Blüten & Perlen: Es wird wieder geschossen (oder auch nicht)
In ihrer Kolumne nimmt Sarah Pally liebgewonnene Marketing-Weisheiten auseinander. Dieses Mal geht sie auf die Jagd und zeigt, warum zwischen Hochsitz und Bürosessel erstaunlich viele Parallelen bestehen – von strategischem Nichtstun über hektische Fehlentscheidungen bis zur ewigen Suche nach der richtigen Positionierung.
Camouflierte Morgenmenschen pirschen bewaffnet durch die Wälder, Wanderer:innen tragen besonders auffällige Farben, die Hunde gehen alle brav an der Leine: Die Jagdsaison steht bevor!
Für Nicht-Jagende ist das alles ziemlich befremdlich: Man sitzt stundenlang regungslos da, beobachtet, wartet auf den einen Moment, in dem man dann zielsicher abdrückt. Also eigentlich genauso wie im Marketing!
Die Parallelen zwischen Jagd und Marketing sind wahrlich unverkennbar. Ausser vielleicht, dass Marketingmenschen sich keine ausgestopften Trophäen an die Wand hängen. Glaube ich zumindest. Darum hier die ultimative Auslegeordnung der Sätze, die man bei der Jagd und im Marketing sagen kann.
Der Alltag «Scheisse, ist das früh am Morgen. Gib mal den Flachmann her.»… bei Jäger:innen fällt dieser Satz eher so um 04:00, bei Marketingleuten beim ersten Meeting (egal um welche Zeit) – aber in beiden Kontexten ist es absurd früh. Es folgen Stunden einer bemerkenswerten Mischung aus viel strategischer Untätigkeit und ein bisschen kopfloser Hektik. Wer von aussen zuschaut, gewinnt schnell den Eindruck, hier geschehe gerade gar nichts. Tatsächlich laufen natürlich komplexe Prozesse ab, Kopfarbeit eben. Deshalb lautet die Standarderklärung in beiden Welten: «Es sieht imfall einfacher aus, als es ist» oder auch «es ist imfall anstrengender als es aussieht».
Strategische Untätigkeit
Die langen, aber wichtigen Phasen der strategischen Untätigkeit fördern verblüffende Weisheiten zutage: «Der Wind hat gedreht» kann bedeuten, dass das Reh die menschliche Witterung aufnimmt – oder dass man mit den Massnahmen komplett daneben lag. Das Resultat ist das gleiche: Man kann noch einmal von vorne anfangen. Oft fallen sowohl auf dem Hochsitz als auch auf dem Bürosessel: «Jetzt schauen wir erstmal, was passiert», «man muss auch einfach mal warten», «jetzt nur nicht die Nerven verlieren», gerne gefolgt von «glaub mir, Erfahrungswert». Und spätestens wenn alles nichts nützt, fällt der Satz der Sätze: «Wir müssen uns besser positionieren».
Kopflose Hektik
Der eigentliche Moment of Truth, also wenn der Bock abgeschossen werden soll, wird ja meistens verpasst. Dann machen wahlweise «Mist, wir sind zu früh dran» oder «Mist, wir sind zu spät dran» dem Misserfolg Luft.
Und sobald endlich doch mal etwas läuft, werden diese Sätze in der Hektik einfach am Stück heruntergebetet, damit man sich danach wieder mit stundenlangem, wohlüberlegtem Nichtstun profilieren kann: «Jetzt nur nicht die Nerven verlieren. Gib mal den Flachmann her… ah Mist, zu spät. Scheisse, ist das früh am Morgen. Der Wind hat wohl gedreht. Wir müssen uns besser positionieren. Oder wir schauen erstmal, was passiert. Weil manchmal muss man auch einfach mal warten. Glaub mir, Erfahrungswert!»
Na dann, Petri Heil ihr ewig Jagenden.
Seit 2025 analysiert Sarah Pally in ihrer Kolumne «Blüten und Perlen» Begriffe mit Branchenbezug und kommentiert sie mit persönlicher Note, aus einer linguistischen Perspektive – sowie auch mit präzisem Blick auf die Entwicklungen in der Branche. Pally ist Teilhaberin der Agentur Partner & Partner in Winterthur. Sie ist seit 15 Jahren mit den Themen Contentmarketing, Text/Konzept und Storytelling im Kommunikations- und Marketingbereich unterwegs.

