Random-Journalismus
Kolumne Die Medien machen es sich leicht, die brennenden Vorstädte Frankreichs per Ferndiagnose zu missdeuten, anstatt die Lage vor Ort abzuklären, schreibt Oliver Fahrni.
Kolumne Die Medien machen es sich leicht,
die brennenden Vorstädte Frankreichs per Ferndiagnose zu missdeuten,
anstatt die Lage vor Ort abzuklären.Was dem Privat-TV das Handauflegen per
Telefon, ist dem Journalismus die Ferndiagnose. Die Banlieue brennt?
Klarer Fall: Die Islamisten warens (Die Welt …). Nein, die
Banlieue-Machos (Alice
Schwarzer, allüberall). Oder doch die organisierte Kriminalität von
Drogenbanden («Tagesschau» SF 1)? Jedenfalls ist alles dem Konkurs des
französischen Integrationsmodells geschuldet (sämtliche Medien).
Und einer verfehlten Immigrationspolitik! (ZDF …) Ach was, es tobt
der Krieg der Kulturen (Spiegel). Nein, nein, die Banlieue-Kids sind
benachteiligt (Tages-Anzeiger). Und so weiter.
So wütet weniger ein Krieg der Kulturen als Journalismus nach
Random-Verfahren. Vielfalt in der Einfalt. Bestenfalls. Wirklichkeit,
das möchte man zugeben, ist lästig. Was sind Fakten wie jene, dass
gerade jene Vorstädte ruhig blieben, wo die Islamisten stark sind (was
nicht für die Islamisten spricht), oder dass die Rebellen Franzosen in
der zweiten und dritten Generation sind oder dass kaum einer der über
500 Verhafteten polizeilich auffällig war, was sind schon solch niedere
Tatsachen gegen die erhabene Schönheit des Gedankens, die
benachteiligten Kids aus den Wohnsilos seien benachteiligt? Was sollte
schon die Arbeit von fünftausend Banlieue-Forschern ausrichten gegen
die lichtvolle Erkenntnis, die Integration sei gescheitert?
Dass sie eigentlich ganz gut geglückt ist, wie uns die Forscher
berichten, ist wirklich lästig. Schon die Väter der Rebellen leben und
denken sehr französisch. Die älteren Brüder haben Hochschulabschlüsse
oder zumindest eine gute Fachausbildung. Viele waren aus den Vorstädten
heraus und werden nun wieder dorthin zurückgeworfen, weil der
Zusammenhalt der französischen Gesellschaft zerfällt. Wo die Kids dem
Islam huldigen, ist es ein französischer, fiktiver Islam, der die
islamische Tradition der Grossväter bekämpft. Keine Integrationskrise stachelt die Revolte an, sondern eine
Desintegrationskrise. Die ganze französische Gesellschaft bricht unter
den Hammerschlägen neoliberaler Politik; und was wir heute, dank
brennender Autos, in den Blick fassen, ist nur das sichtbarste Symptom
eines Neokapitalismus, der das Soziale verheert. Nicht nur in der
Banlieue. In den Kleinbürgervierteln, wo die leiblichen Nachfahren der
Gallier wohnen, brennen weniger die Autos als die Seelen, da löschen
Väter ihre Familien aus, da wird Amok gelaufen oder reihum
geselbstmordet. Frankreich franst nicht an den Rändern aus, Frankreich
zerfällt in seiner Mitte. Wem dieser Umstand bedeutungslos scheint, wer denkt: Krise der
Integration, Desintegrationskrise, egal, was soll da der Unterschied
sein, der ist ein Muggli, für den er seine Leserinnen und Leser hält.
Aber er hat zumindest die lästige Frage vom Tisch, die der präzisere
Blick nach sich ziehen würde: Kann, wird derlei auch in Deutschland,
Italien oder bei uns eintreten?
Darüber könnte sich der Korrespondent, sofern das Medium noch einen
hat, leicht ins Bild setzen. Fünfzigtausend Streetworker und
Sozial-Ingenieure kennen jede Ecke, jedes Motiv, jede Gefühlslage. Sie
würden gerne davon berichten. Ohnehin reden wir nicht über Ouagadougou.
Vom linken Seine-Ufer nach Bobigny sind es, in der Metro, maximal 40
Minuten und von da in die Siedlungen nur wenige Taxameter-Takte.
Vaulx-en-Velin, das schon 1990 und 1995 gebrannt hat, ist in zwei
Stunden zu erreichen (TGV). Oder man könnte mit der Linie 7 der Metro
von den asiatischen und weissen Gettos im Süden von Paris, quer durch
die soziale Geografie, ins geschäftige Zentrum und von da weiter in die
afrikanischen und maghrebinischen Gettos im Norden fahren. Dem ist die
Ferndiagnose vor. Faszinierend dabei ist freilich, wie
dieser Berufsstand mit Grandezza an der Behauptung festhält, er schaffe
Öffentlichkeit über Zustände, wo er doch nur die Erregung öffentlichen
Ärgernisses betreibt.
die brennenden Vorstädte Frankreichs per Ferndiagnose zu missdeuten,
anstatt die Lage vor Ort abzuklären.Was dem Privat-TV das Handauflegen per
Telefon, ist dem Journalismus die Ferndiagnose. Die Banlieue brennt?
Klarer Fall: Die Islamisten warens (Die Welt …). Nein, die
Banlieue-Machos (Alice
Schwarzer, allüberall). Oder doch die organisierte Kriminalität von
Drogenbanden («Tagesschau» SF 1)? Jedenfalls ist alles dem Konkurs des
französischen Integrationsmodells geschuldet (sämtliche Medien).
Und einer verfehlten Immigrationspolitik! (ZDF …) Ach was, es tobt
der Krieg der Kulturen (Spiegel). Nein, nein, die Banlieue-Kids sind
benachteiligt (Tages-Anzeiger). Und so weiter.
So wütet weniger ein Krieg der Kulturen als Journalismus nach
Random-Verfahren. Vielfalt in der Einfalt. Bestenfalls. Wirklichkeit,
das möchte man zugeben, ist lästig. Was sind Fakten wie jene, dass
gerade jene Vorstädte ruhig blieben, wo die Islamisten stark sind (was
nicht für die Islamisten spricht), oder dass die Rebellen Franzosen in
der zweiten und dritten Generation sind oder dass kaum einer der über
500 Verhafteten polizeilich auffällig war, was sind schon solch niedere
Tatsachen gegen die erhabene Schönheit des Gedankens, die
benachteiligten Kids aus den Wohnsilos seien benachteiligt? Was sollte
schon die Arbeit von fünftausend Banlieue-Forschern ausrichten gegen
die lichtvolle Erkenntnis, die Integration sei gescheitert?
Dass sie eigentlich ganz gut geglückt ist, wie uns die Forscher
berichten, ist wirklich lästig. Schon die Väter der Rebellen leben und
denken sehr französisch. Die älteren Brüder haben Hochschulabschlüsse
oder zumindest eine gute Fachausbildung. Viele waren aus den Vorstädten
heraus und werden nun wieder dorthin zurückgeworfen, weil der
Zusammenhalt der französischen Gesellschaft zerfällt. Wo die Kids dem
Islam huldigen, ist es ein französischer, fiktiver Islam, der die
islamische Tradition der Grossväter bekämpft. Keine Integrationskrise stachelt die Revolte an, sondern eine
Desintegrationskrise. Die ganze französische Gesellschaft bricht unter
den Hammerschlägen neoliberaler Politik; und was wir heute, dank
brennender Autos, in den Blick fassen, ist nur das sichtbarste Symptom
eines Neokapitalismus, der das Soziale verheert. Nicht nur in der
Banlieue. In den Kleinbürgervierteln, wo die leiblichen Nachfahren der
Gallier wohnen, brennen weniger die Autos als die Seelen, da löschen
Väter ihre Familien aus, da wird Amok gelaufen oder reihum
geselbstmordet. Frankreich franst nicht an den Rändern aus, Frankreich
zerfällt in seiner Mitte. Wem dieser Umstand bedeutungslos scheint, wer denkt: Krise der
Integration, Desintegrationskrise, egal, was soll da der Unterschied
sein, der ist ein Muggli, für den er seine Leserinnen und Leser hält.
Aber er hat zumindest die lästige Frage vom Tisch, die der präzisere
Blick nach sich ziehen würde: Kann, wird derlei auch in Deutschland,
Italien oder bei uns eintreten?
Darüber könnte sich der Korrespondent, sofern das Medium noch einen
hat, leicht ins Bild setzen. Fünfzigtausend Streetworker und
Sozial-Ingenieure kennen jede Ecke, jedes Motiv, jede Gefühlslage. Sie
würden gerne davon berichten. Ohnehin reden wir nicht über Ouagadougou.
Vom linken Seine-Ufer nach Bobigny sind es, in der Metro, maximal 40
Minuten und von da in die Siedlungen nur wenige Taxameter-Takte.
Vaulx-en-Velin, das schon 1990 und 1995 gebrannt hat, ist in zwei
Stunden zu erreichen (TGV). Oder man könnte mit der Linie 7 der Metro
von den asiatischen und weissen Gettos im Süden von Paris, quer durch
die soziale Geografie, ins geschäftige Zentrum und von da weiter in die
afrikanischen und maghrebinischen Gettos im Norden fahren. Dem ist die
Ferndiagnose vor. Faszinierend dabei ist freilich, wie
dieser Berufsstand mit Grandezza an der Behauptung festhält, er schaffe
Öffentlichkeit über Zustände, wo er doch nur die Erregung öffentlichen
Ärgernisses betreibt.
Oliver Fahrni ist freier Publizist. Bis 2001 war
er stellvertretender Chefredaktor der Weltwoche und zuletzt Auslandchef
der Hamburger Woche.
