Kriegsmarketing

Gastkommentar Je grösser der Legitimationsnotstand, desto massiver die Propaganda, meint Kurt Imhof mit Blick auf den angekündigten Irakkrieg.

Gastkommentar Je grösser der Legitimationsnotstand, desto massiver die Propaganda, meint Kurt Imhof mit Blick auf den angekündigten Irakkrieg.Die grösste Schwierigkeit des Krieges ist seine Legitimationsbedürftigkeit. Wer einen Krieg führen will und dies vergisst, kann ihn nicht gewinnen. Die «Arena of combat» ist «nur» der Raum des individuellen oder allenfalls kollektiven Sterbens; die öffentliche Arena hingegen ist das Forum, das letztinstanzlich über Sieg und Niederlage entscheidet – auch wenn der militärische Gewinner längst feststeht. Deshalb beginnt jeder moderne Krieg mit Kommunikation. Und deshalb entscheidet das Rühren der Marketingtrommeln übers politische Überleben danach.In der Chronik des angekündigten Waffengangs am Golf zeichnet sich das politische Debakel bereits ab. Obwohl das Kriegsmarketing durch die Administration Bush und die britische Regierung mit dem ersten Jahrestag von «Nine-eleven» massiv intensiviert wurde, gelang es nie, eine plausible Verbindung zwischen einer territoriumsfreien, global operierenden und religiös radikalisierten Terrororganisation und dem säkularen Nationalstaat Irak aufzuzeigen. Eine militärisch relevante Beziehung zweier so ungleicher Akteure würde auch aufs Höchste erstaunen. Zudem sind weder Bush noch Blair in der Lage, ihre Behauptungen bezüglich Produktion und Lagerung von Massenvernichtungswaffen durch den Irak zu belegen. Völlig verunmöglicht wird eine Rechtfertigung dieses Feldzugs schliesslich durch die Inkonsistenz der US-Politik gegenüber anderen Ländern dieser Region, die systematisch Uno-Konventionen verletzen.
Katastrophal ist darum das Resultat der auf allen Kanälen laufenden Propagandakampagne: Inzwischen setzt sich selbst in westlichen Zentrumsländern jenes Deutungsmuster durch, das diesen Krieg in unmittelbaren Zusammenhang mit den regionalen Erdölvorkommen bringt. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wird also wieder die Kriegsbegründung des späten 19. Jahrhunderts wirksam: die ökonomisch motivierte Ausdehnung von Einflussgebieten. Freilich mit dem Unterschied, dass diese antiquierte Legitimationsstrategie damals vom Hinweis auf den Wettlauf der Kolonialstaaten um den besten «Platz an der Sonne» zehren konnte. Für die letzte Weltmacht besteht aber kaum Konkurrenz mehr. Dieser Umstand erklärt die erstaunliche Fahrlässigkeit in der Kriegsbegründung. Kommt es zur Schlacht am Golf, wird dafür ein hoher Preis bezahlt werden müssen: Nicht zu rechtfertigende Kriege diskreditieren die Angreifer und rechtfertigen den Terror.
> Kurt Imhof ist Soziologieprofessor und leitet den Forschungsbereich
Öffentlichkeit und Gesellschaft an der Universität Zürich.

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