Coop à la DDR
Ost-Marketing Konsumgenossenschaften als paradoxer Teil der DDR-Geschichte(n): ein humoriger Rückblick.
Ost-Marketing Konsumgenossenschaften als paradoxer Teil der DDR-Geschichte(n): ein humoriger Rückblick.Wer Manfred Kirschs Geschichten verstehen will, muss die Geschichte der konsumgenossenschaftlich organisierten Selbsthilfe etwas kennen. Darum beginnt sein (n)ostalgisch angehauchtes Buch in der Nähe der britischsten aller britischen Industriestädte. Mitte des 19. Jahrhunderts schlossen sich nahe Manchester 28 Weber (nicht Werber!) zusammen, um gemeinsam grosse Mengen besonders hochwertiger Überseeware zu kaufen, diese in kleineren Posten weiterzuverkaufen und den Gewinn gerecht untereinander aufzuteilen.Ein Dorn im Nazi-Fleisch
Andere Prinzipien dieser kapitalistischen Ur-Kommune waren die offene Mitgliedschaft, transparente Verwaltung, Rückvergütungsgarantie sowie politische und religiöse Neutralität. 1850 schwappte diese neue Wertewelle von England nach Deutschland, wo Arbeiter der Chemnitzer Actien-Spinnerei den Spar- und Konsumverein «Ermunterung» gründeten. In den Folgejahren schossen solche Genossenschaften wie Pilze aus dem Boden: Auf Industrieunternehmen folgten Not leidende Handwerks- und Landwirtschaftsbetriebe.
1930 waren 3,5 Millionen Deutsche Mitglied eines Konsumvereins. Mit der Nazi-Herrschaft begann der Untergang dieser – nach damaliger Doktrin – bolschewistisch unterwanderten Organisationen. Sie wurden erst in die Deutsche Arbeitsfront überführt und 1941 verboten und ihres Vermögens beraubt. Vier Jahre darauf stieg die Idee jedoch wie Phönix aus der Asche des Zweiten Weltkriegs empor – zumindest in der sowjetischen Besatzungszone: Im Dezember 1945 wurden per Militärdekret zehn neue Konsumgenossenschaften gegründet.
Halbleere EinkaufstaschenDem genossenschaftlich organisierten Kònsum – im Osten wird das Wort bis heute auf der ersten Silbe betont – wurden in der werdenden DDR vom Staat weitere Aufgaben verordnet. So musste er vorrangig die ländlichen Gebiete entwickeln und damit die Kollektivierung unterstützen. Konkret übernahm der Konsum den Aufkauf landwirtschaftlicher Erzeugnisse, die Arbeiterversorgung, das Gaststättenwesen, die Schüler- und Kinderspeisung sowie die Betreuung der Kommissionshändler.
Die Geschichte dieses Konsums ist die Geschichte ostdeutscher Mangelwirtschaft. Irgendwann hatten sich die Leute daran gewöhnt, nur selten zu bekommen, was sie wollten. Aus dem Missverhältnis von Angebot und Nachfrage resultierte ein spezieller Humor. Fragt ein Mann in einem Konsum-Laden: «Haben Sie denn keine Möbel?» Antwortet die Verkäuferin: «Keine Möbel gibt es nebenan. Wir haben keine Fahrräder.» Ob die DDR-Bürgerinnen und -Bürger ihren Konsum – wie Kirsch es suggeriert – liebten, obwohl sie ihn regelmässig mit halbleeren Einkaufstüten verliessen, ist freilich eine andere Frage.
Sicher ist, dass die Wiedervereinigung das Ende vieler Konsumgenossenschaften bedeutete. Die meisten waren zwar nicht arm, hatten aber nicht genügend flüssige Mittel, um ihre Läden den exponentiell steigenden Kundenansprüchen anzupassen. Die Banken verweigerten Kredite und trieben so scharenweise Genossenschaften in die offenen Arme westdeutscher Handelshäuser und Hasardeure. Was meistens schief ging, zumal für die Ossis. Diesem Teil der Konsum-Geschichte widmet Kirsch gleich mehrere Kapitel; einige davon garniert er mit besonders zynischen Anekdoten. Kein Zufall, schliesslich arbeitete der Autor sein Leben lang in diesem Milieu und versuchte bis zuletzt, seinen Konsum in Güstrow zu retten. Für uns werbende Menschen ist dieses Lehr- und Rührstück in Sachen Ost-Marketing vor allem der Bilder wegen interessant. Kirschs Text wirkt wenig inspiriert und kaum inspirierend, streckenweise krampfhaft lustig. Die Wortspiele gehen häufig in die Hose, ein erkennbarer roter Faden fehlt. Das Buch liest sich zwar leicht; dennoch haben der sichtlich Betroffene, aber auch sein Lektor eine grosse Chance vertan.
Konsum-Geschichten von Manfred Kirsch: Einblick in die verflossene Markenwelt der Ostdeutschen.
Andere Prinzipien dieser kapitalistischen Ur-Kommune waren die offene Mitgliedschaft, transparente Verwaltung, Rückvergütungsgarantie sowie politische und religiöse Neutralität. 1850 schwappte diese neue Wertewelle von England nach Deutschland, wo Arbeiter der Chemnitzer Actien-Spinnerei den Spar- und Konsumverein «Ermunterung» gründeten. In den Folgejahren schossen solche Genossenschaften wie Pilze aus dem Boden: Auf Industrieunternehmen folgten Not leidende Handwerks- und Landwirtschaftsbetriebe.
1930 waren 3,5 Millionen Deutsche Mitglied eines Konsumvereins. Mit der Nazi-Herrschaft begann der Untergang dieser – nach damaliger Doktrin – bolschewistisch unterwanderten Organisationen. Sie wurden erst in die Deutsche Arbeitsfront überführt und 1941 verboten und ihres Vermögens beraubt. Vier Jahre darauf stieg die Idee jedoch wie Phönix aus der Asche des Zweiten Weltkriegs empor – zumindest in der sowjetischen Besatzungszone: Im Dezember 1945 wurden per Militärdekret zehn neue Konsumgenossenschaften gegründet.
Halbleere EinkaufstaschenDem genossenschaftlich organisierten Kònsum – im Osten wird das Wort bis heute auf der ersten Silbe betont – wurden in der werdenden DDR vom Staat weitere Aufgaben verordnet. So musste er vorrangig die ländlichen Gebiete entwickeln und damit die Kollektivierung unterstützen. Konkret übernahm der Konsum den Aufkauf landwirtschaftlicher Erzeugnisse, die Arbeiterversorgung, das Gaststättenwesen, die Schüler- und Kinderspeisung sowie die Betreuung der Kommissionshändler.
Die Geschichte dieses Konsums ist die Geschichte ostdeutscher Mangelwirtschaft. Irgendwann hatten sich die Leute daran gewöhnt, nur selten zu bekommen, was sie wollten. Aus dem Missverhältnis von Angebot und Nachfrage resultierte ein spezieller Humor. Fragt ein Mann in einem Konsum-Laden: «Haben Sie denn keine Möbel?» Antwortet die Verkäuferin: «Keine Möbel gibt es nebenan. Wir haben keine Fahrräder.» Ob die DDR-Bürgerinnen und -Bürger ihren Konsum – wie Kirsch es suggeriert – liebten, obwohl sie ihn regelmässig mit halbleeren Einkaufstüten verliessen, ist freilich eine andere Frage.
Sicher ist, dass die Wiedervereinigung das Ende vieler Konsumgenossenschaften bedeutete. Die meisten waren zwar nicht arm, hatten aber nicht genügend flüssige Mittel, um ihre Läden den exponentiell steigenden Kundenansprüchen anzupassen. Die Banken verweigerten Kredite und trieben so scharenweise Genossenschaften in die offenen Arme westdeutscher Handelshäuser und Hasardeure. Was meistens schief ging, zumal für die Ossis. Diesem Teil der Konsum-Geschichte widmet Kirsch gleich mehrere Kapitel; einige davon garniert er mit besonders zynischen Anekdoten. Kein Zufall, schliesslich arbeitete der Autor sein Leben lang in diesem Milieu und versuchte bis zuletzt, seinen Konsum in Güstrow zu retten. Für uns werbende Menschen ist dieses Lehr- und Rührstück in Sachen Ost-Marketing vor allem der Bilder wegen interessant. Kirschs Text wirkt wenig inspiriert und kaum inspirierend, streckenweise krampfhaft lustig. Die Wortspiele gehen häufig in die Hose, ein erkennbarer roter Faden fehlt. Das Buch liest sich zwar leicht; dennoch haben der sichtlich Betroffene, aber auch sein Lektor eine grosse Chance vertan.
Konsum-Geschichten von Manfred Kirsch: Einblick in die verflossene Markenwelt der Ostdeutschen.
> Die Marken bitte von Manfred Kirsch. Eulenspiegel Verlag, Berlin 2004. 192 Seiten, Fr. 26.80.
Roger Hausmann
