Affen ohne Bananen
Aufgefallen Beratungsfirmen leiden am stärksten unter der gegenwärtigen Vertrauenskrise. Erfolg wird künftig nur mehr haben, wer (Medien)Unternehmen seine eigenen Themen verkauft.
Kolumne Beratungsfirmen leiden am stärksten unter der gegenwärtigen Vertrauenskrise. Erfolg wird künftig nur mehr haben, wer (Medien)Unternehmen seine eigenen Themen verkauft.DasConsulting-Business klagt über Überkapazitäten, Imageprobleme, ein bisher unbekanntes Misstrauen. Was ist geschehen? Nehmen wir die Schweiz, ein Land, das schwere Firmenkrisen hinter sich hat; die schlimmste war zweifellos das Swissair-Grounding. Natürlich haben an der selbstmörderischen Expansionsstrategie dieser Firma, an den happigen Strategiefehlern auch Berater mitgewirkt. Der Schweizer Boulevard hat ja auch eine Zeit lang davon gelebt, als er von McKinsey verlangte, die Firma solle ihre Honorare zurückzahlen. Es macht indes keinen Sinn, falsche Management-Entscheidungen den Beratern anzuhängen. Dass solche Krisen am Image der ehemals boomenden Branche kratzen, lässt sich aber nicht bezweifeln.Das Problem liegt tiefer. Das Platzen der New-Economy-Blase hat tiefes Misstrauen geschaffen. Die Euphorie kam natürlich nicht ohne Berater zu Stande. Weshalb der Wirtschaftswissenschaftler Fredmund Malik richtig bemerkte: «Die meisten E-Business-Apostel waren Träumer und Fantasten. Leute, die bei den Gründerwettbewerben dabei waren, von Business Models, Business Angels und Money Burning Rates faselten, sind Ignoranten. Wer den Unfug von einer ewig steigenden Börse vertreten hat, ist schlichtweg dumm, historisch ungebildet und latent betrügerisch.» So manche Beratungsfirma muss sich diese Worte hinter die Ohren schreiben. Manche Universitätsfakultäten übrigens auch.
Ein drittes Element kommt hinzu: die ungesunde Vermischung von Rechnungsprüfung, Beratung und Investmentbanking. Die Mauern, die diese Bereiche traditionell trennen, waren offenbar häufig zu niedrig. Das hat zu den bekannten Umgründungen grosser Firmen geführt.
Auch bei Unternehmen der Medienbranche fehlte oft genug guter Rat. So kam es, dass Kommunikationsfirmen viel zu viel Geld für Internetauftritte ausgaben, klassische Zeitungsunternehmen sinnlos Buchverlage zusammenkauften und Telekommunikationsfirmen sich beim Kauf von UMTS-Lizenzen masslos verschuldeten. Gelegentlich sollten Berater ihre Klienten halt gegen den Strich bürsten, wenn sie langfristig im Geschäft bleiben wollen.
Das Zentralproblem jedoch ist: Die Menschen flippen den Unternehmen (und natürlich auch den Beratern) weg. Die Lebensführung der Menschen wird historisch vorbildlos. Viele Leben sind sozusagen experimentelle Leben. Das muss jeder Berater mit einkalkulieren. Er muss sozusagen Anthropologe sein, einer, der den Menschen – als Kunden – genau kennt. Das ist heute entscheidender als trendige Begriffshuberei.
Weiter werden wohl nur jene Beratungsfirmen wachsen, die selbst Themen setzen. Solche Aktionen verlangen indes Vorinvestitionen. Man muss sich Leute leisten, die mehr forschen als beraten. Man muss den politischen und gesellschaftlichen Diskussionen folgen. Kurz: Wer Geld verdienen will, muss auch in diesem Metier zunächst solches pro bono investieren.
Wie nötig Berater manchmal sind und bleiben, zeigt das berühmte Affenexperiment. In dieser Versuchsanordnung wird eine ganze Gruppe von Tieren mit einem kalten Wasserguss bestraft, wenn eines von ihnen nach einer auf der obersten Sprosse einer Leiter befestigten Banane greift. Bald haben die Affen das «gelernt» und lassen die Banane sein. Schickt man nun ein neues Versuchstier, das die Erfahrung des Wasserschlauchs nie gemacht hat, in den Käfig, will es natürlich die Banane holen. Die «erfahrenen» Affen hindern den Neuling an dieser Aktion. Die Pointe der Geschichte liegt darin, dass man alle nass gespritzten Affen durch «unerfahrene» ersetzen kann: Die Angst vor dem Schlauch wird auch auf diese Tiere übertragen. Resultat: Die Banane bleibt unberührt. Aufgabe des Beraters ist es deshalb, seine Klienten nach dem Motto zu ermuntern: «Nehmt euch die Banane, die haben gar keinen Schlauch mehr.»
Peter Glotz war Bundesgeschäftsführer der SPD und bis 1996 Mitglied des Deutschen Bundestags. Heute lehrt der Professor Medienmanagement an der Universität St.Gallen.
Ein drittes Element kommt hinzu: die ungesunde Vermischung von Rechnungsprüfung, Beratung und Investmentbanking. Die Mauern, die diese Bereiche traditionell trennen, waren offenbar häufig zu niedrig. Das hat zu den bekannten Umgründungen grosser Firmen geführt.
Auch bei Unternehmen der Medienbranche fehlte oft genug guter Rat. So kam es, dass Kommunikationsfirmen viel zu viel Geld für Internetauftritte ausgaben, klassische Zeitungsunternehmen sinnlos Buchverlage zusammenkauften und Telekommunikationsfirmen sich beim Kauf von UMTS-Lizenzen masslos verschuldeten. Gelegentlich sollten Berater ihre Klienten halt gegen den Strich bürsten, wenn sie langfristig im Geschäft bleiben wollen.
Das Zentralproblem jedoch ist: Die Menschen flippen den Unternehmen (und natürlich auch den Beratern) weg. Die Lebensführung der Menschen wird historisch vorbildlos. Viele Leben sind sozusagen experimentelle Leben. Das muss jeder Berater mit einkalkulieren. Er muss sozusagen Anthropologe sein, einer, der den Menschen – als Kunden – genau kennt. Das ist heute entscheidender als trendige Begriffshuberei.
Weiter werden wohl nur jene Beratungsfirmen wachsen, die selbst Themen setzen. Solche Aktionen verlangen indes Vorinvestitionen. Man muss sich Leute leisten, die mehr forschen als beraten. Man muss den politischen und gesellschaftlichen Diskussionen folgen. Kurz: Wer Geld verdienen will, muss auch in diesem Metier zunächst solches pro bono investieren.
Wie nötig Berater manchmal sind und bleiben, zeigt das berühmte Affenexperiment. In dieser Versuchsanordnung wird eine ganze Gruppe von Tieren mit einem kalten Wasserguss bestraft, wenn eines von ihnen nach einer auf der obersten Sprosse einer Leiter befestigten Banane greift. Bald haben die Affen das «gelernt» und lassen die Banane sein. Schickt man nun ein neues Versuchstier, das die Erfahrung des Wasserschlauchs nie gemacht hat, in den Käfig, will es natürlich die Banane holen. Die «erfahrenen» Affen hindern den Neuling an dieser Aktion. Die Pointe der Geschichte liegt darin, dass man alle nass gespritzten Affen durch «unerfahrene» ersetzen kann: Die Angst vor dem Schlauch wird auch auf diese Tiere übertragen. Resultat: Die Banane bleibt unberührt. Aufgabe des Beraters ist es deshalb, seine Klienten nach dem Motto zu ermuntern: «Nehmt euch die Banane, die haben gar keinen Schlauch mehr.»
Peter Glotz war Bundesgeschäftsführer der SPD und bis 1996 Mitglied des Deutschen Bundestags. Heute lehrt der Professor Medienmanagement an der Universität St.Gallen.
