Butterbrot und Peitsche

Aufgefallen Die überregionale «Qualitätspresse» ist zukunftstauglich und zudem unentbehrlich fürs gesellschaftliche Geistesleben. Das Problem sind nicht die Geschäftsmodelle von FAZ, NZZ und Co., sondern deren Manager.

Kolumne Die überregionale «Qualitätspresse» ist zukunftstauglich und zudem unentbehrlich fürs gesellschaftliche Geistesleben. Das Problem sind nicht die Geschäftsmodelle von FAZ, NZZ und Co., sondern deren Manager.
Das Unternehmen auf Kernkompetenzen zurückfahren» lautet eine berühmte Standardforderung der Analysten. Siemens-Chef Heinrich von Pierer bemerkt gelegentlich trocken, er wäre längst pleite, wenn er solchen Forderungen gefolgt wäre. Finanzkreise hatten ihm verschiedentlich das Abstossen von Betriebsteilen nahe gelegt, die inzwischen wieder hoch lukrativ sind.Der wohlfeile Spruch mit den «Kernkompetenzen» ist also kein Patentrezept. Bei einigen Verlagshäusern hätte es sich allerdings gelohnt, sich öfter auf das zu konzentrieren, was man wirklich kann. Grosse Qualitätszeitungen kämpfen derzeit um ihr Leben. Die Süddeutsche Zeitung (SZ) hat zuerst ihre Jugendbeilage, dann ihre Hauptstadtseite und schliesslich noch ihre Beilage für Nordrhein-Westfalen gestrichen. Auch die Frankfurter Allgemeine hat ihre Berliner Seiten eingestellt. Die Frankfurter Rundschau musste unlängst eine Landesbürgschaft beantragen, und selbst die Neue Zürcher Zeitung sah sich zu stram-
men Kostensenkungen gezwungen. Steht das Geschäftsmodell
der überregionalen Qualitätszeitung vor dem Aus? Die SZ-Redaktion befürchtet dies und hat aus Protest das traditionelle «Streiflicht» auf Seite eins erstmals ausfallen lassen und durch einen Hinweis auf die eigene Krise ersetzt.
Höchste Zeit also für bewährte Hausmittel. So empfiehlt Claus Strunz, Chefredaktor von Bild am Sonntag, angesichts einbrechender Anzeigen den Bezugspreis zu erhöhen. So viel wie eine Tasse Kaffee, sagen Verlagsmanager, darf eine Qualitätszeitung schon kosten. Das tönt plausibel, wird die Auflagen aber weiter senken. Auch die coolen Kostenkiller gehen einen riskanten Weg. Wer Sonntagsbeilagen, Magazine und Medienseiten streicht, reduziert die Universalität des jewei-ligen Blattes und verscheucht nicht nur Kosten, sondern auch Leser.
Der Unterschied zwischen klassischen Regionalzeitungen und dem überregionalen Blatt ist ja gerade deren kultureller, ökonomischer und internationaler Mehrwert. Man zieht das nationale dem Lokalblatt vor, weil es einen Essay von Arundathi Roy, eine Polemik von Adolf Muschg oder eine Analyse über Microsoft enthält. Für solche Stücke aber braucht man
finanzielle und intellektuelle Ressourcen. Die Qualitätszeitung bestimmt den geistigen Spielraum der Eliten eines Landes; nicht allein, aber doch in erheblichem Masse. Wer das Geschäftsmodell der überregionalen Qualitätszeitung opfert, rüttelt deshalb an der Satisfaktionsfähigkeit einer ganzen Gesellschaft.
Gefährdet werden die Qualitätszeitungen durch Randaktivitäten wie sündhaft teure Internetauftritte, erfolglose TV-Experimente, zugekaufte Fachverlage etc. Dazu kommt allerdings der gewaltige Einbruch im Rubrikenanzeigenmarkt. Die Frankfurter Allgemeine hat gegenüber dem Boomjahr 2000 drei Viertel ihrer Stellenanzeigen verloren. Ausserdem hat man Prestigeobjekte einfach blind durchgeboxt. Sind Sonntagsausgaben (FAZ, NZZ) hehre Pflicht oder entbehrliche Kür? Solche Fragen muss sich das Management heute stellen – und fix beantworten.
Dennoch: Die Qualitätszeitung an sich, einschliesslich aufwändiger Wirtschafts- und Kulturteile, wird bei grosser Kostendisziplin und trotz sinkender Auflagen auch diesen langen Konjunkturwinter überdauern. Aber jetzt gilt es, wieder klare Prioritäten zu setzen, frei nach dem Motto: erst das Brot, dann die Butter. Aber nicht vergessen: Ohne Brot verhungert man.
> Peter Glotz war Bundesgeschäftsführer der SPD und bis 1996 Mitglied des Deutschen Bundestags. Heute lehrt der Professor Kommunikationsmanagement an der Universität St.Gallen.

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