Kein «More of the same» in Zürich

An einem Talk der Stadtzürcher SP forderte Kulturamtschef Jean-Pierre Hoby ein Radio für die Sorgen der Kids

An einem Talk der Stadtzürcher SP forderte Kulturamtschef Jean-Pierre Hoby ein Radio für die Sorgen der KidsVon Stefano Monachesi Die Zürcher Jugend soll ein Jugendradio erhalten, meint das Bundesamt für Kommunikation (Bakom). Die Kabelsender Radio 105, Swiss Music Radio und Virus haben sofort Ansprüche angemeldet. Die Zielgruppe möchte aber gerne selbst Radio-aktiv werden. Das zeigte eine Podiumsdiskussion der SP der Stadt Zürich.
«Die neue Frequenz gehört für mich eindeutig Radio 105.» George Wismer, Chef von Swiss Music Radio, verblüffte gleich zu Beginn mit einem Rückzieher. 105-Initiator Giuseppe Scaglione kämpfe schon seit fünf Jahren für eine terrestrische Verbreitung und habe diese verdient. Swiss Music Radio selbst erwarte, dass noch weitere Frequenzen verteilt werden.
Mit einem zweiten Rückzieher doppelte Andreas Schefer von DRS 3 und Virus nach: Die SRG warte noch die genaue Ausschreibung des Bakom ab. Sollte diese, wie angedeutet, ausdrücklich eine lokale Ausrichtung verlangen, werde sich Virus nicht um die Konzession bewerben – aus ordnungspolitischen Gründen: Für Lokalsender seien private, kommerzielle Veranstalter vorgesehen, für überregionale oder nationale die SRG.
Damit blieb für 105 noch der Internetsender DJ Radio mit CEO Egon Blatter als Konkurrent auf dem Podium. «Virus und 105 sind nicht, was ich mir unter einem Jugendradio vorstelle», griff Blatter seine Mitbewerber an. Die Jugend wünsche einen Sender, auf dem sie ihre Träume vom Musikmachen und Medienschaffen verwirklichen könne. «Wir kreieren eine Plattform für verschiedene Projekte und Jugendkulturen.»
Blatter hatte das Publikum auf seiner Seite. Im Saal sassen einige Dutzend radiointeressierte junge Leute, die allerdings der Zielgruppe 15 bis 25 höchstens noch knapp angehören. Sie äusserten sich weit gehend negativ über «Kommerzsender» und zählten neben Radio 24 und Hitradio Z auch Virus und 105 dazu. Gewünscht wurden ein Radio von Jugendlichen für Jugendliche und Möglichkeiten der Selbstgestaltung. Dabei wurden Ansprüche an politische und finanzielle Unterstützung der Stadt deutlich. Als mögliche Vorbilder dienten die alternativen Sender Radio 3fach aus Luzern und Toxic.fm aus St.Gallen. Mit einem beschränkten, weit gehend über Sponsoring finanzierten Budget sollen Experimente ermöglicht und Kommerzialisierung verhindert werden. Indem man jungen Leuten eine Radioausbildung vermittle, würden zugleich auch die Lohnkosten niedrig gehalten.
Gegen diese Idee von Jugendradio wehrte sich Giuseppe Scaglione. 105 verschenke keine Programmplätze an unausgebildete Jugendliche, denn «das Anspruchsniveau der Jugendlichen an ein Radioprogramm ist relativ hoch. Wir messen uns hier mit MTV!» Mit Radio Lora habe die Stadt Zürich schon einen Mitmachsender. «Was fehlt, ist ein kommerzielles Jugendradio!»
Kommerzielle wollen kein Seelsorgeradio
Diese Meinung teilte Zürichs Kulturbeauftragter Jean-Pierre Hoby nicht. Er forderte das Bakom auf, die Möglichkeit einer nicht kommerziellen Finanzierung in die Ausschreibung aufzunehmen. Die Stadt wünsche einen Sender, der alternativ in jeder Hinsicht sei: «Wir wollen kein ‹More of the same.» Zürich brauche ein Radio, das die Sorgen der Stadtjugend thematisiere und sich für Jugendpolitik einsetzen lasse, meinte Hoby. Probleme wie Wohnungsnot und Drogensucht müssten dringend jugendgerecht aufgearbeitet werden.
Dass dies auf ein «Seelsorgeradio» hinauslaufen würde, wie ein Zuschauer bemerkte, empfand Hoby nicht als negativ. Auch der Bemerkung von Gesprächsleiter Rolf Hürzeler, «Man soll also den Toaster künftig lose statt läse», mochte er nicht widersprechen. Subventionen für so ein Projekt schloss der Zürcher Kulturbeauftragte aber aus. Stattdessen zeigte er sich aufgeschlossen gegenüber Modellen mit Stiftungen oder Sponsoring, wie sie 3fach und Toxic.fm repräsentieren.
Die Frage, was für Musik ein Jugendradio spielen solle, hielt Hoby für nebensächlich, was Protest im Saal auslöste. Für einmal waren das Publikum und die Radiomacher einig: «Contents erzeugen zwar Hörerbindung, aber 90 Prozent der Zuhörer schalten wegen der Musik ein», betonte Scaglione. Ein Sender definiere sich über den Sound, meinte George Wismer, während die journalistischen Inhalte doch in allen Medien dieselben seien.
Kurz vor Talk-Ende meldete sich Hans Strassmann, Frequenzspezialist der SRG, zu Wort. Er wies darauf hin, dass in Zürich noch weitere Frequenzen genutzt werden könnten. Zurzeit plant der Bund aber eine Neuorganisation der UKW-Frequenzverteilung, die man nicht durch weitere Vergaben erschweren möchte. Der Zeithorizont dafür betrage fünf oder sechs Jahre. Dann, so Strassmann, sei die ganze heutige Diskussion sowieso obsolet.
SP-Talk zu Jugendradio

«Was für ein Jugendradio braucht Zürich?», fragte die SP Zürich und lud zum Talk. Auf dem Podium sassen neben Martin Dumermuth vom Bundesamt für Kommunikation (Bakom) und dem Stadtzürcher Kulturbeauftragten Jean-Pierre Hoby die Radiomacher George Wismer (Swiss Music Radio), Egon Blatter (DJ Radio), Andreas Schefer (DRS 3/ Virus) und Giuseppe Scaglione (105). Das Gespräch leitete Facts-Medienredaktor Rolf Hürzeler.

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