Erregung öffentlicher Erregung

Erotik Chandra Kurts Kolumnen zur skurrilen Sexualisierung der Werbung liegen endlich in Buchform vor. Da bleibt kein Auge trocken, kein Voyeurismus unbefriedigt – und kaum eine Marke verschont .

Erotik Chandra Kurts Kolumnen zur skurrilen Sexualisierung der Werbung liegen endlich in Buchform vor. Da bleibt kein Auge trocken, kein Voyeurismus unbefriedigt – und kaum eine Marke verschont .Glaubt man Bob Garfield, so handelt es sich bei der Werbebranche im Wesenskern um eine «artificial-erection industry». Und wer würde ihm nicht glauben, dem bissigen, zuweilen auch bizarren Chefkolumnisten vom US-Zentralorgan Advertising Age. Chandra Kurt widmet sich den Sumpfblüten der kommerziellen Kommunikation zwar noch nicht ganz so lange wie Garfield, ist dabei allerdings offenkundig bereits zum selben Schluss wie die amerikanische Kritikerlegende gelangt, nämlich «sex sells».So weit, so bekannt. Wir könnten die gleichnamige Sammlung von Kurts zwischen 1999 und 2003 in der Werbewoche-Rubrik «Aufgefallen» erschienenen Glossen also getrost in unserer Schublade mit der Aufschrift «Im Westen nichts Neues» endlagern. Wäre da nicht diese maliziöse Mischung aus Provokation und Präzision, mit der die renommierte Weinautorin selbst Routiniers immer wieder überraschende Einblicke in Boxer Shorts, Décolletés, Dark Rooms und die sich darin outende Werberpsyche gewährt. Ihr Fett ab kriegen dabei ausser den üblichen Verdächtigen (Pradagucciboss et al.) auch erotische Exoten wie Ikea, BMW, Migros und der Kanton Thurgau.
Als Kompass für Kurts Streifzüge durch die erogenen Zonen der Kommunikationsgesellschaft dienen sinnigerweise die sexuellen Praktiken und Präferenzen derselben. Unter der Rubrik «Plastikfantasie» etwa findet sich – in Form eines offenen Briefs an die Agentur – eine alles andere als jungfräuliche Gebrauchsanweisung für die «Frau zum Aufschrauben» von Virgin-Cola. Und in der Abteilung «tierfreundlich» wird anhand eines leckfreudigen Rüden in Sadomaso-Montur die «orgasmische Affinität zwischen Wauwau und Weibchen» auf die Schippe genommen. Frauenausrüster Emanuel Ungaro müsste solche Gratis-Publicity eigentlich freuen, schliesslich braucht, auch wer den Spott hat, für die Aufmerksamkeit bekanntlich nicht zu sorgen.
Tut es aber offenbar nicht. Jedenfalls hat Ungaro genauso wie ein halbes Dutzend andere Kandidaten (respektive deren Agenturen) den Schwanz eingezogen, als der Verlag wegen Cover-Sujets von Kurts kleinem Kompendium anfragte. Eine Tatsache, die annähernd so viel über die Mimosen- und Neurosenbranche Nummer eins aussagt wie Kurts süffisantes Skurrilitätenkabinett.
Deshalb ist «Sex sells» Pflichtlektüre für alle Grünschnäbel, die versuchen wollen, ins Werbegeschäft einzusteigen. Und Pflichtlektüre für alle alten Hasen, die schon länger aus demselben aussteigen wollten, bislang jedoch vergebens nach dem letzten guten Grund suchten. Dieses Buch liefert gleich 150 davon.
> Sex sells – Warum man sich für Werbung auszieht von Chandra Kurt. Orell Füssli Verlag, Zürich 2004. 224 Seiten mit 160 Fotos, 29.80 Franken.

Oliver Classen

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