Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden
Wie Fukushima bei einem leidenschaftlichen Rhetoriker verbale Blackouts verursacht. Gastkommentar von Oliver Reichenstein, Informationsarchitekt in Tokio.
Jerry Seinfeld, einer meiner grossen Helden, witzelte einst vor grossem Publikum darüber, dass die meisten Menschen das Reden vor Publikum mehr fürchten als den Tod. Ich fand das besonders lustig, denn ich gehöre definitiv nicht zu der Gruppe der Redeverängstigten. Ich rede gerne über Dinge, die mich begeistern, vor allem auf grossen Bühnen. Was gibt es Begeistenderes, als Leute mit der eigenen Begeisterung zu begeistern?
Während ich mir selbst bis vor Kurzem nur wenig Schlimmeres hätte vorstellen können, als in der Nähe eines heruntergeschmolzenen nuklearen Reaktors zu leben, fühlte sich Tokio nach einem Monat schon fast normal an. Spaghetti (halt) mit importiertem Mineralwasser kochen; bei Regen (halt) nicht rausgehen; Spinat (halt) aus Mexiko, Meeresfrüchte (halt) tiefgekühlt aus dem letzten Jahr, Milch (halt) aus Hokkaido. Kaum zu glauben, aber als Tokioter habe ich mich ebenso schnell an die Hölle gewöhnt, wie die westlichen Medien sie vergessen haben. Einzig an die Angst, die einen dazu treibt, all die Vorsichtsmassnahmen fürs Kind zu treffen, konnte ich mich nicht gewöhnen.
Richtig bewusst wurde mir die Fürchterlichkeit unserer persönlichen Gewöhnungs- und medialen Vergessensprozesse erst, als ich letzte Woche in Berlin an einem Event zum Thema Data-Love auf die Bühne trat. Meine Vorgänger hatten, wie üblich, vom Internet geschwärmt, wie es alles verändere und besser mache. Data-Love, DUDE! Ich hatte eine zwanzigminütige Präsentation vorbereitet, doch als ich das Deckblatt meiner Präsentation betrachtete, schien mir plötzlich alles falsch. «Das ist nicht die richtige Präsentation!» Es war nicht das übliche Nervenflattern, irgendwas stimmte nicht mit mir. Nichts schien mehr Sinn zu machen. Da ich kaum Angst vor dem Reden habe, beschloss ich, meine Präsentation aus dem Stegreif zu halten.
Statt mich einleitend, wie üblich, für die Einladung zu bedanken und zu erklären, wie wichtig die Konferenz für mich, uns und die Welt sei, sagte ich, dass Datenliebe eigentlich ein Blödsinn, und falls nicht, dann sicher ein Unsinn sei. «Liebe zur Weisheit, ja, Liebe zu Daten, nein.» Und, so fuhr ich fort, von Daten zur Weisheit sei es ein weiter Weg. Verstand, so behauptete ich, mache aus Daten Information, Vernunft mache aus Information Wissen, und Liebe vielleicht mache aus Wissen Weisheit. Als ob das nicht schon genug der Dunkelheit und Spielverderberei gewesen wäre, ging ich dann dazu über, von der Daten- und Informations- und Wissenslage in Japan zu sprechen. Die Stimmung im Publikum war vergleichbar mit der in Dürrenmatts Tunnel. Und dann verschlug es mir plötzlich die Sprache. Meine Rede dauerte fünf Minuten. Zehn Minuten waren geplant. Was war los mit mir? Glücklicherweise hatte ich am Abend Gelegenheit zu einer anderen Rede, wo ich die Falten etwas ausbügeln konnte.
Zwei Tage später an der TypoBerlin hat sich der Vorfall fast wiederholt. Ich hatte eine Präsentation in zwei Teilen vorbereitet. Nach dem ersten Teil, wo ich auch kurz über Fukushima sprach, fehlten mir plötzlich die Worte und ich ging von der Bühne ohne Dankeschön. Die Rede dauerte 30 Minuten. 45 Minuten waren geplant. Die Leute schauten mich komisch an. Auch Twitter meinte: Gute Rede, soweit, aber was rennt der uns einfach davon mittendrin?
Vor ein paar Tagen war ich zu einer weiteren Rede eingeladen, diesmal an einer Designschule in Milano. Ich beschloss, dieselbe Präsentation nochmals zu halten und mich diesmal beim Reden etwas genauer zu beobachten (was ich sonst tunlichst verhindere, weil denken beim Reden zum Stottern führt). In der Einleitung zum Thema warnte ich meine Zuschauer, dass ich, wie Tage zuvor, plötzlich verschwinden könnte, und beauftragte sie damit, mich, falls ich wieder abhauen sollte, zurückzuholen. Tatsächlich stellte sich nach dem ersten Teil derselbe Fluchtwunsch ein. Ich sagte: «Eigentlich möchte ich nun auch wieder davonrennen. Aber ich probiers noch ein paar Sätze lang.» Das Gelächter, das darauf folgte, half mir durch den zweiten Teil der Rede.
Sonderbar wurde ich dann erst wieder am darauf folgenden Nachtessen. Das Thema war Fukushima. Und auch jetzt geht es mir nicht viel anders. Es ist nicht, dass ich nichts zu sagen hätte. Es verschlägt mir, beim Thema Fukushima, ganz einfach die Sprache und es fällt mir nicht immer ein selbstüberlistender Witz ein, um die heiteren Worte zu finden, die mir die Angst vor dem Tod nehmen.
