Schwachsinn liegt im Trend

Werbewoche-Redaktorin Anne-Friederike Wilhelm über Trends und diplomatische Ernstfälle.

Ende 2009 hat die Londoner Trendberatungsagentur Trendwatching.com verraten, mit welchen Spleens und Strömungen wir in diesem Jahr konfrontiert sein werden. Nicht alle überraschen: «Urbany» zum Beispiel, die zunehmende Urbanisierung, scheint mir kein wirklich neuer Trend zu sein. Schon länger riecht man auf dem Land Parfüm, und in der Stadt durchaus auch mal Landluft. Vor allem, wenn die Mister-Schweiz-Anwerber dort herumlaufen. Auch «(F)luxury» ist nichts neues. Statussymbole sind nicht erst dieses Jahr nicht mehr klar definiert, jeder bestimmt selbst, was für ihn Luxus bedeutet. Trotzdem: Diamanten oder ein alter Porsche ziehen immer.
Mit dem verschwurbelten Schlagwort «Maturalism» kennzeichnet die Agentur den Trend zur Unverblümtheit. «Erlaubt ist alles, was gefällt.» Richtiger wäre: Erlaubt ist alles – auch wenn es nicht gefällt. Sogar knallenge Gummihosen im öffentlichen Raum. Die sind in der Tat ein Trend. Ein ausgemacht scheusslicher. «Wenn alles erlaubt ist, welche Marken werden dann in diesem Jahr wagemutig sein?», stellt die Agentur noch als kreativen Kick in den Raum. Fragen wir doch mal die Mazda-Grazien Li und Sing. Vielleicht wissen die einen Rat.
Pragmatisch Geld ausgeben
Ausserdem erkennt trendwatching.com als neue Masche «Embedded Generosity» (man beachte die trendige Wortwahl!). Grosszügigkeit werde pragmatischer, so die Agentur. Spüren Sie irgendwo Grosszügigkeit? Beim Gehalt sowieso nicht, das ist klar. Vielleicht spenden wir für Haiti, in Erinnerung an die tollen Ferien 2004. Aber der Penner an der Ecke kann sehen, wo er bleibt, ob er «eingebettet» ist oder nicht. «Eco-Easy» ist ein weiteres Trend-Hirngespinst: Die Unternehmen und Regierungen würden die Konsumenten 2010 zwingen, umweltbewusster zu handeln, so trendwatching.com. Roaaaaarrrrrrrrrr. Nach den umwerfenden Erfolgen von Kyoto und Kopenhagen kriege ich wirklich schon richtig Angst.
Viel spannender sind die Trends, die sich derzeit in der Schweiz abzeichnen. Da ist zum Beispiel «Anrempling». Es ist «in», entgegenkommenden Mitmenschen nicht mehr auszuweichen, sondern auf Kollisionskurs zu gehen. Kopf hoch, Miene geradeaus, geh du doch zur Seite, *rempel*. Ein Tipp: Setzen Sie sich nie hinten rechts auf die Rückbank eines Busses. Sonst müssen Sie sich mit aller Macht an den gespreizten Beinen des nebensitzenden Jungschnösels vorbeiquetschen. Wobei wir beim nächsten Trend wären: «Dummdreisting». Die richtig Dummen werden immer mehr und immer lauter, die Cleveren und Sensiblen weichen immer schneller zurück. Sie haben einfach keine Lust auf Konfrontation und Konflikte. Oder auf ein Messer zwischen den Rippen. Darum wagen sie sich am Samstag nicht mehr in die Zürcher Langstrasse. Ein Trauerspiel ist das.
Mut zum Ich-Sein
Aber, als beinahe Halbschweizerin darf ich das sagen, das ist natürlich typisch schweizerisch. Statt Grenzen zu setzen, setzt man auf «Einknicking». Denn es braucht Mut, «einfach ich» zu sein. Siehe den Fall Gaddafi. Rasselt der libysche Diktator mit dem Säbel, schickt die Schweiz lieber einen ihrer Eidgenossen in Folterhaft, als einmal mit der flachen Hand auf den Tisch zu schlagen. «Aber Gaddafi wollte doch die Schweizer Botschaft stürmen.» Ach so, ach ja, na dann. Manchmal wäre es doch gut, amerikanischer Staatsbürger zu sein, gell, Herr Göldi? Barack hätte schon längst seinen Terminator geschickt. Aber vielleicht neigt der Herr Diktator ja zu «Embedded Generosity». Liegt schliesslich mega im Trend.

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