Farbbilder aus der Werbesteinzeit
Das einstige Burma öffnet sich vorsichtig – die Werbung glänzt noch bunt und anarchisch
Das einstige Burma öffnet sich vorsichtig – die Werbung glänzt noch bunt und anarchischVon Werner Catrina In Yangon, der Hauptstadt Myanmars, verzücken bunte und schillernde Plakate die Augen des westlichen Betrachters: Gold und Blau sind die vorherrschenden Farben, die für Burmesen unerschwingliche Produkte anbieten. Werbung trägt hier noch die anarchischen Züge einer Wundertüte.
«Mac Burger» wirkt irgendwie vertraut und doch haarscharf
daneben. Der Verschnitt zweier global bekannter Label würde in westlichen Industriestaaten von Copyschützern gnadenlos verfolgt und gebüsst. In Myanmar, dem einstigen Burma, sind derartige Kreationen jedoch allgegenwärtig. In diesem lange abgeschotteten Land erlebt die Marktwirtschaft ihr zaghaftes Morgenrot. Doch ins romantische Bild mischen sich unzählige Grautöne. Die Kapitale Yangon – früher hiess die Stadt Rangoon – präsentiert sich als bunter Bilderbogen wahrer Werbeanarchie. Hier schmückt sich ein Coiffeurladen für Herren ungeniert mit dem Boss-Signet, als wärs ein Schuppen für edle Bekleidung, dort steht über einer zur Strasse hin offenen Schneiderei gross Pierre Cardin. Zwei Beispiele von vielen.
Die Erklärung von Bern hat Triumph aus Burma geschasst
Die Burmesen haben traditionell ein Flair für intensive Farben und für Gold. Beides prägt die Werbeszene, wenn es auch statt Gold vor allem die Farbe Gelb ist. Frappante Gegensätze begegnen einem auf Schritt und Tritt: Neben der Sule-Pagode, einem mit Gold vollgepackten Bauwerk im Zentrum von Yangon, lächelt Cindy Crawford mit einer Omega. «Cindy’s choice!» Diesmal kein Fake, denn die Swatch Group hat das südostasiatische Land als eine der letzten Bastionen ins Visier genommen. Als Kunden in Frage kommen jedoch nur die obersten 10000 der 47 Millionen Einwohner, die Generäle und ihre Clans und die schmale Wirtschaftselite, vielleicht auch kaufkräftige Touristen.
Ob Strand-, Inya- oder Maha Bandoola-Road – Yangon jedenfalls ist eine Wundertüte für alle an Werbung Interessierten. Doch irgendwie ist das alles nur marktwirtschaftliche Kulisse. Myanmar ist nämlich immer noch ein Agrarland, in dem 44 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) in der Land- und Forstwirschaft sowie der Fischerei erarbeitet werden. Fast zwei Drittel aller Beschäftigten sind in diesen Sektoren tätig. Dienstleistungen, darunter namentlich der Tourismus, machen ungefähr 40 Prozent des BIP aus.
Die industrielle Produktion spielt eine untergeordnete Rolle, weshalb die Militärregierung alles unternimmt, um ausländische Investoren und Produktionsbetriebe anzulocken. Für Textilfirmen – zum Beispiel das Miederunternehmen Triumph – entwickelte sich der Produktionsstandort Myanmar jedoch zum Spiessrutenlauf.
Das Unternehmen wurde auf Initiative der Entwicklungsorganisation Erklärung von Bern von internationalen Medien an den Pranger gestellt, weil es durch sein Engagement indirekt das Militärregime stütze: Zweifellos hat das Bild vom Büstenhalter aus Stacheldraht auf Samtkissen die Öffentlichkeit aufgerüttelt (siehe WW 46/01). Offensichtlich ist, dass die Generäle wirtschaftlich inkompetent sind und das Land heruntergewirtschaftet haben. Investitionen aus dem Ausland sind dringend nötig; sie kommen umso rascher, je schneller sich die politische Situation normalisiert.
Ein Paar Jeans kostet fast einen Monatslohn
Manches wirkt hier irgendwie surreal. Ein paar Touristinnen in Diesel-Jeans schlendern mit schwarzen Designer-Rucksäcken ins mondäne Strandhotel aus der Kolonialzeit. Dazu kontrastieren einige einheimische Jünglinge in ihren Longyis, eine Art Wickeljupes. Eine Schar vorbeiziehender Mönche in ihren roten und rostfarbenen Umhängen vervollkommnen das exotische Bild.
Die Burmesen widerstehen bis heute den internationalen Modetrends mit erstaunlicher Hartnäckigkeit. Sicher liegt das auch an der Kaufkraft, denn ein Paar Markenjeans kostet fast einen Monatslohn, der im Durchschnitt einiges unter 50 Dollar liegt. Kyat ist die burmesische Währung; gemäss dem – rein fiktiven – offiziellen Wechselkurs wird ein US-Dollar zu 8 Kyat umgetauscht.
Dennoch: Westliche Konsumwut und Schönheitsideale infiltrieren das Land zusehends. Fast allgegenwärtig ist die – stets violette – Werbung für Lux-Seifen, die an das Europa der Fünfzigerjahre gemahnt. Diese Seife repräsentiert für die ärmeren Schichten den Mythos gepflegter Schönheit; insgeheim eifert man immer noch den Schönheitsidealen der einstigen Kolonialherren nach.
Silk Air, eine Tochter der Singapore Airlines, die täglich von Singapur nach Yangon fliegt, wirbt im Zentrum der Hauptstadt mit grossen Plakaten. Viele europäische und asiatische Touristen fliegen via den Hub Singapur ins Land. Ungefähr 150000 ausländische Touristen reisen im Jahr nach Myanmar, das wegen seiner landschaftlichen Schönheit und der Pracht seiner Kulturschätze als Geheimtipp gilt.
Bunte Märkte als noch intakte Urzelle der Werbung
Im Schnitt weilen die Gäste acht Tage im Land, zu wenig für das enorme kulturelle und landschaftliche Potenzial. Doch wer eine Reise hierher plant, stellt sich unweigerlich die Gewissensfrage: Darf man überhaupt nach Myanmar kommen? Manche oppositionelle Intellektuelle sitzen im Gefängnis, und eine freie Presse gibt es nicht. Weil das Land lange von der Aussenwelt abgeschottet war, hat sich jedoch vieles in ursprünglicher Form erhalten.
Rund 100000 direkte und ungezählte indirekte Jobs hängen am Fremdenverkehr, eine für Myanmar überragend wichtige Einnahmequelle, welche die Regierung möglichst noch viel stärker sprudeln lassen will.
Eine der vielen touristischen Attraktionen bilden dabei die farbigen, vor Waren überquellenden Märkte. Der grösste Markt der Hauptstadt hiess während der britischen Kolonialzeit Scott Market und ist später in Bogykoke-Aung-San-Markt umgetauft worden. Er trägt jetzt den Namen des Unabhängigkeitskämpfers Aung San. Die ausliegenden Waren sprechen für sich selbst; Werbung ist auf diesen Märkten nicht von Nöten, ob man nun Longyis und die assortierten Mandalay-Slippers sucht oder Früchte einkaufen möchte. Handeln ist hier obligatorisch. Wer es nicht tut, ist selber schuld. Anders in den gegenüberliegenden Supermärkten, wo Fixpreise gelten. Das muss einen jedoch nicht vom Feilschen abhalten.
Bunt und lebhaft präsentiert sich der chinesische Markt, auf dem von Zierfischen über Goldreifen bis zu Schöpfkellen alles Erdenkliche angeboten wird. Im Thain-Gyi-Markt an der Konzaydan Street, früher als «indischer Markt» bekannt, duften Gewürze betörend. Inzwischen bieten hier auch Chinesen und Burmesen eine breite Palette von Waren an. Auch hier wird Werbung klein geschrieben; man begnügt sich in der Regel mit den Namen der Standbesitzer.
Die Infiltration durch die Konsumwelt schreitet voran
Die Militärjunta liess viele Spuren des europäischen Einflusses zerstören, schleifte Bauten und vernichtete Kunstwerke, zum Beispiel von Hand gemalte holländische Fliesen an der grandiosen Schedagon-Pagode in Yangon. Unternehmen aus
Europa sind hier hochwillkommen. Doch viele Staaten und Firmen boykottieren das Land weiterhin. Und mancher Tourist, der das Land eigentlich gerne sehen möchte, überlegt es sich doch noch anders.
Im renommierten Magazin Asiaweek wird in einem umfassenden, kritischen Bericht über Myanmar ein Dissident zitiert, der sechs Jahre im Gefängnis sass: «Dieser Boykott ist schlecht für das Land. Die Generäle werden reicher, und die Armen werden ärmer. Wir brauchen Kontakt mit der Aussenwelt, wir brauchen Investitionen und neue Industrien. Ausländer bringen Ideen und neue Fähigkeiten. Das brauchen wir, das ist der einzige Weg nach vorne.» Ein touristischer Boykott bringe nichts, beschwört uns auch unser gut informierter Tourguide Benno: «Wir brauchen Touristen, die Reformen kommen später. Viel eher mit als ohne Touristen!»
Auf der Fahrt zurück ins Inya-Lake-Hotel in Yangon passieren wir riesige Plakatwände, auf denen die Errungenschaften
der Militärregierung verherrlicht werden. Doch die grossflächige staatliche Propaganda weicht zunehmend kommerziellen Plakaten. Etwas später springen auf einer Plakatwand fröhliche Delphine aus blauen Wellen, eine Werbung für Klosettpapier…
«Mac Burger» wirkt irgendwie vertraut und doch haarscharf
daneben. Der Verschnitt zweier global bekannter Label würde in westlichen Industriestaaten von Copyschützern gnadenlos verfolgt und gebüsst. In Myanmar, dem einstigen Burma, sind derartige Kreationen jedoch allgegenwärtig. In diesem lange abgeschotteten Land erlebt die Marktwirtschaft ihr zaghaftes Morgenrot. Doch ins romantische Bild mischen sich unzählige Grautöne. Die Kapitale Yangon – früher hiess die Stadt Rangoon – präsentiert sich als bunter Bilderbogen wahrer Werbeanarchie. Hier schmückt sich ein Coiffeurladen für Herren ungeniert mit dem Boss-Signet, als wärs ein Schuppen für edle Bekleidung, dort steht über einer zur Strasse hin offenen Schneiderei gross Pierre Cardin. Zwei Beispiele von vielen.
Die Erklärung von Bern hat Triumph aus Burma geschasst
Die Burmesen haben traditionell ein Flair für intensive Farben und für Gold. Beides prägt die Werbeszene, wenn es auch statt Gold vor allem die Farbe Gelb ist. Frappante Gegensätze begegnen einem auf Schritt und Tritt: Neben der Sule-Pagode, einem mit Gold vollgepackten Bauwerk im Zentrum von Yangon, lächelt Cindy Crawford mit einer Omega. «Cindy’s choice!» Diesmal kein Fake, denn die Swatch Group hat das südostasiatische Land als eine der letzten Bastionen ins Visier genommen. Als Kunden in Frage kommen jedoch nur die obersten 10000 der 47 Millionen Einwohner, die Generäle und ihre Clans und die schmale Wirtschaftselite, vielleicht auch kaufkräftige Touristen.
Ob Strand-, Inya- oder Maha Bandoola-Road – Yangon jedenfalls ist eine Wundertüte für alle an Werbung Interessierten. Doch irgendwie ist das alles nur marktwirtschaftliche Kulisse. Myanmar ist nämlich immer noch ein Agrarland, in dem 44 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) in der Land- und Forstwirschaft sowie der Fischerei erarbeitet werden. Fast zwei Drittel aller Beschäftigten sind in diesen Sektoren tätig. Dienstleistungen, darunter namentlich der Tourismus, machen ungefähr 40 Prozent des BIP aus.
Die industrielle Produktion spielt eine untergeordnete Rolle, weshalb die Militärregierung alles unternimmt, um ausländische Investoren und Produktionsbetriebe anzulocken. Für Textilfirmen – zum Beispiel das Miederunternehmen Triumph – entwickelte sich der Produktionsstandort Myanmar jedoch zum Spiessrutenlauf.
Das Unternehmen wurde auf Initiative der Entwicklungsorganisation Erklärung von Bern von internationalen Medien an den Pranger gestellt, weil es durch sein Engagement indirekt das Militärregime stütze: Zweifellos hat das Bild vom Büstenhalter aus Stacheldraht auf Samtkissen die Öffentlichkeit aufgerüttelt (siehe WW 46/01). Offensichtlich ist, dass die Generäle wirtschaftlich inkompetent sind und das Land heruntergewirtschaftet haben. Investitionen aus dem Ausland sind dringend nötig; sie kommen umso rascher, je schneller sich die politische Situation normalisiert.
Ein Paar Jeans kostet fast einen Monatslohn
Manches wirkt hier irgendwie surreal. Ein paar Touristinnen in Diesel-Jeans schlendern mit schwarzen Designer-Rucksäcken ins mondäne Strandhotel aus der Kolonialzeit. Dazu kontrastieren einige einheimische Jünglinge in ihren Longyis, eine Art Wickeljupes. Eine Schar vorbeiziehender Mönche in ihren roten und rostfarbenen Umhängen vervollkommnen das exotische Bild.
Die Burmesen widerstehen bis heute den internationalen Modetrends mit erstaunlicher Hartnäckigkeit. Sicher liegt das auch an der Kaufkraft, denn ein Paar Markenjeans kostet fast einen Monatslohn, der im Durchschnitt einiges unter 50 Dollar liegt. Kyat ist die burmesische Währung; gemäss dem – rein fiktiven – offiziellen Wechselkurs wird ein US-Dollar zu 8 Kyat umgetauscht.
Dennoch: Westliche Konsumwut und Schönheitsideale infiltrieren das Land zusehends. Fast allgegenwärtig ist die – stets violette – Werbung für Lux-Seifen, die an das Europa der Fünfzigerjahre gemahnt. Diese Seife repräsentiert für die ärmeren Schichten den Mythos gepflegter Schönheit; insgeheim eifert man immer noch den Schönheitsidealen der einstigen Kolonialherren nach.
Silk Air, eine Tochter der Singapore Airlines, die täglich von Singapur nach Yangon fliegt, wirbt im Zentrum der Hauptstadt mit grossen Plakaten. Viele europäische und asiatische Touristen fliegen via den Hub Singapur ins Land. Ungefähr 150000 ausländische Touristen reisen im Jahr nach Myanmar, das wegen seiner landschaftlichen Schönheit und der Pracht seiner Kulturschätze als Geheimtipp gilt.
Bunte Märkte als noch intakte Urzelle der Werbung
Im Schnitt weilen die Gäste acht Tage im Land, zu wenig für das enorme kulturelle und landschaftliche Potenzial. Doch wer eine Reise hierher plant, stellt sich unweigerlich die Gewissensfrage: Darf man überhaupt nach Myanmar kommen? Manche oppositionelle Intellektuelle sitzen im Gefängnis, und eine freie Presse gibt es nicht. Weil das Land lange von der Aussenwelt abgeschottet war, hat sich jedoch vieles in ursprünglicher Form erhalten.
Rund 100000 direkte und ungezählte indirekte Jobs hängen am Fremdenverkehr, eine für Myanmar überragend wichtige Einnahmequelle, welche die Regierung möglichst noch viel stärker sprudeln lassen will.
Eine der vielen touristischen Attraktionen bilden dabei die farbigen, vor Waren überquellenden Märkte. Der grösste Markt der Hauptstadt hiess während der britischen Kolonialzeit Scott Market und ist später in Bogykoke-Aung-San-Markt umgetauft worden. Er trägt jetzt den Namen des Unabhängigkeitskämpfers Aung San. Die ausliegenden Waren sprechen für sich selbst; Werbung ist auf diesen Märkten nicht von Nöten, ob man nun Longyis und die assortierten Mandalay-Slippers sucht oder Früchte einkaufen möchte. Handeln ist hier obligatorisch. Wer es nicht tut, ist selber schuld. Anders in den gegenüberliegenden Supermärkten, wo Fixpreise gelten. Das muss einen jedoch nicht vom Feilschen abhalten.
Bunt und lebhaft präsentiert sich der chinesische Markt, auf dem von Zierfischen über Goldreifen bis zu Schöpfkellen alles Erdenkliche angeboten wird. Im Thain-Gyi-Markt an der Konzaydan Street, früher als «indischer Markt» bekannt, duften Gewürze betörend. Inzwischen bieten hier auch Chinesen und Burmesen eine breite Palette von Waren an. Auch hier wird Werbung klein geschrieben; man begnügt sich in der Regel mit den Namen der Standbesitzer.
Die Infiltration durch die Konsumwelt schreitet voran
Die Militärjunta liess viele Spuren des europäischen Einflusses zerstören, schleifte Bauten und vernichtete Kunstwerke, zum Beispiel von Hand gemalte holländische Fliesen an der grandiosen Schedagon-Pagode in Yangon. Unternehmen aus
Europa sind hier hochwillkommen. Doch viele Staaten und Firmen boykottieren das Land weiterhin. Und mancher Tourist, der das Land eigentlich gerne sehen möchte, überlegt es sich doch noch anders.
Im renommierten Magazin Asiaweek wird in einem umfassenden, kritischen Bericht über Myanmar ein Dissident zitiert, der sechs Jahre im Gefängnis sass: «Dieser Boykott ist schlecht für das Land. Die Generäle werden reicher, und die Armen werden ärmer. Wir brauchen Kontakt mit der Aussenwelt, wir brauchen Investitionen und neue Industrien. Ausländer bringen Ideen und neue Fähigkeiten. Das brauchen wir, das ist der einzige Weg nach vorne.» Ein touristischer Boykott bringe nichts, beschwört uns auch unser gut informierter Tourguide Benno: «Wir brauchen Touristen, die Reformen kommen später. Viel eher mit als ohne Touristen!»
Auf der Fahrt zurück ins Inya-Lake-Hotel in Yangon passieren wir riesige Plakatwände, auf denen die Errungenschaften
der Militärregierung verherrlicht werden. Doch die grossflächige staatliche Propaganda weicht zunehmend kommerziellen Plakaten. Etwas später springen auf einer Plakatwand fröhliche Delphine aus blauen Wellen, eine Werbung für Klosettpapier…
