Fensterkampf ohne Sieger

In Lausanne und Genf bleibt der französische Privatsender M6 weiterhin aussen vor

In Lausanne und Genf bleibt der französische Privatsender M6 weiterhin aussen vorVon Anita Vaucher Das M6-Werbefenster wird in der Westschweiz weiterhin vermarktet, auch wenn die Kabelnetzbetreiber von Genf und Lausanne den Sender nicht aufschalten. Das richterliche Nein aus Freiburg gegen die Klage von Télévision Suisse Romande (TSR) stärkt IP Multimedia und M6 den Rücken.
Die von der Westschweizer Sonntagspresse kürzlich veröffentlichten Zahlen machen es deutlich: Das viel diskutierte und von TSR-Direktor Gilles Marchand vehement bekämpfte Schweizer Werbefenster des französischen Privat-TV-Senders M6 ist noch weit davon entfernt, die zuvor eingeschüchterte Konkurrenz das Fürchten zu lehren. Im ersten Halbjahr 2002 verzeichnete M6 gerade einmal 1,6 Millionen Franken Werbeeinnahmen, während die TSR im gleichen Zeitraum 54 Millionen Franken verbuchen konnte. Gilles Marchand schätzte seinerzeit den Verlust für seine Fernsehanstalt auf 10 bis 12 Millionen Franken, falls das Werbefenster in der ganzen Westschweiz ausgestrahlt würde.
Heute empfängt aber bloss ein Drittel der Westschweizer Haushalte die spezifisch schweizerischen M6-Werbeblöcke. Die Einwohner der Haupteinzugsgebiete Genf und Lausanne bekommen diese Werbung weiterhin nicht zu sehen, und das dürfte auch in Zukunft so bleiben. Ungeachtet der Tatsache, dass ein Freiburger Gericht die von TSR eingereichte Klage auf Schliessung des M6-Werbefensters abgewiesen hat.
Da kann Michi Frank, Direktor von IP Multimedia Schweiz, noch so sehr darauf hinweisen, dass seinerzeit bei der Einführung des RTL-Werbefensters in der deutschen Schweiz Basel und Zug über ein Jahr lang mit dessen Ausstrahlung gewartet hätten. In der Westschweiz ticken die Uhren eben anders.
Michi Frank gibt auch zu, dass er die kumpelhaften Verbindungen des Westschweizer Fernsehens zur Politik unterschätzt habe. Im Gegensatz zur Deutschschweiz, wo viele Politiker SF DRS eher kritisch gegenüberstehen, halten die Westschweizer Politiker ihrem Fernsehen die Stange. So gesehen ist der negative Entscheid der Kabelnetzbetreiber in Genf und Lausanne nachvollziehbar, denn dort sind die politischen Gemeinden an den Kabelnetzen beteiligt.
Trotzdem blickt Frank einigermassen zuversichtlich in die Zukunft. Schliesslich konnte M6 bereits einen kleinen Triumph feiern, als im Juni die erste richterliche Instanz des Freiburger Gerichts eine Klage der TSR abgewiesen hatte. Diese hatte die vorläufige Schliessung des Werbefensters von M6 gefordert (WW 27/02). «Natürlich wäre es betriebswirtschaftlich interessanter, die beiden Städte Genf und Lausanne auch im Vermarktungskonzept zu haben», gibt Frank gegenüber der WerbeWoche zu. Schliesslich sei es das erklärte Ziel von IPM, Monopole zu durchbrechen und nicht Ergänzungsangebote zu lancieren.
TSR könnte von vermehrter Spotproduktion profitieren
Ans Aufgeben denkt Frank darum keinesfalls. Das M6-Werbefenster wird in der Westschweiz weiterhin vermarktet, und die Verhandlungen mit Genf und Lausanne werden fortgeführt. Hingegen dementiert er Gerüchte, wonach M6 in der Schweiz
einen eigenen Sender M6 Suisse schaffen werde. Im Herbst will
IP Multimedia eine Studie veröffentlichen. Sie soll aufzeigen, wie viele Werbegelder wie und wo in die TV-Werbung einfliessen.
Nach den Sommerferien will Frank zudem eine Veranstaltung für die Westschweizer Medien organisieren. Er hofft damit, der einseitigen Berichterstattung im Zusammenhang mit der Lancierung des Werbefensters zu Jahresbeginn etwas entgegenwirken zu können. Die Journalisten der Westschweizer Printmedien haben es bis jetzt tunlichst unterlassen, die Interessen der Werbeauftraggeber aufzuzeigen.
Diese suchen verzweifelt nach Alternativen zu den TSR-Programmen, um ein jüngeres Zielpublikum anzusprechen. Zudem sind die Werbeblöcke der Primetime am Westschweizer Fernsehen hoffnungslos ausgebucht. Laut Mediaberater Charly Schwarz schneide sich die TSR mit ihrer Opposition gegenüber dem M6-Werbefenster letztlich ins eigene Fleisch. Für die Werbeauftraggeber lohne sich die Spotproduktion für einen einzelnen Sender oft nicht. Würden aber mehrere Alternativen zur Verfügung stehen, gäbe es mehr Spotproduktionen, von denen schliesslich auch das Westschweizer Fernsehen profitieren könnte.
Vielleicht ist der Widerstand von TSR ja bloss ein Vorwand, um von der eigentlichen Gefahr für den öffentlichrechtlichen Sender abzulenken. TF 1, der grösste Konkurrent von TSR, der mit gemeinsamen Produktionen und gegenseitigem Programmaustausch in Schach gehalten wird, könnte es ebenfalls reizen, ein Schweizer Werbefenster zu eröffnen – wenn M6 damit erfolgreich ist.

More articles on the topic