Nichts Genaues weiss man nicht
Seien es aggressive Bakterien oder brünstige Männer, seien es politische Szenarien oder wirtschaftliche Prognosen: Verfolgt man in den Medien die öffentlichen Debatten, dann bleibt der Eindruck, spekulieren geht über studieren. Gastkommentar von Josefa Haas, Leiterin Medieninstitut.

Zuerst waren die Gurken schuld, und erst noch diejenigen aus Spanien. Klar doch, schloss auch ich, hatte ich nicht vor kurzem einen erschütternden Bericht von der Massenproduktion in El Ejido gesehen. Die Katastrophe hatte für einen Moment etwas Versöhnliches: Es lohnt sich, beim Einkauf auf die Herkunft des Gemüses zu achten und saisonales Einheimisches vorzuziehen. Und am nächsten Tag schmeckte der Gurkensalat mit stolzem Kleber «Schweizer Produkt» besonders gut. Zu den schönsten Aha-Erlebnissen gehört die Genugtuung, wenn eine Bedrohung uns nicht betrifft, weil wir ja klar denken, rational entscheiden und allen, die es wissen wollen, einfach erklären können, weshalb dieses gut und jenes schlecht ist. Diese Freude verschaffen sich auch die Redaktionen, wenn sie ihren Leserinnen und Lesern, oder den Nutzern, die digital und multimedial unterwegs sind, schnell Antworten liefern können: Der ist schuld. Die können helfen. Und so müssen Sie sich verhalten. So hat man schnell wieder alles unter Kontrolle. Ungewissheit ist hingegen sehr unangenehm und wird deshalb mit Vorliebe vermieden. Offenbar ist keine Katastrophe beängstigender als das Bekenntnis, dass man (noch) nichts weiss. Dank der Forschung scheint uns eine Bedrohung nach der anderen aus dem Weg geschafft worden zu sein. Dank dem Internet können wir uns jederzeit über alles informieren. Und haben wir eine Frage, dann wird diese dank der Schwarmintelligenz mit Sicherheit schnell beantwortet.
In Lausanne will ein ganz Schlauer sogar unser Gehirn entschlüsseln und nachbilden. Bald soll also bekannt sein, was den Menschen zum Menschen macht und was die Welt im Innersten zusammenhält. Der Mensch ist das neugierigste Lebewesen der Welt. Deshalb kommt er nicht zur Ruhe: Kaum hat er eine Tür der Erkenntnis aufgestossen, verschliesst sich gleich eine weitere vor ihm. Kein Wunder also, stresst ihn Unwissenheit und ist er rastlos auf der Suche nach Antworten.
Die Medien dürfen sich über die Neugierde und das Kontrollbedürfnis der Menschen freuen. Sie sorgen täglich, und inzwischen auch sekündlich, für die Nachfrage nach weiteren Fakten und Meinungen. So darf Professor XY von der Universität XY spekulieren, was die Ursache für das EHEC-Bakterium sein könnte. Verantwortlich für den Erreger könnten der mangelnde Regen, Sprossen, Biogasanlagen oder gar Terroristen sein. Bei jedem Abfragen der Nachrichtenseiten auf dem Internet werden neue Erklärungsversuche präsentiert. Schnell geht dabei der feine Unterschied zwischen einer These und einem belegten Sachverhalt verloren. Diese Spekulationen haben leider nicht nur harmlose Konsequenzen wie beispielsweise Gurkenwitze, sondern drastische wirtschaftliche. Wer haftet künftig für Verunglimpfungen von Gurken?
Wie die Medien profitieren auch zahlreiche Expertinnen und Experten von der Kunst des Tappens im Dunkeln. Besonders Gewiefte nutzen eine Rhetorik, die bei der historischen Rückschau ihre Aussagen auf jeden Fall als korrekte Prognose erscheinen lassen. Wer sich hier weiterbilden möchte, befasst sich am besten mit der Kunst des Kartenlesens, wie sie Mike Shiva und seine Kolleginnen und Kollegen vorführen. Besonders wendig sind auch gewisse Spin-Doctors, die politischen und wirtschaftlichen Wendehälsen argumentativ so zur Seite stehen, dass sie sich dabei nicht den Hals brechen und schlussendlich selber glauben, sie hätten von Anfang an gewusst oder gar gesagt, was Sache ist.
Trotzdem: Wir müssen uns damit abfinden, dass gewisse Rätsel nicht gelöst werden. Auch wenn die Medien dabei die Rolle des Allwissenden übernehmen wollen, der auf jede Frage eine Antwort hat, hilft uns selbst Google nicht immer weiter. Sollte kein Schuldiger für die EHEC-Bakterien gefunden werden, können wir uns noch mit der Erklärung trösten, dass sie sich aus reinem Spass an der Freude mutiert haben. Mit Karl Valentin bleibt uns die Erkenntnis: «Nichts Genaues weiss man nicht.»
