Trend-Zeichen: Enzyklopädie verschwindet aus dem Bücherregal
Nach 244 Jahren hat die renommierte Encyclopædia Britannica ihre Printausgabe eingestellt und setzt künftig auf den Online-Vertrieb. Merke: Es gibt ein Leben nach dem Print.
Im Jahr 1990 hatten die Verkäufe des 32-bändigen Nachschlagewerks in den USA mit 120'000 Sets ihren Höhepunkt erreicht. Von der Ausgabe 2010 – es wird die letzte sein – waren nur noch 8000 nachgefragt, vor allem von Bibliotheken, Botschaften, Forschungsinstituten und wohlhabenden Konsumenten mit einem Flair für gebundene Bücher. 4000 Sets blieben bisher unverkauft und warten weiterhin auf Käufer. Auf Amazon.com können die 32640 Seiten für 2019.76 Dollar erworben werden. Allerdings behindern zahlreiche Angebote gebrauchter Ausgaben auf Online-Börsen wie Ebay.com den Absatz.
So wundert es denn nicht, wenn der Buchverkauf nur noch ein Prozent zum Gesamterlös beiträgt. Längst ist neue Konkurrenz im Netz aufgetaucht: 1993 lancierte Microsoft das Multimedia-Lexikon Encarta und vor elf Jahren begann der Siegeszug von Wikipedia. Nun fokussiert das Unternehmen mit Hauptsitz in Chicago voll auf das Online-Geschäft. Hier können Informationen ständig aktualisiert und mit Multimedia-Elementen ergänzt werden. Rund eine halbe Million Kunden bezahlen jährlich eine Zugangsgebühr von 70 Dollar, um von überall her einfach auf zuverlässige Informationen zugreifen zu können. Doch auch dieses Online-Geschäft trägt nur weitere 15 Gewinn-Prozente bei.
Jorge Cauz, Chef der Encyclopædia Britannica, Inc, räumte ein, das Nachschlagewerk sei selbst im eigenen Unternehmen eigentlich längst ein Überrest alter Zeiten. Denn heute verdient das Unternehmen, das nach mehreren Eigentümerwechseln dem diskreten Schweizer Bankier, Investor und Schauspieler Jacqui (Jacob) Eli Safra gehört, das meiste Geld mit innovativen Bildungsprodukten, die zum Teil auf den Lexikon-Inhalten basieren. Seines Wissens sei sein Unternehmen das bisher einzige Medienunternehmen, dem der Wandel vom traditionellen Mediengeschäft in die digitale Welt nicht nur gelungen sei, sondern dabei habe profitabel bleiben und sogar wachsen können, sagte Cauz. Dieser Übergang sei auch nicht schwierig gewesen, denn alle Mitarbeitenden verstünden, dass man sich neu orientieren müsse. Anders als Zeitungen habe man den Einfluss der digitalen Medien schon sehr viel früher zu spüren bekommen und Zeit zum Nachdenken gehabt und gehe nun gestärkt in die Zukunft. (cjw)
