentar verfassen können.
Eine andere Gruppe sind die Bilderfetischisten. Gepostet wird praktisch alles. Das Thema spielt eigentlich keine Rolle. Rauf müssen die Bilder. In den seltensten Fällen sind es eigene Bilder, meistens aber gesharte. Eine Untergruppe sind die Bildästheten. Diese posten ihre eigenen Bilder, meistens von hoher Qualität. Man kommt sich ein bisschen vor, wie beim Diaabend in den sechziger Jahren.
Speziell sind die Fun-Orientierten. Hier geht es selten um eigene Inhalte, Hauptsache es ist lustig. Der Humor ist in den meisten Fällen vom Typus Schenkelklopf.
Ganz anders die Special-Interest-Poster. Da wird nur gepostet, was mit einem bestimmten Sachgebiet zu tun hat. Sei es Rockmusik aus den 80er Jahren, Fussball, Rezepte oder skurrile Verse. Die Sortimentsbreite ist gering, dafür ist die Sortimentstiefe beinahe unergründlich.
Amüsant sind die Selbstdarsteller. Ob weite Reise, sportliche Erfolge oder Teilnahme an renommierten Anlässen: Man war dabei und lässt es die Welt wissen.
Und dann gibt es noch die ganz Normalen. Die posten das, von dem sie glauben, dass es ihre Freunde wirklich interessiert.
