Hier gibt es Löwen

Aufgefallen Dass der Journalismus noch zu retten ist, hoffen alle. Constantin Seibt sagt uns, wie: durch Schüsse aus dem stilistischen Hinterhalt.

Kolumne Dass der Journalismus noch zu retten ist, hoffen alle. Constantin Seibt sagt uns, wie: durch Schüsse aus dem stilistischen Hinterhalt.Wie tausend andere arbeiten auch Sie in diesem Job – und wie tausend andere haben auch Sie keine Ahnung, was das eigentlich ist: Journalismus. Der Irrtum der meisten Profis besteht darin, dass es bei Journalismus um Information gehe. Dabei ist Information Dreck – wie alle Rohstoffe. Informationen gehören zum Handwerk. Aber in Wirklichkeit geht es in diesem Beruf um die Schaffung von Illusion und die Vermeidung von Lüge.Die Lüge der Journalisten besteht weniger in gelegentlichen Fälschungen als darin, dass, egal, woraus der jeweilige Rohstoff besteht – ein Verbrechen oder eine Pressekonferenz –, stets eine von fünf, sechs Artikelformen herauskommt: Meldung, Interview, Kommentar etc. Der routinierte Journalismus erinnert an den Haarschneidehelm, bei dem man fragt: «Aber sind die Köpfe nicht verschieden gross?» – Worauf der Chefredaktor sagt: «Ja, aber nur beim ersten Mal.»
Deshalb ist die Tageszeitung ein morgendliches und ein konservatives Medium. Ihre eigentliche Botschaft ist, dass, während man geschlafen hat, weiterhin fünf Seiten Inland, vier Ausland, zwei Kultur, vier Sport passiert respektive erschienen sind. Die eigentliche Botschaft aber lautet: Die Welt dreht sich weiterhin im selben Zeitlauf. Viele Schlagzeilen – also wieder nichts passiert. («Die Morgenzeitung ist wie ein laues Bad», heisst es bei Tom Wolfe.)
Kurz: Das Delikt heisst Lügen durch Langeweile. Verwerflich ist zudem die implizite Behauptung, die Welt sei so normiert wie die daraus gebastelten Artikel. Dabei beweist fast jede Recherche, dass die Dinge anders, wilder, bunter sind, als man gedacht hätte. Das Gegengift gegen die Lüge aber heisst Diebstahl. Das heisst, als Journalist sollte man das tun, was Werber seit je tun: Traditionen beklauen.
Vom inneren Monolog über Drama, Drehbuch bis Schulfibel sind unzählige Vorlagen verfügbar. Passt ein Stil, gibt er der Geschichte einen Drive, den Fabrikjournalismus nie erreicht. (Sie wollen eine politische Kontroverse als Kindergarten darstellen? Dann kollagieren Sie ein Kasperlitheater aus den Originalzitaten. Das ist nicht gerade subtil, haut aber mehr als der schärfste Kommentar.)
Der Vorteil dieses Vorgehens ist: Man muss zwar die passende Form finden, aber im Detail nicht perfekt sein. Wer ein Buch aufschlägt, erwartet ein Meisterwerk. Wer eine Zeitung aufschlägt, erwartet – nichts. Zeitungspublikum ist auf Stil völlig unvorbereitet: Es ist verführbar, irritierbar, begeisterungsfähig. (Und nicht zuletzt: leicht zur Weissglut zu treiben.) Es ist das naivste, wunderbarste Publikum der ganzen Medienwelt. Also: Zur Hölle mit allem, was Journalistenschulen einem beibringen. Zur Hölle mit den tausend Fabrikarbeitern an Ihrem Nebentisch. Denn: Der Journalismus ist wie die Landkarte Afrikas im 18. Jahrhundert. Die Küsten sind eng besiedelt, und im Inneren steht auf einem weissen Fleck: hic sunt leonis, hier gibt es Löwen. Kurz und krumm: Sie sind der Held – und der Journalismus muss wieder eine Kunstform werden, eine romantische Expedition ins Unbekannte. Falls Sie, Mbwana, diesen Weg nicht allein gehen wollen, nehmen Sie mich als Führer, und stehen Sie in sechs Wochen wieder hier, an diesem Wasserloch.
> Constantin Seibt ist Redaktor für Politik und Wirtschaft bei der WochenZeitung WoZ.

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