Überzeugt von einer visionären Idee
Maya Reinshagen ist mit ihrer Firma Mayoris im Technopark in Root der führende Anbieter in der Schweiz für Lösungen im Bereich E-Mail-Marketing. Das Unternehmen will nun auch nach Deutschland expandieren.

Schon als Kind war Maya Reinshagen sehr kreativ und hatte ein Flair für Kommunikation. Deshalb hegte sie den Wunsch, Grafikerin zu werden. Sie besuchte an der Kunstgewerbeschule in Bern den Vorkurs und hatte auch die Zusage für eine Lehrstelle in Thun. Weil dieser Grafiker sein Atelier aber unerwartet zügeln musste, wurde der Stellenantritt um ein Jahr verschoben. So lange wollte der Teenager voller Tatendrang nicht warten. «Ich hatte an der Kunstgewerbeschule auch zur Kenntnis nehmen müssen, dass ich zwar in den neun Schuljahren immer die Beste war im Zeichnen. Wenn man aber plötzlich gemessen wird mit den Besten des Jahrgangs aus dem ganzen Mittelland, wird man etwas nüchterner.» Maya Reinshagen fürchtete: «Auf Befehl kreativ sein konnte ich nicht.»
So wählte sie als Alternative eine kaufmännische Lehre, wusste dann allerdings «lange Zeit nicht, wie es weiter gehen soll» – und landete schliesslich bei einer Bank. Sieben Jahre bei der CS entpuppten sich aber als Glücksfall. Die kreative Kaufmännische wurde ins Projekt Match eingespannt. Hier wurde die Fusion der Schweizerischen Kreditanstalt mit der Volksbank zur heutigen Credit Suisse vorbereitet. «Ich war im Team mit den Spezialisten von McKinsey und damit mitten im Kontrollraum des historischen Geschehens.» Diese Welt hat die junge Frau fasziniert. Nicht die Bank an sich, aber die Einsicht, dass hier etwas bewegt werden kann. Als die grösste Fusion der Schweizer Wirtschaftsgeschichte erfolgreich überstanden war, wusste Maya Reinshagen: «Ich will auch einen Job, wo ich etwas bewegen kann.» Sie sammelte weitere Erfahrungen bei der Integration der Neuen Aargauer Bank in die CS-Gruppe. Wie auch bei der Fusion von Kreditanstalt und Volksbank schulte sie hier die Mitarbeiter aller Niederlassungen im Beantworten von Kundenreklamationen, die im Rahmen der Fusion eingingen.
«Als die beiden Fusionen über die Bühne waren, war ich irgendwie übrig geblieben; es gab keine Aufgabe mehr für mich. In der normalen Bankenwelt habe ich mich nicht mehr wohlgefühlt. Der Alltag war zu wenig spannend und für mich zu langsam», blickt die Unternehmerin heute zurück. Mehr Neues versprach damals die Einladung zu einem Event in Bern. Hier wollte die Buchhandlung Stauffacher ihre erste Website präsentieren. «Das war 1998 eine echte Sensation.» Daniel Grossen, der Gründer von Xmedia, hat das Pionierwerk vorgestellt, und Maya Reinshagen war sofort «wie elektrisiert». Nach dem Ende der Vernissage passte sie den Referenten ab, fragte ihn um eine Stelle – und hatte das Glück, dass Grossen sofort eine Assistentin brauchen konnte.
Neben dem klassischen Webfactory-Geschäft betrieb die Xmedia bereits damals Online-Anzeigenmärkte, unter anderem den «Autopool», zu welchem auf Grund der Zusammenarbeit mit dem Automobil Gewerbe Verband Schweiz jeder Schweizer Garagist Zugriff hatte. «Grossen war bereits damals überzeugt, dass die Zukunft dem Content gehörte. Er sollte Recht behalten.» Reinshagen übernahm als seine Assistentin die administrative Reorganisation der Autopool-Kunden und stürzte sich in die Vermarktung der Plattform sowie die sich entwickelnden Affiliates. Eine Zufallsbegegnung mit Folgen. Das Internet erwachte langsam zum Leben. Otto Beisheim expandierte mit seiner Metro-Gruppe in die Schweiz und beteiligte sich an Autopool, der daraufhin umbenannt wurde in AutoScout24. In diesem Pionier-Unternehmen mit späterem Millionenwert wurde Reinshagen in die Geschäftsleitung befördert. Die Anfänge liessen aber noch wenig durchblicken von der späteren Goldgräberstimmung. Die Autopool-Verkäufer hatten bereits vor der Umbenennung in AutoScout24 quer über das Land die Garagisten besucht. Dabei schleppten sie ein Modem mit, verbanden den Computer des Garagisten mit dem Internet und zeigten ihm, wie er online ein «Zeileninserat » in der AutomobilRevue schalten konnte. Auf diese Weise ausgeschriebene Autos landeten automatisch auch online auf Autopool. Anfangs war den Garagisten jedoch das Zeileninserat in der AutomobilRevue viel wichtiger; jedoch stellten sie dann fest, dass ihre Autos eher über das Online-Inserat denn über die Printanzeige einen Käufer fanden.
Während Scout24 rasant weiter wuchs, absolvierte Reinshagen nebenbei das Studium für Betriebswirtschaft an der HFB. Kurz darauf lernte sie ihren heutigen Mann kennen – einen Luzerner. Der anspruchsvolle Job und das zeitaufwändige Pendeln zwischen Flamatt und Luzern wurden nach und nach zu anstrengend, weshalb Maya Reinshagen sich Ende 2000 entschied, eine neue Aufgabe im Raum Zentralschweiz zu suchen. Diese fand sie in der Leitung Online-Marketing bei der auf Crossmedia Publishing spezialisierten 4MEDiA in Baar. «Die Idee des Crossmedia Publishing war eigentlich genial – aber leider der Zeit ein bisschen voraus. Die Leitungen waren für den schnellen Austausch des Contents einfach noch zu langsam.»
Zu ihren Aufgaben als Leiterin Online-Marketing gehörte auch die Betreuung der 4MEDiA-Kunden im Bereich E-Mail-Marketing. 4MEDiA bot nämlich bereits zu dieser frühen Zeit eine eigene Newsletter- Lösung an. «Nach wenigen Wochen musste ich allerdings feststellen, dass der grosse Teil meines Jobs darin bestand, die verärgerten Kunden zu beruhigen, weil die Technik einfach nicht funktionierte.» Die Mails gingen nicht raus, doppelt raus oder falsch. Reinshagen suchte sich deshalb den besten Entwickler der 4MEDiA, Boris Chiavi, und schilderte ihm das Problem. Zusammen wollten sie dieses beheben. Das Ziel: Eine E-Mail-Marketing-Lösung, die Benutzerfreundlichkeit und hohe Qualität im Out¬put vereinte. Gemeinsam stellten sie in ihrer Freizeit einen Businessplan samt Konzept und Datenbank- Modell auf und zeigten, wie damit die technischen Probleme gelöst werden könnten. Die Präsentation bei der Geschäftsleitung löste aber wenig Begeisterung aus. Niemand wollte mehr Geld investieren, weil die Dotcom-Blase bereits erste Anzeichen zum Platzen zeigte. In der Folge suchten sich Reinshagen wie auch Chiavi neue Jobs. Die 4MEDiA musste kurze Zeit später tatsächlich Konkurs anmelden. «Wir hatten aber inzwischen so viel Arbeit in unsere Idee investiert, dass wir nicht einfach aufgeben wollten.»
Während Boris Chiavi beim IT-Outsourcing-Spezialisten Trivadis Unterschlupf fand, arbeitete Maya Reinshagen bei Moneycab und danach bei der Online-Agentur Planetactive weiter. Als «eine Art Hob¬by» tüftelten dazu beide an ihrem Konzept für die E-Mail-Technik weiter, bis eines Tages ein ehemaliger Kollege von 4MEDiA anrief. Dieser arbeitete inzwischen bei Coop und sollte dort das E-Mail-Marketing einführen. Der Informatiker fragte deshalb, ob sie nicht «hurti» ein paar gute Ratschläge hätten. «Hurti» sei etwas schwierig, antworteten Reinshagen und Chiavi, denn tatsächlich waren die beiden schon zwei Jahre am Entwickeln. Als sie schliesslich bei der Coop-Zentrale vorgeladen wurden, waren sie für eine Präsentation von zwei Stunden vorbereitet. Man hatte aber nur 15 Minuten für die «Grünschnäbel» reserviert. «Ich habe deshalb den Computer gar nicht erst gestartet, sondern einfach ein bisschen von unseren Ideen und der bereits entwickelten Lösung erzählt.» Eine Wende mit Folgen: Der Informatikleiter von Coop, August Harder, war derart beeindruckt, dass er sämtliche nachfolgenden Meetings absagte und den ganzen Nachmittag damit verbrachte, Reinsha¬gen und Chiavi über die Details ihrer Ideen zu befragen und sich die bereits entwickelten Ansätze der einzigartigen neuen Software zeigen zu lassen. «Am anderen Morgen um neun Uhr klingelte das Telefon, und wir hatten mit Coop unseren ersten Kunden.» Überzeugen konnten Reinshagen und Chiavi mit ihrem Konzept für ein System, das «hoch professionell ist und gleichzeitig sehr einfach zu bedienen». Dass Mayoris zudem auch noch durchgehend mehrspra¬chenfähig war, gab den Ausschlag.
Trotzdem fühlten sich die beiden immer noch «als Grünschnäbel, die einfach eine Idee hatten». Sie wollten Lösungen anbieten für kleine Unternehmen, die mit den günstigen Möglichkeiten des E-Mails werben wollten, dazu aber keinen eigenen IT-Spezialisten anstellen konnten. Somit musste das System «dubelisicher» sein und vom Frontend her sehr einfach und benutzerfreundlich.
Dank ihrer Grundausbildung in Design und ver¬schiedenen Weiterbildungen im Bereich Online Publishing war Reinshagen in der Lage, das Frontend der neuen Lösung als «Clickable Dummy» komplett nach ihren Ideen und basierend auf einem strikten Usability-Konzept zu entwerfen. Chiavi setzte diese «Kulisse» anschliessend technisch um. Der ursprüngliche Businessplan der beiden sah vor, eine hoch standardisierte Lösung speziell für KMU anzubieten, damit diese von den Vorteilen des E-Mail- Marketings profitieren könnten. Mit dem Auftrag von Coop 2002 verlagerte sich der Fokus zwangsläufig. «Wir mussten eine sehr individualisierte Lösung entwickeln, die den vielfältigen Anforderungen von Coop gerecht wurde.»
Zu Beginn bewältigten die beiden die Betreuung des Kunden Coop parallel zu ihren 100-Prozent-An¬stellungen bei Trivadis und Planetactive. Als die Newsletter für Coop immer zahlreicher wurden und auch weitere Kunden Interesse zeigten, dachte das Team schliesslich ernsthaft über eine Selbständigkeit nach und gründete 2004 eine GmbH. Diese wurde 2006 in eine AG umgewandelt.
Während all diesen Anfängen musste Mayoris nie akquirieren. «Die Kunden sind alle von selbst gekommen.» Das sollte noch einmal extremer werden, als sich Maya Reinshagen 2007 zur Teilnahme an einer TV-Dokusoap überreden liess. Ende 2006 suchte das Institut für Jungunternehmer geeignete Kandidaten für die TV-Dokumentation «SF Start up», in welcher die zehn innovativsten Jungunternehmen der Schweiz gefunden und gekürt werden sollten. «So ein Quatsch. Ohne mich», meinte Maya Reinshagen. Sie wollte auf keinen Fall bei einer Fernsehsendung im Stil von «Traumjob» mitmachen. Die Mitarbeiter des IFJ versicherten ihr jedoch, dass es hier um ein ganz anderes Sendekonzept gehe – und mahnten sie hartnäckig, den Businessplan einzureichen. «Der Ruhe willen» schickte Reinshagen ihre Anmeldung schliesslich ab. Das Projekt «Mayoris» überzeugte. Aus über 1000 Kandidaten wurde Maya Reinshagen von der Jury in die Top Ten gewählt. In der zehnteiligen Dokumentation «Start up» auf SF war Maya Reinshagen schliesslich die einzige Frau unter allen porträtierten Jungunternehmern. Das brachte natürlich einen gewaltigen Medienrummel mit sich. Eine grosse Chance für das junge Unternehmen, das eigentlich mehr «aus Zufall» entstanden war. Der Sieger-Preis bei «SF Start up» war die Präsentation der Geschäftsidee vor einer Gruppe illustrer Investoren. Heliana Canepa, Urs Wietlisbach, Christoph Ringier und drei weitere Business Angels waren so überzeugt von Mayoris, dass sie investieren wollten. «Obwohl wir vorher nie daran gedacht hatten, Investoren zu suchen, wurde uns nun Geld für die Umsetzung unserer weiteren Pläne angeboten. Wir waren zugegebenermassen etwas überrumpelt.»
Jetzt war der Moment gekommen, die ursprüngliche Idee in die Tat umzusetzen: Eine hoch standardisierte E-Mail-Marketing-Suite für jedes Budget, die hoch professionelle Resultate lieferte und per Mausklick an individuelle Bedürfnisse und jedes CI angepasst werden konnte. Die dazu notwendigen Mitarbeiter konnten mit dem Geld der Investoren nun eingestellt werden. Als erste wurden Ehemann Oliver Reinshagen und Martin Bisang angestellt. Oliver Reinshagen, vor seiner Einstellung Leiter und Product Manager verschiedener Online- Projekte, ist heute Leiter Services und damit verantwortlich für Support, Kundenbetreuung und Administration. Martin Bisang, ein alter Kollege aus 4MEDiA-Tagen, wirkt bis heute bei Mayoris als Software-Entwickler. Mit weiteren Spezialistinnen und Beratern in den Bereichen Redaktion und Marketing beschäftigt Mayoris heute 18 Leute.
Der kontinuierliche Ausbau brachte soeben auch eine zweite Finanzierungsrunde mit sich. Diesmal mit der Luzerner Kantonalbank als Lead Investor und der Zürcher Kantonalbank als Co-Investor. Mit der Un¬terstützung dieser beiden hoch professionellen Finan¬zierungspartner will Mayoris ihre Position weiter halten und ausbauen.
Mayoris ist bereits heute der führende Anbieter für Lösungen im Bereich E-Mail-Marketing in der Schweiz. Das hat das Unternehmen anfangs Mai mit der Lancierung des «Ersten Schweizer E-Mail-Marketing-Tags» demonstriert. 165 Interessierte sind zu den hoch¬stehenden Präsentationen fünf ausgewiesener Experten im Luzerner Technopark gekommen. Der Event soll in Zukunft zu einem fixen Treffen der Branche werden. Die Strate¬gie dieser Idee: In Deutschland ist der Markt für E-Mail- Marketing bereits übersättigt. In der Schweiz ortet Maya Reinshagen noch Nachholbedarf. «Viele auslän¬dische Anbieter möchten deshalb für ihre Ex¬pansion in die Schweiz ausweichen. Dieser Kon¬kurrenz können wir hier nur mit Qualität begegnen.»
Reinshagen sieht ihren Marktvorteil darin, dass Mayoris die in der Schweiz so wichtige Qualität sowie persönlichen Service bietet. Ein weiterer USP ist nach wie vor, dass mit Mayoris Kreation, Versand und Aus-wertung mehrsprachiger E-Mailings sehr viel einfacher sind als mit Konkurrenzsystemen. Nicht zuletzt verfügt Mayoris zudem durch die Datenhaltung bei Swisscom IT Services über einen «direkten Draht» zu Bluewin – ein wichtiges Argument für Kunden wie Coop, Swiss¬card oder Mercedes-Benz Schweiz, denen sichere Datenhaltung und einwandfreie Zustellung in der Schweiz wichtig sind.
Für das weitere Wachstum der Firma konzentriert sich Mayoris vorerst hauptsächlich auf die Schweiz. Dazu soll das Netz von Partneragenturen, die mit Mayoris wiederum ihre eigenen Kunden bedienen, jetzt gezielt ausgebaut werden. «Agenturen, die für die Kommunikation ihrer Kunden zuständig sind, sind dank Mayoris in der Lage, schnell und ohne technisches Wissen hoch professionelle E-Mailings zu erstellen, zu versenden und auszuwerten. Ganz abgesehen von den attraktiven Provisionen haben die Agenturen dadurch die Möglichkeit, ergänzende Dienstleistungen wie Konzeption, Redaktion und Umsetzung anzubieten.» Daneben hat Mayoris ihre Fühler aber auch nach Deutschland ausgestreckt. Der erste Schritt dazu ist die kürzlich geschlossene Partner-schaft mit Rabbit eMarketing. Die Zusammenarbeit mit der namhaften Dialog-Marketing-Agentur bringt mit sich, dass die in Deutschland und international bereits erfolgreichen «Hasen» ihre Beratung in der Schweiz mit dem System von Mayoris anbieten. «Ein grosser Vorteil für uns; denn damit haben wir für die Beratung anspruchsvoller Grosskunden Zugriff auf die besten E-Mail-Marketing-Experten Europas.» Umgekehrt wird Mayoris über Rabbit nun auch in Deutschland vertrieben.
Für Maya Reinshagen hat das Wachstum mit sich gebracht, dass sich ihre Aufgaben immer mehr vom operativen «Bauen» eines Newsletters zum Aufbauen einer Firma entwickelt haben. «Der Job hat sich Richtung Management verschoben. Das war jetzt nicht wirklich geplant – ist aber eigentlich genau das, was ich gesucht habe. Ich wollte etwas bewegen». Andreas Panzeri
