Beobachter braucht Blutstiller

Der redaktionelle Aderlass kostet Jean Freys Cashcow zunehmend Substanz

Der redaktionelle Aderlass kostet Jean Freys Cashcow zunehmend SubstanzVon Oliver Classen Der neue Chefredaktor Balz Hosang hofft nach der zweiten Kündigungswelle beim Beobachter auf ein Ende des personellen Blutzolls. Und Ringiers Hans Jürg Deutsch auf eine baldige Kontaktnahme der Abtrünnigen.
In seinem ersten Editorial für das Schweizer Konsumentenschutzorgan präsentierte sich Balz Hosang programmatisch im roten Pulli und damit als respektvoller Erbe, der auch gleich die ideelle und personelle Hinterlassenschaft seines Vorgängers Ivo Bachmann zu ehren und zu mehren versprach. Als umso ernüchternder dürfte der Ex-Fernsehmann seine erste Amtshandlung empfunden haben, bestand sie doch in der Bekanntgabe der nächsten vier Abgänge.
Nach den drei Kündigungen von Ende März, als mit Bachmann noch zwei Garanten der sprichwörtlichen Beobachter-Unabhängigkeit ihren Hut nahmen, haben vergangene Woche vier weitere Leistungsträger ihre Konsequenzen aus der neuen Eigentümer-Struktur des Jean-Frey-Verlags gezogen. «Für die Mehrheit der aktuellen Aktionäre arbeite ich nicht», begründet der stellvertretende Chefredaktor Fredi Lüthin seinen «reiflich reflektierten» Entscheid. Ähnliches vernimmt man von den übrigen drei Grundsatztreuen, darunter Produktionschef Thomas Roth und Ressortleiterin Rahel Stauber.
Hans Jürg Deutsch wartet auf Bachmann-Bewerbung
Im Gegensatz zu den freigestellten ersten Abtrünnigen müssen Lüthin et al. ihre Vertragsfrist jedoch voll erfüllen. Damit will Hosang, der nach eigenem Bekunden auf jede frei werdende Stelle zehn Anfragen bekommen hat, «einen lückenlosen Übergang in die neue Ära» gewährleisten. Das sollte er auch, immerhin beobachtete sein Noch-Stellvertreter Lüthin in den letzten beiden Ausgaben bereits «erste Vakuumerscheinungen». Weiterer redaktioneller Substanzverlust würde von der den Beobachter scharf beobachtenden Millionen-Leserschaft wohl bald einmal registriert und entsprechend darauf reagiert werden. Sind die Abonnenten erst mal skeptisch, sind es die Inserenten längst schon.
Ein solch schleichender Vertrauensverlust in die 75-jährige Presseinstitution wäre Ringier, das bis Herbst ein eigenes Konsummagazin präsentationsreif haben will, natürlich hoch willkommen. Willkommen an der Dufourstrasse sind ebenfalls nach wie vor alle Ex-Beobachter. Zwei haben sich laut Ringier-Sprecher Fridolin Luchsinger auch schon gemeldet – allerdings ganz profan bei der Personalabteilung und nicht direkt bei Hans Jürg Deutsch, der Ende April vom publizistischen Ausschuss an der Dufourstrasse 23 zum interimistischen Projektleiter gekürt wurde. Die Berufung von Ringiers TV-Chef trägt alle Anzeichen einer Verlegenheitslösung. Zwar wird so eine enge Verlinkung der parallelen Fernseh- und Printpläne gewährleistet. Die eigentliche Message dieses «personellen Provisoriums» (Luchsinger) erinnert jedoch mehr an eine Vermisstmeldung und lautet wohl (Deutsch und deutlich): Bachmann, Lüthin und Roth, bitte meldet euch!

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