Krieg und Frieden in Netzwerken

Netzwerke und Seilschaften bleiben heute nicht mehr lange geheim. Transparenz wird dadurch zu einem Must. Gastkommentar von Josefa Haas, Leiterin Medieninstitut.

Damit hat niemand gerechnet: Die beiden Besitzer der Basler Zeitung Medien, Tito Tettamanti und Martin Wagner, haben nach wenigen Monaten das Unternehmen verkauft. Nach den Protesten der Redaktion und von Vertretern der Basler Öffentlichkeit fehlte ihnen offenbar die zentrale Grundlage für ein Mediengeschäft: das Vertrauen. Der versierte Financier Tito Tettamanti tat, was er wohl mit anderen Investitionen in einem vergleichbaren Fall auch getan hätte, er stiess seine Beteiligung so schnell wie möglich ab. Zum finanziellen Risiko kam hier noch eine persönliche Verletzung. Die Verbindungen zu Christoph Blocher schürten den Verdacht, die neuen Besitzer seien Teil des erweiterten politischen SVP-Zirkels: Die Rolle des Zeitungsbesitzers drängte Tito Tettamanti ins öffentliche Rampenlicht, statt Applaus gab es allerdings Buhrufe.
Martin Wagner und Tito Tettamanti wurden dank ihrer Netzwerke zu Verlegern. Es waren wiederum ihre Netzwerke, die zu ihrem Rückzug führten. Die Versuche, in der Kommunikation sachliche Gründe für ihre Entscheidungen aufzuführen, waren fruchtlos: Der Chefredaktor Markus Somm und der Berater Christoph Blocher konnten ihrer gemeinsamen Geschichte nicht entkommen. Wenn der Biograf und der Porträtierte innert kurzer Zeit im selben Unternehmen Schlüsselrollen erhalten, dann sorgten wohl die guten Beziehungen für die Zusammenarbeit. Wenn die Positionen in einem Netzwerk verteilt werden, bleibt dieses Netzwerk im Zentrum der Aufmerksamkeit.
In der Medienbranche funktionieren Seilschaften und Beziehungsnetze sehr gut. Sie haben auch durchaus ihre guten Seiten: Man kennt sich, ist ein eingespieltes Team, muss sich nicht über Haltungen und Arbeitsweisen streiten. Vertraute Kollegen machen keinen Stress. Und mit ihnen kann man am Abend auch noch locker ein Bier trinken. Die Nachteile: Zu viel Nähe macht blind. Indem man sich gegenseitig auf die Schulter klopft, verdeckt man zugleich Schwächen. Für Aussenstehende sind die Hürden gross für den Zugang zu einem Club. Und der grösste Nachteil: Diese Netzwerke sind gern diskret. Die Leserinnen und Leser wissen in der Regel nichts davon.
Das wird sich allerdings ändern: Neue Gewohnheiten schaffen neue Bedürfnisse. Heute braucht es zwei Klicks und die Lebensläufe meiner Kontakte sind auf meinem Bildschirm. Will ich sie noch etwas besser kennenlernen, schau ich mir ihren Freundeskreis genauer an. Sag mir, in welchen Netzwerken du dich bewegst, und ich sage dir wer du bist. Wer kennt wen? Wer ist mit wem befreundet? Oder geschäftlich verbunden? Wer ist ein indirekter Kontakt? Oder ein direkter Kontakt? Wo bestehen Abhängigkeiten, wirtschaftliche und/oder persönliche? Wer hat bei wem noch eine Rechnung offen?
Wer sein soziales Netzwerk im Internet aufbaut, entdeckt überraschende Verbindungen. Der Erfolg von Facebook und Xing schafft unter anderem auch ein neues Bewusstsein über die Bedeutung von Netzwerken. Und diejenigen, welche die Kontakte analysieren, entdecken spannende Muster. Interessante Studien zeigen, wie sich beispielsweise Meinungsmuster über Twitter und Facebook verbreiten. Faszinierend und zugleich erschreckend ist, wie viel mit öffentlich zugänglichen Daten über Privatpersonen herausgefunden werden kann.
Von den Medienverantwortlichen wird heute erwartet, dass sie auch Persönliches preisgeben. Wer heute im Internet einem Autor die Aufmerksamkeit schenkt, will auf sein Profil zugreifen können, etwas über seine Kompetenzen erfahren, seine Haltungen, seine Vorlieben. Medienanbieter können nicht als Neutrum Informationen in die Welt schicken. Wenn Nachrichten beliebig abrufbar sind, dann macht die Kenntnis über den Absender eine Geschichte erst wertvoll. Dies gilt nicht nur für die Medienschaffenden, sondern auch für die Eigner und die Manager von Medienunternehmen. Die Offenlegung der Motivationen und Ziele, die Transparenz über Produktionsverfahren und Mittelflüsse gehört zum künftigen Medienmarketing. Auch hier will die digitale Öffentlichkeit die verantwortlichen Gesichter und ihre Geschichten kennenlernen.
Moritz Suter präsentiert den Kauf als einen Entscheid, den er nur mit seiner Frau abgesprochen hat. Auch er lebt allerdings in seinen Netzwerken. Bereits wird darüber spekuliert, wer ihn beim Kauf unterstützte. Ohne diese Beziehungen kann er die Basler Zeitung nicht im Lesermarkt und im Werbemarkt erfolgreich verankern. Schafft er es, innerhalb und unter den Netzwerken Vertrauen aufzubauen, werden seine Beziehungen hoffentlich bald für die wirtschaftliche Stabilität sorgen, welche die Voraussetzung für erfolgreichen Qualitätsjournalismus ist.

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