Aufgespiesst: Carpe Diem
Simone Fankhauser, freie Mitarbeiterin der Werbewoche, über den Anfang vom Ende.
Wie Puderzucker liegt Reif auf Wiesen und Feldern. Krähen im schwarzen Federmantel stolzieren krächzend auf und ab. Der Blick der Sonne reicht trotz Nebelschleier aus, um erste Primeln aus dem Boden zu locken. Es sind Vorboten des Frühlings mitten im Januar. Während die Natur nur darauf wartet, wach geküsst zu werden und alle Säfte für einen neuen Lebenszyklus zu mobilisieren, herrscht bei den Menschen Endzeitstimmung. Die hübsche Szenerie vor unseren Fenstern mag nicht darüber hinwegtäuschen, dass in etwa 336 Tagen die Welt untergehen wird. Selbst wenn man nicht an das unheilvolle Ende des Mayakalenders glaubt, die Vorboten des Untergangs sind da. Die Weltbank warnt vor einem «globalen Absturz auf beiden Seiten des Atlantiks». Worte, bei denen Erinnerungen an Emmerichs Städte verschlingenden Graben wach werden. Die Weltwirtschaft stürzt ins Nirwana und ausgerechnet die Schweiz steht ohne Nationalbankpräsident da. Ist Christoph Blocher etwa ein apokalyptischer Reiter? Doch der Niedergang der zivilisierten Welt offenbart sich im ersten Monat des Jahres nicht nur in der Wirtschaft. Der internationale Skiverband muss sich mit der Beschaffenheit von Damenunterwäsche beschäftigen und RTL zeigt zum x-ten Mal den Überlebenskampf von C-Promis im australischen Dschungel. Es gibt wahrlich nicht mehr viel Hoffnung für die Menschen.
Finale Vermarktung
Was sollen wir also mit der restlichen Zeit anfangen? Ich bin für die Strategie Unilever: «Machen wir das Beste draus.» Versuchen wir, vor dem Ende noch ein bisschen Geld zu verdienen. Und so geht’s: Man nehme eine bestehende Marke, kreiere einen neuen Duft, gebe dem Gemisch den klingenden Namen «2012 Final Edition», produziere einen Werbespot und schon ist sie verflogen, die Endzeitdepression. Es gibt wohl kaum ein Konsumgut, das sich nicht mit dem Weltuntergang vermarkten liesse: Eine Jeans mit dem Namen «Final Cut», eine neue Lebensmittellinie «Final Food», eine Bar mit dem Namen «Final Destination». Die Drinks würden dann Namen tragen wie «Süsser Tod», «Langsamer Tod» oder für ganz Mutige «Qualvoller Tod». Aber eigentlich könnte man noch einen Schritt weitergehen. Jedes Unternehmen plant und budgetiert nur bis zum 21. Dezember 2012. Keine Rückstellungen, kein Sparen. Wir können ja sowieso nichts mitnehmen, wenn wir diese Welt verlassen – ausser die Anhänger von Fiat Lux, die rechtzeitig ein Raumschiff bestellt haben. Für alle anderen bietet das nahe Ende eine riesige Chance. Der Baum vor unserem Fenster überlegt sich schliesslich auch nicht, ob er heuer seine Blütenproduktion herunterfährt, weil der Muotataler Wetterschmöcker für Anfang Mai einen Kälteeinbruch prophezeit hat. Eben. Carpe diem. Und hätte jemand anno 600 das Smartphone bereits erfunden gehabt, wäre 2012 ein Jahr wie jedes andere. Es guets Nois!
