Rieplsche Spekulanten
Aufgefallen Die Aktienkampagne gegen den Zürcher Oberländer ist keine Provinzposse, sondern ein Zeitzeichen: Das Zeitungsgeschäft wird härter, fintenreicher oder einfach kapitalistischer.
Kolumne Die Aktienkampagne gegen den Zürcher Oberländer ist keine Provinzposse, sondern ein Zeitzeichen: Das Zeitungsgeschäft wird härter, fintenreicher oder einfach kapitalistischer.Anno 1913 schrieb ein gewisser Wolfgang Riepl, später lange Chefredaktor der grössten Nürnberger Zeitung, eine Doktorarbeit über die Geschichte des Nachrichtenwesens vom Altertum bis zu seiner Zeit. Nun sind Dissertationen in aller Regel nach 91 Jahren längst vergessen. Nicht so Riepls. Heute noch zitieren wir das «rieplsche Gesetz», welches im Kern besagt, dass neue Medien alte niemals substituieren.In letzter Zeit kam an dessen Gültigkeit allerdings Zweifel auf: Das Geschäftsmodell, ja die Gattung der Tageszeitung schien vom Internet genauso wie von den Gratiszeitungen bedroht. Eine Entwarnung kann man immer noch nicht geben. Die schwedische Mutter aller Pendlerzeitungen hat sich inzwischen ausgebreitet wie ein Ölfleck: Aktuell druckt Metro etwa 5 Millionen Zeitungen täglich in 38 Ausgaben, 100 Städten und 16 Ländern von New York bis Hongkong, von Prag bis Mailand. Das Unternehmen bezeichnet sich als viertgrössten Zeitungskonzern der Welt, eine Angabe, über die man streiten kann. Unzweifelhaft ist jedoch, dass die Schweden auf dem Weg sind, der McDonald’s der Printmedien zu
werden.
Aus der Schweiz wissen wir zwar, dass diese Entwicklung die etablierten Kaufzeitungen nicht notwendig bedrohen muss. Die Verteilzeitung 20 Minuten hat gemäss Wemf-Studie zwar 782000 Leser. Aber auch der Blick weist – mit 736000 Lesern – trotz dieser Konkurrenz und trotz Preiserhöhung etwas mehr Leser aus. Das Gratisblatt hat also offenbar viele Tausend junge, bisher zeitungsabstinente Leute zum Lesen gebracht. Auch wenn dies letztlich eine Siegesmeldung ist, allzu laut darf man sie nicht ins Land blasen: Denn die Leute wollen den Blick und andere Kaufzeitungen zwar offenbar lesen, aber viele von ihnen wollen nicht mehr dafür bezahlen.
Auch von der Internetfront kommen Nachrichten, die sich optimistisch deuten lassen. Der Verlust von Print- zu Gunsten von Onlineanzeigen ist 2004 deutlich gebremst worden. Die Inserateverluste der Zeitungen pendeln sich derzeit etwa bei minus 65 Prozent im Stellenmarkt und bei minus 45 Prozent im Immobilien- und Kraftfahrzeugmarkt ein. Zugleich hellt sich die Konjunktur auf. Bruce Chizen, Vorstandschef der Software-Schmiede Adobe, sprach kürzlich sogar vom «Ende der Rezession in der Werbebranche». Mag sein, dass Chizen die US-Entwicklung etwas gar schnell auf den Rest der Welt überträgt. In der Tendenz aber hat er Recht. Ist auf den alten Riepl also doch Verlass?
Meine Antwort darauf ist ein dezidiertes Jein. Wie hart und unkalkulierbar das Geschäft heute läuft, kann man am Zürcher Oberländer sehen, einer der verbliebenen Regionalzeitungen. Die nicht gelistete AG, bei der nur vinkulierte Namenaktien Stimmrecht haben, sieht sich einer Kampagne ausgesetzt, in der eine Agentur ihre Aktionäre auskauft. Diese Agentur besitzt unterdessen bereits 35 Prozent der Aktien. Zumal ältere Teilhaber haben dem ein Vielfaches des Kurses bietenden Spekulanten nachgegeben. Und hinter diesem steht weder die NZZ-Gruppe noch Tamedia. Da ist jemand auf eigene Rechnung tätig. Jemand, der viel investiert, weil er offenbar überzeugt ist, dass eine Übernahme des (durchaus solide wirtschaftenden) Oberländers bevorsteht und sich bei dieser Gelegenheit ein saftiger Gewinn machen lässt. Krassester Medienkapitalismus in der Schweizer Provinz: Das zeigt, wie sich die Lage verändert hat.
Fazit: Gute Zeitungshäuser werden sich halten können, jedoch nur durch ständigen Kampf um neue Ideen und neue Geschäftsmodelle. Über Jahrzehnte konnte man sich als Verleger in vielen europäischen Ländern aufs Golfspielen spezialisieren; das Geld floss trotzdem. Diese Zeiten sind unwiderruflich vorbei.
> Peter Glotz ist Professor für Kommunikations- und Medienmanagement an der Universität St. Gallen.
werden.
Aus der Schweiz wissen wir zwar, dass diese Entwicklung die etablierten Kaufzeitungen nicht notwendig bedrohen muss. Die Verteilzeitung 20 Minuten hat gemäss Wemf-Studie zwar 782000 Leser. Aber auch der Blick weist – mit 736000 Lesern – trotz dieser Konkurrenz und trotz Preiserhöhung etwas mehr Leser aus. Das Gratisblatt hat also offenbar viele Tausend junge, bisher zeitungsabstinente Leute zum Lesen gebracht. Auch wenn dies letztlich eine Siegesmeldung ist, allzu laut darf man sie nicht ins Land blasen: Denn die Leute wollen den Blick und andere Kaufzeitungen zwar offenbar lesen, aber viele von ihnen wollen nicht mehr dafür bezahlen.
Auch von der Internetfront kommen Nachrichten, die sich optimistisch deuten lassen. Der Verlust von Print- zu Gunsten von Onlineanzeigen ist 2004 deutlich gebremst worden. Die Inserateverluste der Zeitungen pendeln sich derzeit etwa bei minus 65 Prozent im Stellenmarkt und bei minus 45 Prozent im Immobilien- und Kraftfahrzeugmarkt ein. Zugleich hellt sich die Konjunktur auf. Bruce Chizen, Vorstandschef der Software-Schmiede Adobe, sprach kürzlich sogar vom «Ende der Rezession in der Werbebranche». Mag sein, dass Chizen die US-Entwicklung etwas gar schnell auf den Rest der Welt überträgt. In der Tendenz aber hat er Recht. Ist auf den alten Riepl also doch Verlass?
Meine Antwort darauf ist ein dezidiertes Jein. Wie hart und unkalkulierbar das Geschäft heute läuft, kann man am Zürcher Oberländer sehen, einer der verbliebenen Regionalzeitungen. Die nicht gelistete AG, bei der nur vinkulierte Namenaktien Stimmrecht haben, sieht sich einer Kampagne ausgesetzt, in der eine Agentur ihre Aktionäre auskauft. Diese Agentur besitzt unterdessen bereits 35 Prozent der Aktien. Zumal ältere Teilhaber haben dem ein Vielfaches des Kurses bietenden Spekulanten nachgegeben. Und hinter diesem steht weder die NZZ-Gruppe noch Tamedia. Da ist jemand auf eigene Rechnung tätig. Jemand, der viel investiert, weil er offenbar überzeugt ist, dass eine Übernahme des (durchaus solide wirtschaftenden) Oberländers bevorsteht und sich bei dieser Gelegenheit ein saftiger Gewinn machen lässt. Krassester Medienkapitalismus in der Schweizer Provinz: Das zeigt, wie sich die Lage verändert hat.
Fazit: Gute Zeitungshäuser werden sich halten können, jedoch nur durch ständigen Kampf um neue Ideen und neue Geschäftsmodelle. Über Jahrzehnte konnte man sich als Verleger in vielen europäischen Ländern aufs Golfspielen spezialisieren; das Geld floss trotzdem. Diese Zeiten sind unwiderruflich vorbei.
> Peter Glotz ist Professor für Kommunikations- und Medienmanagement an der Universität St. Gallen.
