In Kürze
In ihrer Kolumne «Blüten und Perlen» widmet sich Sarah Pally diesmal den wirren Auswüchsen der Perspektive des Betrachtenden – und erklärt, warum die Würze nicht immer in der Kürze liegt.

Aber das Wesentliche ist damit überhaupt nicht erfasst. Es geht nämlich nicht um die Kürze per se, es geht darum, dass die Leute sich nicht langweilen. Also wäre Länge ok, wenn der Inhalt unterhaltsam und/oder relevant ist? Natürlich! Das beweisen siebenstündige Podcasts, irgendwelche überlangen Kinofilme mit vielen Explosionen und der Eurovision Song Contest – wobei diese Auswahl auch direkt das Problem aufzeigt: Wer sich wovon unterhalten fühlt, ist Geschmackssache. Für die einen liegt die Würze in stundenlangen Käfigkämpfen vor dem weissen Haus, für die anderen in einem 90-minütigen irrelevanten Fussballspiel, das 0:0 ausgeht. Wieder andere ziehen sich Opern in der doppelten Länge rein und nochmals andere lösen in der nochmals doppelt so langen Zeit ein Kreuzworträtsel nicht. Und ja, dass Länge per se nichts Schlechtes sein muss, gilt auch für Text. Harry Potter hat rund sieben Millionen Zeichen (inkl. Leerzeichen), die Endlosreihe von den Drei Ausrufezeichen bringt es bisher auf 30 Millionen Zeichen (wahrscheinlich sind auch viele Ausrufezeichen dabei).
Biete irgendwas!
Und ausgerechnet die Caption zu deinem Instapost darf keinesfalls länger als 3,5 Zeichen (inkl. Leerzeichen) sein, weil sonst deine Zielgruppe verzweifelt? Hm ja sorry, vielleicht liegts gar nicht daran. Vielleicht ist der Inhalt einfach zu langweilig. Denn die Leute bleiben nicht hängen, weil es kurz ist, sondern weil es geil, spannend, erhellend, cool, vorteilhaft, hilarious oder cute ist. Oder weil es um Zauberschüler:innen oder Jungdetektivinnen geht. Letzteres kannst du zwar wahrscheinlich nicht bieten. Aber um Himmels Willen: biete irgendetwas!
Und genau darum wird diese Kolumne neu in der Printversion etwas länger als bisher erscheinen – aber immer noch zuverlässig auf Seite 7.
Mein Dank geht an ChatGPT fürs Zählen der Zeichenangaben bei Harry Potter und den Drei Ausrufezeichen. Ich überprüfe das jetzt mal nicht.
Seit 2025 analysiert Sarah Pally in ihrer Kolumne «Blüten und Perlen» Begriffe mit Branchenbezug und kommentiert sie mit persönlicher Note, aus einer linguistischen Perspektive – sowie auch mit präzisem Blick auf die Entwicklungen in der Branche. Pally ist Teilhaberin der Agentur Partner & Partner in Winterthur. Sie ist seit 15 Jahren mit den Themen Contentmarketing, Text/Konzept und Storytelling im Kommunikations- und Marketingbereich unterwegs.
