Wurmfortsatz der Wirtschaft
Aufgefallen Ein Grand Old Man der Schweizer Werbung wundert sich, dass er je an deren Wunderwelt glaubte. Und verabschiedet sich zugleich als Werbewoche-Kolumnist. Adieu notre semblable, notre frère!
Kolumne Ein Grand Old Man der Schweizer Werbung wundert sich, dass er je an deren Wunderwelt glaubte. Und verabschiedet sich zugleich als Werbewoche-Kolumnist. Adieu notre semblable, notre frère!Früher, es ist nur einige Jahre her, war ich überzeugt, dassJules Verne bei seiner «Reise zum Mittelpunkt der Erde» dort Werbung vorfinden würde. Noch ein paar Jährchen vorher war es natürlich der Journalismus. Heute weiss ich, dass weder das eine noch das andere Dreh- und Angelpunkt der Welt ist. Ich bin nicht einmal mehr so naiv, einen neuen Mittelpunkt vermuten zu wollen.
Es ist aber schon interessant, wie man Werbung erlebt, wenn man sie hinter sich zurückgelassen hat. Was einmal die grosse Schauspielhaus-Bühne war, für Dramen von shakespeareschem Ausmass, wo Werbelatifundien geschaffen wurden und untergingen, wo Könige sich blutige Schlachten lieferten und jeder Schluckauf eines Hofnarren Branchengerücht wurde, nimmt sich aus der Distanz doch eher wie das Theater an der Winkelwiese aus.
Die unspektakuläre Wahrheit ist: In der grossen weiten Welt der Wirtschaft interessiert sich eigentlich niemand für den bunten Wurmfortsatz namens Werbung. Es ist schon progressiv, wenn man das Wort Marketing überhaupt buchstabieren kann. Die Herren in
den Teppichetagen sind mit anderem beschäftigt. Was mich früher masslos geärgert hat, scheint mir heute völlig verständlich. Es gibt einfach wichtigere Themen als die nächste Kampagne, geschweige denn die Grösse des Logos auf dem Plakat.
Mein Gott, wenn ich heute daran denke, wie wir an den ADC-Jurierungen gestritten haben über die Originalität eines Flyers in irgend- einem Mailing, welche sokratischen Diskussionen der Jurierungs-Modus auslöste und wie um jede Bronze-Nominierung gekämpft wurde, überkommt mich nicht nur Nostalgie, sondern beinahe auch ein bisschen Rührung. Ich erinnere mich daran, wie wir um ein Haar das Kardiomobil für Ernst Meier kommen lassen mussten wegen eines Arosa-Plakats, wie der Jean Etienne Aebi so bedrohlich in den Ausstand trat, dass die Raumtemperatur spürbar sank, und wie der Reini Weber mit der genialen Strategie eines Schachspielers Konkurrenten gezielt lobte oder bestrafte, bevor seine Arbeiten beurteilt wurden.
Wenn ich heute noch eine Werbeagentur hätte, wäre ich bestimmt um einiges klüger. Ich würde vor allem drei Maximen folgen. Erstens: die Werbung nicht als Selbstzweck, sondern als untergeordnetes Werkzeug des Marketings verstehen. Zweitens: mich ausschliesslich um die Probleme meines Kunden kümmern und nicht um meine eigenen oder die meiner Mitarbeiter. Drittens: Marmorwürfel ausschliesslich als Briefbeschwerer verwenden. Oder als Buchzeichen in einem Roman von Jules Verne.
> Walter Bosch war Chefredaktor des Blicks, Ringier-Manager und Mitgründer der Werbeagentur Bosch & Butz. Seit er diese 1998 verkauft hat, ist er Unternehmer und seit kurzem zudem Verwaltungsrat der Swiss.
Es ist aber schon interessant, wie man Werbung erlebt, wenn man sie hinter sich zurückgelassen hat. Was einmal die grosse Schauspielhaus-Bühne war, für Dramen von shakespeareschem Ausmass, wo Werbelatifundien geschaffen wurden und untergingen, wo Könige sich blutige Schlachten lieferten und jeder Schluckauf eines Hofnarren Branchengerücht wurde, nimmt sich aus der Distanz doch eher wie das Theater an der Winkelwiese aus.
Die unspektakuläre Wahrheit ist: In der grossen weiten Welt der Wirtschaft interessiert sich eigentlich niemand für den bunten Wurmfortsatz namens Werbung. Es ist schon progressiv, wenn man das Wort Marketing überhaupt buchstabieren kann. Die Herren in
den Teppichetagen sind mit anderem beschäftigt. Was mich früher masslos geärgert hat, scheint mir heute völlig verständlich. Es gibt einfach wichtigere Themen als die nächste Kampagne, geschweige denn die Grösse des Logos auf dem Plakat.
Mein Gott, wenn ich heute daran denke, wie wir an den ADC-Jurierungen gestritten haben über die Originalität eines Flyers in irgend- einem Mailing, welche sokratischen Diskussionen der Jurierungs-Modus auslöste und wie um jede Bronze-Nominierung gekämpft wurde, überkommt mich nicht nur Nostalgie, sondern beinahe auch ein bisschen Rührung. Ich erinnere mich daran, wie wir um ein Haar das Kardiomobil für Ernst Meier kommen lassen mussten wegen eines Arosa-Plakats, wie der Jean Etienne Aebi so bedrohlich in den Ausstand trat, dass die Raumtemperatur spürbar sank, und wie der Reini Weber mit der genialen Strategie eines Schachspielers Konkurrenten gezielt lobte oder bestrafte, bevor seine Arbeiten beurteilt wurden.
Wenn ich heute noch eine Werbeagentur hätte, wäre ich bestimmt um einiges klüger. Ich würde vor allem drei Maximen folgen. Erstens: die Werbung nicht als Selbstzweck, sondern als untergeordnetes Werkzeug des Marketings verstehen. Zweitens: mich ausschliesslich um die Probleme meines Kunden kümmern und nicht um meine eigenen oder die meiner Mitarbeiter. Drittens: Marmorwürfel ausschliesslich als Briefbeschwerer verwenden. Oder als Buchzeichen in einem Roman von Jules Verne.
> Walter Bosch war Chefredaktor des Blicks, Ringier-Manager und Mitgründer der Werbeagentur Bosch & Butz. Seit er diese 1998 verkauft hat, ist er Unternehmer und seit kurzem zudem Verwaltungsrat der Swiss.
