Redaktionen sollten stiften gehen
Investigativer Journalismus bedarf vermehrt privater Geldgeber. In den USA ist das Stiftungsmodell bereits Pulitzerpreis-würdig, in Europa zumindest salonfähig und nun auch in Russland angekündigt. Selbst in der Schweiz gibts schon eine Keimzelle. Gastkommentar von Oliver Classen, Pressesprecher der entwicklungspolitischen Organisation Erklärung von Bern, zuvor Medienredaktor.
Journalismus, der seine demokratische Funktion als «vierte Gewalt» ernst- und wahrnimmt, braucht neben gutem Handwerk vor allem Zeit und Geld. Und investigativer Journalismus braucht von allen drei Ingredienzien bekanntlich noch etwas mehr. Zugleich herrscht in Redaktionen und Verlagen heute ein nachgerade nordkoreanisches Rotstift-Regime. Darunter leidet der gesamte Berufsstand, aber eben auch die Qualität seiner politisch hochrelevanten Produkte. Entsprechend klang die Nachricht vor rund vier Jahren beinahe zu schön, um wahr zu sein: Der langjährige Chefredaktor des Wall Street Journal und das reiche Ehepaar Sandler gründen eine mit 30 Millionen Dollar dotierte Stiftung, die investigativen Journalismus finanziert.
Richtig zur Kenntnis genommen wurde das bahnbrechende Projekt in der Branche freilich erst, als Pro Publica diesen April mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde für eine Geschichte über die skandalösen Zustände in einem Krankenhaus in New Orleans während des Wirbelsturms Katrina 2005. Über zwei Jahre Recherchearbeit und 400 000 Dollar steckten in diesem Scoop, der Ende August 2009 erst auf Propublica.org, dann im Magazin der New York Times publiziert wurde. Der Name «Pro Publica» ist also Programm: Im Dienste einer kritischen Öffentlichkeit sollen Politik und Wirtschaft als Zentren der Macht beobachtet, Fehlverhalten aufgedeckt und Veränderungen zum Besseren angestossen werden.
Die Finanzierung von «Pro Publica» ist bis Ende 2012 gesichert. Und das nicht nur dank der Sandlers. In der Liste der Geldgeber firmieren so illustre Institutionen wie die Ford Foundation des gleichnamigen Autogiganten, die Hewlett Foundation vom texanischen Computermagnaten und die Stiftung einer u. a. für Coca-Cola, Shell, Google und General Motors tätigen Anwaltskanzlei. So stehts auf der Website, denn Transparenz ist das oberste Gebot dieser journalistischen Pioniere. Das Problem möglicher Einflussnahmen besteht natürlich trotzdem, ist aber geringer als in konventionellen Verlagen mit einflussreichen Werbegrosskunden. Wenn die Spender PR in eigener Sache machen, dann zu Recht als Sponsoren von relevantem, zukunftsfähigem Recherchejournalismus. Im Übrigen unterzeichnet jeder ideelle Investor eine rechtsverbindliche Zusage, sich aus allen redaktionellen Entscheidungen herauszuhalten.
Auch in Europa fassen spendenfinanzierte Redaktionen allmählich Fuss. Ende April hat das «Bureau of Investigative Journalism» in London erfolgreich seine Arbeit aufgenommen und im Herbst bereits eklatante Missstände im britischen Gesundheitssystem aufgedeckt. Der Adelsschlag erfolgte dann ausgerechnet vom natürlichen Wettbewerber Wikileaks, das dem «Bureau» zeitgleich mit dem Guardian alle «Warlogs» aus dem Irak zur Auswertung zuspielte. Ebenfalls inspiriert vom Phänomen Wikileaks hat nun der russische Oligarch Alexander Lebedew eine «Glasnost»-Stiftung für unabhängigen investigativen Journalismus gegründet. Dass der umtriebige Banker 49 Prozent der oppositionellen Nowaja Gaseta hält und in England kürzlich den Independent und den Evening Standard kaufte, zeigt an: Der Mann weiss, was er tut, und glaubt an Zukunft und Notwendigkeit des «Funding Journalism».
Diese Überzeugung teilt er mit Jürg Vollmer, Initiant von «Maiak» und bislang einziger Redaktor des bislang einzigen spendenfinanzierten Schweizer Medienprojekts. Der Mitte 2009 lancierte Zürcher «Newsroom for Eastern Europe» liefert allerdings weniger Scoops als Hintergrundberichte über postsowjetische Transformationsländer, aus denen sonst kaum berichtet wird. Denn «Maiak» muss mit 150’000 Franken Jahresbudget auskommen, die von der «Gesellschaft Schweiz-Russland» stammen. Solch interessante, aber harmlose Experimente in Ehren: Was in der notorisch verfilzten Schweiz nottut, ist mehr und besserer Recherchejournalismus. Dieser Kernbefund der aktuellen Qualitätsdebatte ist unbestritten. Bleibt die rhetorische Frage, wo professioneller «Funding Journalism» finanzierbarer ist als im Land der 12’000 Stiftungen mit einem Kapital von über 30 Milliarden Franken.
Richtig zur Kenntnis genommen wurde das bahnbrechende Projekt in der Branche freilich erst, als Pro Publica diesen April mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde für eine Geschichte über die skandalösen Zustände in einem Krankenhaus in New Orleans während des Wirbelsturms Katrina 2005. Über zwei Jahre Recherchearbeit und 400 000 Dollar steckten in diesem Scoop, der Ende August 2009 erst auf Propublica.org, dann im Magazin der New York Times publiziert wurde. Der Name «Pro Publica» ist also Programm: Im Dienste einer kritischen Öffentlichkeit sollen Politik und Wirtschaft als Zentren der Macht beobachtet, Fehlverhalten aufgedeckt und Veränderungen zum Besseren angestossen werden.
Die Finanzierung von «Pro Publica» ist bis Ende 2012 gesichert. Und das nicht nur dank der Sandlers. In der Liste der Geldgeber firmieren so illustre Institutionen wie die Ford Foundation des gleichnamigen Autogiganten, die Hewlett Foundation vom texanischen Computermagnaten und die Stiftung einer u. a. für Coca-Cola, Shell, Google und General Motors tätigen Anwaltskanzlei. So stehts auf der Website, denn Transparenz ist das oberste Gebot dieser journalistischen Pioniere. Das Problem möglicher Einflussnahmen besteht natürlich trotzdem, ist aber geringer als in konventionellen Verlagen mit einflussreichen Werbegrosskunden. Wenn die Spender PR in eigener Sache machen, dann zu Recht als Sponsoren von relevantem, zukunftsfähigem Recherchejournalismus. Im Übrigen unterzeichnet jeder ideelle Investor eine rechtsverbindliche Zusage, sich aus allen redaktionellen Entscheidungen herauszuhalten.
Auch in Europa fassen spendenfinanzierte Redaktionen allmählich Fuss. Ende April hat das «Bureau of Investigative Journalism» in London erfolgreich seine Arbeit aufgenommen und im Herbst bereits eklatante Missstände im britischen Gesundheitssystem aufgedeckt. Der Adelsschlag erfolgte dann ausgerechnet vom natürlichen Wettbewerber Wikileaks, das dem «Bureau» zeitgleich mit dem Guardian alle «Warlogs» aus dem Irak zur Auswertung zuspielte. Ebenfalls inspiriert vom Phänomen Wikileaks hat nun der russische Oligarch Alexander Lebedew eine «Glasnost»-Stiftung für unabhängigen investigativen Journalismus gegründet. Dass der umtriebige Banker 49 Prozent der oppositionellen Nowaja Gaseta hält und in England kürzlich den Independent und den Evening Standard kaufte, zeigt an: Der Mann weiss, was er tut, und glaubt an Zukunft und Notwendigkeit des «Funding Journalism».
Diese Überzeugung teilt er mit Jürg Vollmer, Initiant von «Maiak» und bislang einziger Redaktor des bislang einzigen spendenfinanzierten Schweizer Medienprojekts. Der Mitte 2009 lancierte Zürcher «Newsroom for Eastern Europe» liefert allerdings weniger Scoops als Hintergrundberichte über postsowjetische Transformationsländer, aus denen sonst kaum berichtet wird. Denn «Maiak» muss mit 150’000 Franken Jahresbudget auskommen, die von der «Gesellschaft Schweiz-Russland» stammen. Solch interessante, aber harmlose Experimente in Ehren: Was in der notorisch verfilzten Schweiz nottut, ist mehr und besserer Recherchejournalismus. Dieser Kernbefund der aktuellen Qualitätsdebatte ist unbestritten. Bleibt die rhetorische Frage, wo professioneller «Funding Journalism» finanzierbarer ist als im Land der 12’000 Stiftungen mit einem Kapital von über 30 Milliarden Franken.
