Kurzes Gastspiel in der Werbeszene

Michael Anderegg über seine Erfahrungen mit und nach dem BSW-Talentworkshop für Quereinsteiger

Michael Anderegg über seine Erfahrungen mit und nach dem BSW-Talentworkshop für QuereinsteigerVon Annelies Friedli Als Einziger der 23 Teilnehmer des ersten BSW-Talentworkshops bekam er die Chance, in einer renommierten Werbeagentur Fuss zu fassen: Sein Ziel, Texter zu werden, erreichte Quereinsteiger Michael Anderegg trotzdem nicht. Ende Dezember hat er bei Euro RSCG sein Praktikum beendet.
«Es ist kein Zufall, dass ich heute zum Interviewtermin Schwarz trage», erklärt Anderegg mit einem spitzbübischen Lächeln. In Sachen Kleidung zumindest hat er die Codes der Werbebranche schon verinnerlicht. Auch was den Rest anbelangt, habe er schnell kapiert, «wie der Hase läuft». «Um in der Werbung erfolgreich zu sein, braucht es viel Knochenarbeit», sagt er.
23 Tage hat Anderegg, diplomierter Biologe ETH und Absolvent des ersten Talentworkshops des BSW, im Dezember bei Euro RSCG gearbeitet. Als Praktikant, Quereinsteiger und Texter. Und sich damit einen Traum erfüllt: «Ich wollte seit längerem in der Werbung arbeiten.»
Mit der Weltwoche-Anzeige kam die Chance
Entwickelt hat sich dieser Wunsch vor drei, vier Jahren – weil er die Werber in den Magazinen so cool fand, der Beruf spannend klang und Frank Bodin im Magazin Kult so interessant über Werbung schrieb. «Das Bild, das Bodin
in seinen Texten von der Wer-
beszene zeichnete, faszinierte mich», bekennt der 27-Jährige.
Viel mehr wusste er aber nicht über die Branche. «Ich hatte keine Ahnung, dass Texter und Berater nicht das Gleiche sind», gesteht er. Einige oberflächliche Vorstellungen habe er gehabt und den Glauben, «Werber würden immer Partys feiern und alle Werber seien so kreativ».
Andereggs grösstes Manko aber war: «Ich wusste nicht, wie ich es anstellen sollte, als Biologe in der Werbeszene Fuss zu fassen. Sollte ich etwa den Telefonhörer in die Hand nehmen und irgendeine Werbeagentur anrufen und sagen: Hallo, ich bins, Michael Anderegg, Biologe, und derzeit stellvertretender Biologielehrer?»
Im Frühjahr 2002 bot sich die passende Lösung an: In der Weltwoche las er über den BSW-Talentworkshop für Quereinsteiger. «Ich wusste sofort, dieser Kurs ist wie geschaffen für mich», erinnert er sich. Weil sein Job als stellvertretender Lehrer sowieso befristet war und er sich mit dem Lehrerberuf nicht richtig anfreunden konnte, nahm er die Herausforderung an. «Ich freute mich extrem auf den Kurs», sagt er.
600 Franken und 7 Tage hat ihn der Kurs gekostet, über den die WerbeWoche ausführlich in der Ausgabe 26/02 berichtete. Gebracht hat er ihm einiges, aber «nicht so viel, wie ich erwartet habe. Um ehrlich zu sein, habe ich mir vom Kurs mehr erhofft», sagt Anderegg rückblickend. Er bemängelt den Zeitpunkt des Kurses. «In solch wirtschaftlich schlechten Zeiten hat doch keine Agentur Interesse an Quereinsteigern», kritisiert er. Er findet, dass «der Kurs zwar einen Einblick in die Werbeszene vermittelt hat, mit einer Anlehre aber absolut nicht vergleichbar ist». Und er ärgert sich, dass ausser ihm keiner der 23 Kursabsolventen eine faire Chance bekommen habe, in einer der 12 beteiligten BSW-Agenturen Fuss zu fassen: «Ich kann nicht verstehen, dass selbst die Agenturen, die sich für den Kurs eingesetzt und den Kursteilnehmern erklärt haben, sie seien ständig auf der Suche nach Quereinsteigern, uns keine Chance gegeben haben.» Stellen, weiss er, hätte es gegeben. «Doch die wurden mit Profis besetzt.» Nur einer der Kursabgänger, so berichtet er, fand bei einer kleineren Agentur in der Ostschweiz einen Job.
Bei Euro RSCG wäre Anderegg gerne länger geblieben
12 Bewerbungen hat Anderegg an die am Kurs beteiligten BSW-Agenturen geschrieben. Doch nur Euro RSCG zeigte Interesse. «Für diese Chance, die mir Euro RSCG bot, bin ich sehr dankbar», sagt er, «umso mehr, als der Kurs ohne dieses Praktikum ziemlich wertlos gewesen wäre.»
Bei Euro RSCG konnte er texten, Headlines entwickeln und sogar eine eigene Werbeidee präsentieren. «Ich habe bei Projekten von zehn Kunden mitgearbeitet», sagt Anderegg. Dass sich dabei selbst Frank Bodin um ihn gekümmert habe, findet er absolut «cool». «Er hatte für mich Zeit, half mir und gab mir Aufgaben.» Auch der Rest des Teams hat ihn gut aufgenommen: «Ich wurde als Teammitglied ernst genommen», betont Anderegg.
Trotzdem: In der Werbeindustrie Fuss zu fassen, das ist ihm nicht gelungen. «Der Praktikumsjob bei Euro RSCG wäre für mich eine gute Option gewesen. Ich wäre gern länger geblieben.» Verabredet waren ein bis drei Monate. Doch eine Jobofferte vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) durchkreuzte seine Pläne: «Diese Chance konnte ich mir nicht entgehen lassen.»
Seit Anfang Januar arbeitet er jetzt auf Kundenseite – als wissenschaftlicher Mitarbeiter des nationalen Programms für Tabakprävention des BAG. «Hier kann ich als gelernter Biologe mein Wissen umsetzen und das, was ich bei der Agentur gelernt habe, anwenden», schmunzelt er.
Das Thema Werbung ist für Anderegg aber noch nicht abgeschlossen. «Wer weiss, vielleicht versuche ich den Sprung in die Werbung nochmals.» Dann will er auch Fragen klären, auf die er bei Euro RSCG noch keine Antwort gefunden hat. Gibt es auch eine einfache Anleitung, wie man ein guter Texter wird? Und: Wo finden die wilden Partys statt?
ausser spesen nichts gewesen?Die Idee des Branchenverbands Schweizer Werbe- und Kommunikationsagenturen (BSW), einen Talentworkshop für Quereinsteiger durchzuführen, war bestechend: Zur Sicherung des kreativen Nachwuchses sollte der Workshop verborgene Talente aufspüren und diese fürs Geschäft mit der Werbung gewinnen. Top Shots wie René R. Hürlimann, Jean Etienne Aebi und Frank Bodin versuchten munter parlierend rund 70 Neugierige an einem Infotag davon zu überzeugen, dass auch Quereinsteiger eine Chance haben. Alles für die Katze? Nur ein Absolvent des nicht ganz billigen Kurses fand eine Stelle – 22 andere hatten sich wie Michael Anderegg redlich Mühe gegeben, einen Fuss in die Branche zu setzen, vergebens. Das Ergebnis dieses Marsches durch die Institution Werbeagentur war indes absehbar gewesen: Bedarf an zusätzlichem Personal hatten die wenigsten BSW-Agenturen angemeldet. (af)

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