Beträchtliche Risikoaversion

Samuel Helbling über gute Börsennews und die kriselnde Wirtschaftspresse

Samuel Helbling über gute Börsennews und die kriselnde Wirtschaftspresse Die Schweizer Anleger finden zurzeit nicht nur an Bär und Bulle, sondern auch an zahlreichen Begleiterscheinungen der Börsenwelt wenig Gefallen. Es sei ein langer, dunkler Tunnel, in dem die Wirtschaftstitel stecken, verlassen von Lesern und Anzeigenkunden, hört man die Branche klagen. Die Auflage der fünf Deutschschweizer Wirtschaftstitel Cash, HandelsZeitung, Bilanz, Stocks, Finanz und Wirtschaft verringerte sich 2002 um total 30000 Exemplare – mehr als zehn Prozent der Gesamtauflage (Wemf 2002). Und auch die Anzeigenerlöse sind überdurchschnittlich eingebrochen. Gelähmt von der Krise dampfen die Finanzinstitute ihre Werbebudgets ein und lassen ihre Kunden in der anhaltenden Wirtschaftsflaute allein. Laut Inseratestatistik der Schweizer Presse beträgt der Einbruch bei den Inseraten in den ersten acht Monaten
zwischen 16 (HandelsZeitung) und 40 Prozent (Stocks).
Es ist eine Binsenwahrheit, dass der Gesundheitszustand der Wirtschaftstitel und speziell der Anlegermagazine am Tropf der Börse hängt. Die Auflagenkurve korrespondiert in der Regel mit den Aktienkursen, das heisst die Käufer der Wirtschaftspresse reagieren prozyklisch. Dass
erste Lichtblicke am Ende des Tunnels auszumachen sind, wird die Branche daher mit Freude erfüllen: Die Kurse an den grossen Aktienbörsen haben wieder angezogen und auch der Schweizer Aktien-index SMI hat seit März um über 30 Prozent zugelegt. Doch drei Jahre Baisse haben ihre Spuren hinterlassen. Durchgeschüttelt vom längsten Bärenmarkt der
jüngeren Börsengeschichte wird das Spekulationsfieber der Anleger nicht mehr so rasch steigen. Die Risikoaversion ist beträchtlich.
Bis die Wirtschaftspresse mit heissen Börsennews wieder neue Abonnenten ködern kann, wird noch einige Zeit verstreichen. Ihre Leser und Anzeigenkunden werden erst dann zurückkehren, wenn die Konjunktur wieder in voller Fahrt ist. Denn der Anleger und damit die Börse kennt nur zwei emotionale Zustände: Angst oder Gier – je nachdem, ob Bären oder Bullen regieren.
> Samuel Helbling, Chefredaktor

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