Im Grosszürcher Hamsterrad
Aufgefallen Wem ein Regionalblatt zu wie viel Prozent gehört, ist der Durchschnittsleserschaft relativ wurscht – solange es seinen inoffiziellen Service Public erfüllt.
Kolumne Wem ein Regionalblatt zu wie viel Prozent gehört, ist der Durchschnittsleserschaft relativ wurscht – solange es seinen inoffiziellen Service Public erfüllt.Was die Kommunikationswelt im «Greater Zurich Area» in den letzten Wochen intensiv beschäftigte, scheint die breite Öffentlichkeit ziemlich kalt zu lassen. Bei vier von fünf regionalen Tageszeitungen des Kantons Zürich sind Grossverlage aus der Stadt eingestiegen. Unabhängig von «Minderheitsbeteiligungen» grösserer Verlage ist nur noch das tapfere Neue Bülacher Tagblatt der Familie Graf.Welchen Sinn machen eigentlich solche Minderheitsbeteiligungen? Interessant ist ja immer, was in den von Anwälten und Treu-
händern sorgfältig formulierten Communiqués nicht gesagt wird. Im Fall des Landboten würde man zum Beispiel gerne wissen, woher die 20 Prozent Aktien kommen, die an Tamedia gegangen sind. Dem Vernehmen nach war das Aktienkapital vor dem Handel auf rund drei Dutzend Einzelbesitzer verteilt. Ist ein wichtiger Shareholder ganz ausgestiegen? In diesem Fall wird man die offizielle Erklärung aber durchaus zum Nennwert nehmen dürfen: Die Rollendruckaufträge aus dem Haus Tamedia sind in der Tat ein starkes Argument für den Deal. Ohne eine solche Rückversicherung hätte das solide Winterthurer Haus die fällige Grossinvestition kaum gewagt – in einer Zeit, da Ringier und NZZ gerade gemeinsame Sache machen, um den Rollenoffsetmarkt in der Schweiz zu dominieren.
Ganz anders liegen die Verhältnisse, was die Minderheitsbeteiligung von 37,5 Prozent der NZZ beim Zürcher Oberländer betrifft. Die restlichen 62,5 Prozent sind nämlich auf rund 400 Eigentümer verteilt. Wirtschaftlich läuft das über kurz oder lang auf eine De-facto-Übernahme hinaus. Denn hier steht ein sachkundiger Grossaktionär einem Patchwork von regional und/oder familiär motivierten Aktionären gegenüber, die zwar aus Anhänglichkeit und Interesse ein paar Anteile an ihrer Zeitung halten, aber wohl kaum zu massiven Neuinvestitionen zu bewegen wären. Unschwer vorauszusehen, wer da führen wird!
Und da ist noch diese clevere Vermögensverwaltung Albin, Kistler & Partner (AKP). Niemals wird sie freiwillig erklären, ob sie die ZO-Aktien aus eigener Initiative oder im Auftrag eines Dritten über Jahre hinweg geduldig gehamstert hat. Man erinnert sich, dass AKP ab 1997 auch Aktien der Neuen Luzerner Zeitung gekauft und an die NZZ weitergereicht hat – angeblich mit Gewinnmargen bis zum Fünffachen des Einstandspreises. Und war es nicht dieselbe AKP, die mit angriffiger Werbung auch Anteile an Dietschi in Olten (Oltner Tagblatt), bei der Aargauer Zeitung und beim Zofinger Tagblatt gesucht hat?
Irgendwann wird die NZZ beziehungsweise ihre «Freie Presse Holding» dem lesenden Publikum wohl erklären, was sie mit ihrem Strahlenkranz von Beteiligungen anzustellen gedenkt. Wie sieht die Vision aus, der zuliebe man die Eigenregie im Anzeigengeschäft aufgegeben hat? Inzwischen haben wir es ja – Minderheitsbeteiligungen in der nötigen wirtschaftlichen Optik betrachtet – mit der grössten Regionalzeitungsgruppe der Schweiz zu tun. Hinter dem Flaggschiff NZZ zieht ein eindrückliches Geschwa-
der seinen Weg: St. Galler Tagblatt, Neue Luzerner Zeitung, Bund, Zürcher Oberländer, Zürcher Unterländer, Zürichsee-Zeitungen …
Besonders gespannt darf man auf die berühmten Synergie-Effekte sein. Die Erfahrung zeigt, dass sie im redaktionellen Bereich regelmässig überschätzt werden. Und eine andere Erfahrung sei auch nicht verschwiegen; sie relativiert das öffentliche (bzw. veröffentlichte) Aufsehen um Änderungen in Besitzverhältnissen:
Regionale Tageszeitungen werden von der Mehrzahl ihrer Leser weniger als Unternehmen wahrgenommen denn als quasi-öffentliche Versorgungsbetriebe. Wie zuletzt die Auseinandersetzung
der Basler Zeitung mit den lokalen Kulturträgern zeigte, prägt das die Mentalitäten. Solange eine regionale Tageszeitung ihre «öffentliche Aufgabe» gut, das heisst mit Augenmass und Respekt für Minderheiten erfüllt, ist es der Mehrheit der Leute ziemlich egal, wem sie gehört.
> Karl Lüönd ist Publizist und Leiter des Medieninstituts vom Verband Schweizer Presse.
händern sorgfältig formulierten Communiqués nicht gesagt wird. Im Fall des Landboten würde man zum Beispiel gerne wissen, woher die 20 Prozent Aktien kommen, die an Tamedia gegangen sind. Dem Vernehmen nach war das Aktienkapital vor dem Handel auf rund drei Dutzend Einzelbesitzer verteilt. Ist ein wichtiger Shareholder ganz ausgestiegen? In diesem Fall wird man die offizielle Erklärung aber durchaus zum Nennwert nehmen dürfen: Die Rollendruckaufträge aus dem Haus Tamedia sind in der Tat ein starkes Argument für den Deal. Ohne eine solche Rückversicherung hätte das solide Winterthurer Haus die fällige Grossinvestition kaum gewagt – in einer Zeit, da Ringier und NZZ gerade gemeinsame Sache machen, um den Rollenoffsetmarkt in der Schweiz zu dominieren.
Ganz anders liegen die Verhältnisse, was die Minderheitsbeteiligung von 37,5 Prozent der NZZ beim Zürcher Oberländer betrifft. Die restlichen 62,5 Prozent sind nämlich auf rund 400 Eigentümer verteilt. Wirtschaftlich läuft das über kurz oder lang auf eine De-facto-Übernahme hinaus. Denn hier steht ein sachkundiger Grossaktionär einem Patchwork von regional und/oder familiär motivierten Aktionären gegenüber, die zwar aus Anhänglichkeit und Interesse ein paar Anteile an ihrer Zeitung halten, aber wohl kaum zu massiven Neuinvestitionen zu bewegen wären. Unschwer vorauszusehen, wer da führen wird!
Und da ist noch diese clevere Vermögensverwaltung Albin, Kistler & Partner (AKP). Niemals wird sie freiwillig erklären, ob sie die ZO-Aktien aus eigener Initiative oder im Auftrag eines Dritten über Jahre hinweg geduldig gehamstert hat. Man erinnert sich, dass AKP ab 1997 auch Aktien der Neuen Luzerner Zeitung gekauft und an die NZZ weitergereicht hat – angeblich mit Gewinnmargen bis zum Fünffachen des Einstandspreises. Und war es nicht dieselbe AKP, die mit angriffiger Werbung auch Anteile an Dietschi in Olten (Oltner Tagblatt), bei der Aargauer Zeitung und beim Zofinger Tagblatt gesucht hat?
Irgendwann wird die NZZ beziehungsweise ihre «Freie Presse Holding» dem lesenden Publikum wohl erklären, was sie mit ihrem Strahlenkranz von Beteiligungen anzustellen gedenkt. Wie sieht die Vision aus, der zuliebe man die Eigenregie im Anzeigengeschäft aufgegeben hat? Inzwischen haben wir es ja – Minderheitsbeteiligungen in der nötigen wirtschaftlichen Optik betrachtet – mit der grössten Regionalzeitungsgruppe der Schweiz zu tun. Hinter dem Flaggschiff NZZ zieht ein eindrückliches Geschwa-
der seinen Weg: St. Galler Tagblatt, Neue Luzerner Zeitung, Bund, Zürcher Oberländer, Zürcher Unterländer, Zürichsee-Zeitungen …
Besonders gespannt darf man auf die berühmten Synergie-Effekte sein. Die Erfahrung zeigt, dass sie im redaktionellen Bereich regelmässig überschätzt werden. Und eine andere Erfahrung sei auch nicht verschwiegen; sie relativiert das öffentliche (bzw. veröffentlichte) Aufsehen um Änderungen in Besitzverhältnissen:
Regionale Tageszeitungen werden von der Mehrzahl ihrer Leser weniger als Unternehmen wahrgenommen denn als quasi-öffentliche Versorgungsbetriebe. Wie zuletzt die Auseinandersetzung
der Basler Zeitung mit den lokalen Kulturträgern zeigte, prägt das die Mentalitäten. Solange eine regionale Tageszeitung ihre «öffentliche Aufgabe» gut, das heisst mit Augenmass und Respekt für Minderheiten erfüllt, ist es der Mehrheit der Leute ziemlich egal, wem sie gehört.
> Karl Lüönd ist Publizist und Leiter des Medieninstituts vom Verband Schweizer Presse.
