Kinder, Krieg und cleveres Medienkalkül
«Kony 2012» ist die erste echte Blockbuster-Kampagne des 21. Jahrhunderts. Das virale 30-Minuten-Video bläst zur Jagd auf einen Massenmörder, polarisiert durch konsequenten Populismus und zeigt dabei schonungslos die neue mediale Rollenverteilung, meint Oliver Classen, Pressesprecher der entwicklungspolitischen Organisation Erklärung von Bern.
Unabhängig davon ob die hollywoodeske Inszenierung eines Massenmörders mit dessen Ergreifung ihr erklärtes Ziel tatsächlich erreicht: Ein Welterfolg und Benchmark für künftige Kampagnen auf Youtube (75 Mio. Views), Facebook (3 Mio. Followers für die verantwortliche NGO «Invisible Children») und Twitter (tagelanges Top-Topic) ist das virale Video heute schon. Jetzt macht Joseph Kony und damit das kollektiv verdrängte, weil fast unerträgliche Thema «Kindersoldaten» endlich jene Schlagzeilen, die es längst verdient hätte, und zeigt dabei «en passant» die moralische Pervertierung unserer Aufmerksamkeitsökonomie: Die entscheidenden Nachrichtenwerte unseres Mediensystems sind nicht kindliches Leid oder himmelschreiende Verbrechen gegen die Menschlichkeit, sondern emotionale Nähe und persönliche Betroffenheit.
So weit, so banal – besonders für Medienschaffende (womit auch PR-Leute gemeint sind). Zynismus gehört hier ja, wie Klappern, leider längst zum Handwerk. Gerade aus dieser Optik erscheint es atemberaubend konsequent, wie die Kony-Kampagne jene situative Relevanz schafft, die den Betrachter fesselt und während einer halben Stunde bei der Stange hält, was nebenbei noch alle Unkenrufe einer gegen null tendierenden Aufmerksamkeitsspanne im Netz Lügen straft. Der Hauptkunstgriff besteht in der immer wiederkehrenden Thematisierung der Situation, in welcher sich die meisten Zuschauer im Rezeptionsmoment befinden: Sie sind auf Facebook. Die Solidarität der Netzgemeinde wird also jener mit Konys Opfern dramaturgisch so vorgeschaltet, dass man am Schluss fast nicht anders kann, als seine Friends und Follower auf diesen epochalen Social-Media-Event hinzuweisen – und damit hilft, die Kernbotschaft «Fangt Kony!» zu verbreiten.
«Kony2012» bedient diese Mechanik der Selbstverstärkung fast schon beängstigend perfekt und zeigt exemplarisch, wie sich mit einem Minimum an Informationen innert Tagen ein Maximum an Menschen manipulieren und mobilisieren lassen. Deutlich wird zugleich auch die aktuelle Aufgabenteilung klassischer und neuer Medien: Erst wird im Echoraum der sozialen Kanäle gnadenlos emotionalisiert und wirkungsvoll sensibilisiert, dann wird dieses virtuelle Grundrauschen in Mainstream-Medien analysiert und kritisiert. Natürlich kann man den Kony-Campaignern politische Naivität, postkoloniale Arroganz oder blosse Spendenmacherei vorwerfen. Wichtiger scheint mir jedoch, dass hier offenkundig Frustration über opportunistische Interessenspolitik (in diesem Fall der USA) und machtlose Justizapparate (hier das Weltstrafgericht in den Haag) in moralische Motivation verwandelt wird. Und zwar nicht nur beim interaktiven Fussvolk. Angela Merkels Regierungssprecher etwa zwitscherte vor ein paar Tagen.
«#Kony – DEU hat das Thema in den UN-Sicherheitsrat eingebracht. Wir unterstützen Afr. Union im Kampf gegen diese Verbrechen.»
