«Die Quantität des Bösen hat sich verändert, nicht die Qualität»

Sigi Feigel über einen unbezwingbaren Feind der Menschlichkeit: Die Gewalt

Sigi Feigel über einen unbezwingbaren Feind der Menschlichkeit: Die GewaltMit friedlichen Mitteln kämpft Sigi Feigel seit 20 Jahren im Rahmen der von ihm initiierten Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus (GRA) gegen Gewalt. Um sie einzudämmen, ruft der 80-jährige Jurist die Bevölkerung nun durch die Kampagne «gemeinsam gegen Gewalt» zu mehr Zivilcourage auf (siehe auch Seite 10).Welches Resultat erwarten Sie von der Kampagne «gemeinsam gegen Gewalt»?
Sigi Feigel: Eine Sensibilisierung. Es schlagen nämlich nicht einfach etwa Skinheads auf Schwarze ein. Es ermordet nicht einfach ein Halbwahnsinniger einen Juden, sondern hinter allen Gewalttaten verbirgt sich etwas, was wir rechtzeitig überlegen und bekämpfen müssen. Ich habe die Überzeugung gewonnen, dass man die ganzen Wurzeln zu erfassen versuchen, dass man an den Anfang gehen muss. Der Anfang ist die Diskriminierung im Allgemeinen, sind Vorurteile, der Hass, der sich dann gegen einzelne Minderheiten richtet. Ich zeige das jeweils am Beispiel Hitlers auf, der durch den Judenhass an die Macht kam. Ein anderes einigendes Programm kannte der Nationalsozialismus eigentlich nicht. Am Anfang stand die Vernichtung von 6 Millionen Juden. Das Ende war ein Weltkrieg, der 50 Millionen Menschen das Leben kostete.
Weshalb heisst das Credo der Kampagne «gemeinsam gegen Gewalt»?
Feigel: Die Diskriminierung der Minderheiten trifft zwar Minderheiten, aber sie ist das Problem der Mehrheit. Es geht um die Zivilcourage, darum, was jeder selber gegen physische Gewalt tut. Die Mehrheit der Leute ist anständig und will, dass Anstand herrscht. Doch viele von ihnen denken, dass man nichts ändern kann. Diese wollen wir durch die Kampagne motivieren und sensibilisieren, indem wir sagen: «Achtung, Gewalt kann auch dich selbst treffen.» Durch die Kampagne werden die Leute auf das Problem aufmerksam und können sich wahrscheinlich besser wehren.
Weshalb erscheint die Kampagne gerade jetzt?
Feigel: Momentan gibt es viele Herde, in denen Feuer mottet. Wenn ich auf die Weltgeschichte blicke, hatte jedes Jahrhundert seine grässlichen Kriege, und wo sich die Religionen eingemischt hatten, hinterliessen sie die breitesten Blutspuren. Aber während früher ein Soldat mit einer Hellebarde vielleicht zehn Feinde tötete und dann müde war, kann er heute mit einer Maschinenpistole in einer Minute 250 Menschen umbringen. Die Quantität des Bösen hat sich verändert, nicht die Qualität, die ist immer noch dieselbe. Unsere Zeit ist aber nicht schlimmer als andere. Im Gegenteil. Aber wir leben im so genannten Informationszeitalter. Wenn im hintersten Bundesstaat Indiens ein Zug entgleist, wissen wir das eine halbe Stunde später. Das stumpft uns ab. Es ist der Moment gekommen, in dem man die Leute darauf aufmerksam machen muss, dass Gewalt nicht etwas ist, was sich auf gewisse unbedeutende Einzelvorfälle beschränkt, die keine Auswirkung auf das Gesamte haben, sondern Ausdruck eines Denkens, das der demokratischen Staatsordnung, die auf Respekt und Menschenwürde gründet, mithin der menschlichen Freiheit gefährlich wird.
Aus welchen Beweggründen engagieren Sie sich gegen die Gewalt?
Feigel: Um der Judenverfolgung zu entgehen, kam mein Vater als 14-Jähriger aus Russland in die Schweiz. Eigentlich wollte er nach Deutschland. Um eine Stelle als Hilfsmechaniker zu finden, gab er sich vier Jahre älter aus. Aber Juden bekamen keine solche Arbeit. Schliesslich ging er in die Schweiz, wo er eine Anstellung fand. Ich bin in der Schweiz geboren, aufgewachsen, habe meinen Militärdienst geleistet, und bei allem, was passiert ist, wurde mir kein Haar gekrümmt. Links und rechts kamen die Menschen grässlich zu Tode. Zu Beginn war es Dankbarkeit, die mich motivierte, aber nun ist es eine Verpflichtung geworden, mich gegen die Gewalt zu engagieren. Nicht nur für uns Juden. Die ersten Italiener, die in die Schweiz kamen, waren «Tschinggen». Ich habe einfach gesehen, dass Minderheiten schlecht dran sind. Wir wissen, wo Gewalt, Terror und Diskriminierung beginnen, nicht aber, wo sie enden. Wir müssen den Anfängen wehren. Im Interesse des Ganzen,
des Menschlichen und der Demokratie.
Glauben Sie wirklich daran, dass man die Menschen ändern kann?
Feigel: Ganz wird man das Gewalttätige nicht aus dem Menschen herausbringen. Der Mensch hat Milchzähne und Fleischzähne. Er wird immer ein wenig ein Raubtier bleiben, sonst bräuchten wir kein Strafgesetz. Mit dem Antirassismusgesetz etwa merzt man den Rassismus nicht aus, aber man bekämpft ihn. Auch Mord, Diebstahl und Betrug rottet man mit dem Gesetz nicht aus, aber man hält die Kontrolle in den Händen, man kann etwas dagegen unternehmen. Die Herausforderung besteht darin, trotz aller Schwierigkeiten den Mut nicht zu verlieren und weiterzumachen. Der «Erfolg» im Kampf gegen die Gewalt macht bescheiden. Ich kann höchstens sagen, es wäre noch schlimmer, wenn man nichts dagegen unternommen hätte. Gegen die Gewalt kann man nicht in dem Sinn ankämpfen, dass sie verschwindet. Sie ist ein Teil der menschlichen Dummheit, die man nie schützen müssen wird. Die menschliche Dummheit wird es immer im Überfluss geben.
Hassen Sie manchmal?
Feigel: Ich muss ehrlich sagen, wenn ich etwa höre, dass wieder ein mit Kindern besetzter Bus in die Luft gesprengt worden ist, dann bekomme ich schon eine Wut. Aber dann meldet sich der Verstand, der sagt, dass die Täter verleitete, verführte und bedauernswerte Existenzen sind, die kein Zuhause und vielleicht auch nichts zu essen haben.
Kann es denn einen dauerhaften Frieden geben?
Feigel: Es wird nie einen echten Frieden geben, solange die wichtigste Grundlage des Unfriedens nicht beseitigt ist: das Elend der Menschen. Solange so viele Menschen an der Hungergrenze leben, kann es keinen Frieden geben. Erst wenn alle ein Auskommen und eine Wohnung haben, ihre Kinder erziehen und zur Schule schicken können, wird zwar nicht alle, aber doch ein grosser Teil der Gewalt verschwinden. Darauf hin müssen wir arbeiten. Statt Gewehre und Munition muss man den Leuten Schaufeln und Pickel und den Mut geben, sich damit ein Haus zu bauen. Da aber jedes Jahr Millionen Menschen neu dazukommen, ist das ein fast unlösbares Problem.
Interview: Ernst Weber

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