Und plötzlich ist alles anders! Was denn?
Ausnahmesituationen sind ein Test für die Medien. Nicht alle haben ihn beim Massenmord von Anders Breivik bestanden. In der kommenden Woche beginnt in Oslo der Prozess. Gastbeitrag von Hans Stutz, freier Journalist.
Die Muslimfeinde im Land werden ruhig bleiben. Kommende Woche beginnt in Oslo der Strafprozess gegen Anders Behring Breivik. Er hat im vergangenen Juli in der norwegischen Hauptstadt eine Autobombe gezündet und acht Menschen getötet, dann auf der Insel Utøya ein so¬zialdemokratisches Jugendlager angegriffen und 69 Menschen hingerichtet. Der Prozess soll zehn Wo¬chen dauern, am ersten Verhandlungstag werden zwei psychiatrische Gutachten vorliegen, beide erstellt von jeweils zwei Beauftragten. Eine saubere Leistung: Schon bei einem «üblichen» Tötungsdelikt findet in der Schweiz die erste Gerichtsverhandlung drei/vier Jahre nach der Tat statt, allein die Ausarbeitung eines Gutachtens dauert ein Jahr oder länger. Viele Politiker und einige Medien schreien zwar häufig nach schnellen und harten Strafen, doch der Justiz werden die dafür notwendigen Stellen nicht finanziert.
Die Muslimfeinde im Land sind ruhig geblieben. Auch nach den Attentaten von Mohamed Merah, der in Toulouse drei Soldaten und – vor einer jüdischen Schule – drei Kinder und einen Vater und Rabbiner erschoss. Die erschossenen Soldaten waren Söhne von Einwanderern und Muslime wie der islamistisch motivierte Täter. Ein Detail zur Arbeit: Noch bevor die Identität des Täters bekannt war, konzentrierten sich die deutschsprachigen Medien auf die rechtsextreme Spur, während die französischen Medien noch alle Möglichkeiten offen liessen, von Al-Kaida oder anderen Islamisten über Linksextreme bis hin zu rechtsextremen Tätern oder un¬politischen Psychopathen. Warum haben die deutschsprachigen Medien sich so früh festgelegt? Die Entscheidung eines Einzelnen, der auf der Agentur Dienst leistete? Keine Ahnung, höchstens Vermutungen. Zum Beispiel: Wenn es nicht Zufall war, war es dann Kompensation für die Leichtfertigkeit der Berichterstattung nach dem Breivik-Massenmord?
Die Realität ist zu vielfältig und zu widersprüchlich für Tages- und Kampagnenjournalismus. Die Technik ermöglicht Real-time-Berichterstattung, die Verlagsverantwortlichen schreien «Markt» und wollen exklusive Schnelligkeit, gute Journalistinnen und Journalisten bestehen auf ihrem Handwerk und verlangen Zeit zum Einordnen. Sie wissen: Ist eine Katastrophe noch im Gange, kann Langsamkeit zur journalistischen Tugend werden. Die Frage ist: Wer setzt sich im redaktionellen Alltag dann auch durch?
Nicht immer widerstehen aber alle Kommentare der Versuchung der vorzeitigen politischen Abrechnung. Wenn es schlecht geht, ist die journalistische Reputation für immer im Eimer. Dies erfuhr – nach dem Attentat von Oslo – ein Redaktor der Fuldaer Zeitung, einem Blatt in der norddeutschen Provinz. Er behauptete in den Stunden nach den ersten Agenturmeldungen, der Terror sei «zurück in Europa», räumte dann aber ein, die Täter seien zwar noch nicht bekannt, «doch deute vieles auf einen islamistischen Hintergrund» hin. Dafür spreche: Norwegische Medien hätten die «dänischen Mohammed-Karikaturen» nachgedruckt (das haben Medien in vielen anderen Ländern auch). Norwegen sei als Nato-Mitglied «am Afghanistan-Einsatz» beteiligt (auch hier ist Norwegen nicht allein) und vor rund einem Jahr sei eine «islamistische Terrorgruppe» aufgeflogen (das geschah auch in anderen Staaten). Er folgert: «Man war also gewarnt.» (Ist das ein Rechter nicht immer und überall?) Der Kommentator wollte auch gleich die politische Agenda für die kommenden Tage fest¬schreiben: Im «Gegensatz zum benachbarten Dänemark» hätte die sozialdemokratisch geführte Regierung «auf eine liberale Ausländerpolitik und einen Dialog mit muslimischen Zuwanderern gesetzt». Absage an Freiheit und Dialog also, vor allem für Muslime, aber nicht nur! Anders sah es der norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg. Bei einer Gedenkfeier forderte er «mehr Offenheit, mehr Demokratie, Standfestigkeit und Stärke».
Katastrophen sind per se Ausnahmesituationen, die redaktionelle Behandlung kaum planbar, anders Strafprozesse. Noch haben die deutschsprachigen Tages- und Wochenmedien den anstehenden Prozess wenig thematisiert. Oder werden alle Titel die gleichen Agentur- bzw. Korrespondentenberichte verbreiten? Voraussagen lässt sich: Die TV-Stationen werden – wie bei anderen publizistischen Katastrophen – fast alle die gleichen Bilder bringen, eine Reporterin vor den Absperrungen, die in Interview-Form zusammen mit dem Moderator eine Agenturmeldung «abarbeitet». Nach den ersten Prozesstagen werden sie abziehen – bis zur Urteilsverkündung, wohl Ende Juli. Immerhin, die Islamophoben im Lande werden sich ruhig halten.
