Italienische Verhältnisse
Aufgefallen Wochenlang fungierte der Petersplatz in Rom als Nabel der säkularen Medienwelt. Dieses Phänomen heisst südlich der Alpen «temmatizzazione» und hat gefährliche Konsequenzen.
Kolumne Wochenlang fungierte der Petersplatz in Rom als Nabel der säkularen Medienwelt. Dieses Phänomen heisst südlich der Alpen «temmatizzazione» und hat gefährliche Konsequenzen.Habemus papam: Jetzt, wo der neue Bischof von Rom gewählt und der alte zu Grabe getragen ist, noch eine Meinung zu diesem Thema? Ja, unbedingt – auch auf die Gefahr hin, mein Scherflein zu dem beizutragen, was ich harsch kritisiere: Die Art und Weise, wie die Medien hier und anderswo über Wochen hinweg aus dem Leiden und Sterben eines 84-Jährigen ein Welt- und Kultereignis gemacht und Millionen Menschen in Bewegung versetzt haben.So kam eine Internet-Suchmaschine noch vor der Beerdigung von Johannes Paul II. zum Ergebnis, der Tod des Papstes habe weltweit zehnmal mehr mediale Aufmerksamkeit auf sich gelenkt als die Wiederwahl des (angeblich) mächtigsten Mannes auf dieser unserer Erde, US-Präsident Bush. Ein weiteres Indiz: Das sonst für seine Unaufgeregtheit berühmt-berüchtigte Wall Street Journal schrieb dem toten Pontifex das «Charisma eines Rockstars» zu – eine Übertreibung, die Madonna und Mick Jagger schlaflose Nächte bereiten dürfte. Selbst der NZZ war der Wechsel an der Spitze des Weltkatholizismus gleich drei (!) Farbbilder wert.
Was also hat die Journalisten – oder vielleicht besser entpersonalisiert – die Medien (weltweit oder zumindest in der westlichen Hemisphäre) dazu veranlasst, das politisch-ökonomisch-kulturelle Tagesgeschehen «unter ferner liefen» abzuhandeln? Warum so viel Aufmerksamkeit für etwas eigentlich Alltägliches, normalerweise jedoch kollektiv Verdrängtes, nämlich das Ableben eines Einzelnen?
Vorab das Eingeständnis, dass auch mich das schiere Ausmass dieses Ausnahmezustands überrascht hat. Und dass es folglich auch für den geübten Beobachter nicht einfach ist, plausible Erklärungen für diese exzessive Medieninszenierung zu finden. Zumal diese im denkbar grössten Kontrast steht zum üblichen Umgang mit spirituellen Themen in unserer bis auf die Knochen säkularisierten Gesellschaft, in der Sekten meist mehr journalistisches Interesse wecken als die grossen Religionsgemeinschaften.
Angesichts leerer Kirchen zeigen inzwischen viele Regionalblätter die Gottesdienste längst nicht mehr genauso selbstverständlich an wie das
Kinoprogramm. Sprich: Die Medien selbst sind für viele von uns zur
Ersatz-Religionsgemeinschaft geworden, sei es, dass wir, statt in der Kirchenbank vor der Glotze sitzen, sei es, dass manch einer die Talkshow mit dem Beichtstuhl verwechselt und dort sein Innerstes nach aussen kehrt.
Journalistische Lemmingeffekte und Herdentriebe liefern also nur eine Teilerklärung des Phänomens. Mindestens ebenso wichtig ist die Inszenierungsmacht einer uralten Institution, die seit zweitausend Jahren für alles Jenseitige, Nicht-Fassbare und damit eben auch für unsere Todesängste respektive Erlösungssehnsüchte zuständig ist. Deshalb widerspreche ich meinem Kolumnistenkollegen Sacha Wigdorovits (WW 14/05) diesmal ganz entschieden: Mit Marketingkategorien wie «Markenführung» und der Charakterisierung des Papstes als «Brandmanager» ist dieses Kommunikationswunder, das wochenlang über uns hereingebrochen ist, nur sehr unzureichend erklärbar. Womit die PR-Leistungen von Johannes Paul II. und seiner Kirche nicht geschmälert werden sollen – eher im Gegenteil.
Was wir erlebt haben, war indes keine Sternstunde eines sich globalisierenden Journalismus, sondern eher ein Indiz für die fortschreitende «Italienisierung» der Medien. Denn nirgendwo sonst in der westlichen Welt neigen Journalisten so zur «tematizzazione», zur Fokussierung auf jeweils ein einziges Tagesthema, wie südlich der Alpen. Und nirgendwo unter freiheitlich-westlichen Bedingungen scheinen sie mir von ihren Einflüsterern in Politik und Gesellschaft abhängiger und instrumentalisierbarer zu sein wie in Italien.
> Stephan Russ-Mohl ist Publizistikprofessor an der Universität der italienischen Schweiz in Lugano.
Was also hat die Journalisten – oder vielleicht besser entpersonalisiert – die Medien (weltweit oder zumindest in der westlichen Hemisphäre) dazu veranlasst, das politisch-ökonomisch-kulturelle Tagesgeschehen «unter ferner liefen» abzuhandeln? Warum so viel Aufmerksamkeit für etwas eigentlich Alltägliches, normalerweise jedoch kollektiv Verdrängtes, nämlich das Ableben eines Einzelnen?
Vorab das Eingeständnis, dass auch mich das schiere Ausmass dieses Ausnahmezustands überrascht hat. Und dass es folglich auch für den geübten Beobachter nicht einfach ist, plausible Erklärungen für diese exzessive Medieninszenierung zu finden. Zumal diese im denkbar grössten Kontrast steht zum üblichen Umgang mit spirituellen Themen in unserer bis auf die Knochen säkularisierten Gesellschaft, in der Sekten meist mehr journalistisches Interesse wecken als die grossen Religionsgemeinschaften.
Angesichts leerer Kirchen zeigen inzwischen viele Regionalblätter die Gottesdienste längst nicht mehr genauso selbstverständlich an wie das
Kinoprogramm. Sprich: Die Medien selbst sind für viele von uns zur
Ersatz-Religionsgemeinschaft geworden, sei es, dass wir, statt in der Kirchenbank vor der Glotze sitzen, sei es, dass manch einer die Talkshow mit dem Beichtstuhl verwechselt und dort sein Innerstes nach aussen kehrt.
Journalistische Lemmingeffekte und Herdentriebe liefern also nur eine Teilerklärung des Phänomens. Mindestens ebenso wichtig ist die Inszenierungsmacht einer uralten Institution, die seit zweitausend Jahren für alles Jenseitige, Nicht-Fassbare und damit eben auch für unsere Todesängste respektive Erlösungssehnsüchte zuständig ist. Deshalb widerspreche ich meinem Kolumnistenkollegen Sacha Wigdorovits (WW 14/05) diesmal ganz entschieden: Mit Marketingkategorien wie «Markenführung» und der Charakterisierung des Papstes als «Brandmanager» ist dieses Kommunikationswunder, das wochenlang über uns hereingebrochen ist, nur sehr unzureichend erklärbar. Womit die PR-Leistungen von Johannes Paul II. und seiner Kirche nicht geschmälert werden sollen – eher im Gegenteil.
Was wir erlebt haben, war indes keine Sternstunde eines sich globalisierenden Journalismus, sondern eher ein Indiz für die fortschreitende «Italienisierung» der Medien. Denn nirgendwo sonst in der westlichen Welt neigen Journalisten so zur «tematizzazione», zur Fokussierung auf jeweils ein einziges Tagesthema, wie südlich der Alpen. Und nirgendwo unter freiheitlich-westlichen Bedingungen scheinen sie mir von ihren Einflüsterern in Politik und Gesellschaft abhängiger und instrumentalisierbarer zu sein wie in Italien.
> Stephan Russ-Mohl ist Publizistikprofessor an der Universität der italienischen Schweiz in Lugano.
