Walensee-Bühne: «Charlie Chaplin» gibt sich die Ehre

Es ist wieder Sommer-Bühnen-Musical-Zeit. Die Walensee-Bühne bringt mit Charlie Chaplin auf den See. Das schwungvolle Musical erzählt nicht nur vom grandiosen Künstler, der Charlie Chaplin zweifellos war, sondern begibt sich auch auf die Suche nach den Spuren eines Mannes mit vielerlei Gesichtern. m&k hat sich mit Hauptdarsteller Steven Armin Novak unterhalten.

Steven Armin Novak vor dem Walensee. Bild: Tino Kratochvil

m&k Bald betreten Sie als Charlie Chaplin die Bühne der Walensee-Bühne. Wie hat sich Ihr Leben in den letzten Monaten verändert, seitdem Sie wissen, dass Sie diese Ikone verkörpern werden? Was bedeutet es Ihnen persönlich, in die Rolle dieses legendären Künstlers zu schlüpfen?

Steven Armin Novak Ich bin von Kind auf ein grosser Bewunderer seiner Kunst bzw. seiner Filme und Geschichte. Charlie Chaplin machte Hollywood zu dem, was es heute ist. Er ist ohne Zweifel ein künstlerischer Revolutionär des 20. Jahrhunderts. Und doch finde ich, dass sein Schaffen bis heute aktuelle Relevanz behalten hat – das lässt sich nicht ignorieren. In den letzten Monaten habe ich mich sehr intensiv mit seinem Werk, seiner Person und seinem Leben auseinandergesetzt und versuche mit meiner Verkörperung, Chaplin auf allen Ebenen so gerecht zu werden, wie möglich.

 

Wie haben Sie sich konkret auf diese Rolle vorbereitet? Welche Filme haben Sie sich angeschaut, welche Bücher gelesen, und gab es einen Moment, in dem Sie gedacht haben: «Jetzt verstehe ich, wer Chaplin wirklich ist»?

Die grösste Basis der Vorbereitung bildete seine Biographie, welche ich bereits zum zweiten Mal gelesen habe. «Die Geschichte meines Lebens» von Charlie Chaplin ist wirklich spannendes und aufschlussreiches Buch über sein Leben und seine Person. Konkrete Filme kann ich gar nicht nennen, weil ich vermutlich einfach „alle“ sagen müsste, oder zumindest, so viele, wie eben zu ergattern waren. Dasselbe gilt für Interviews und Aufnahmen. Schlussendlich bleibt die Frage, ob man zu irgendeinem Zeitpunkt wirklich verstehen kann, wer jemand wirklich ist bzw. war, aber, ich habe versucht, mich dieser Antwort bestmöglich anzunähern.

 

Chaplin ist weltberühmt für den Charakter des «Tramp» mit seinem charakteristischen Gang, seinen Gesten, der Melancholie dahinter. Wie haben Sie diese physische Sprache entwickelt, und wie unterscheidet sie sich von Ihren bisherigen Rollen wie in «West Side Story» oder «Mrs. Doubtfire»?

Seine Figur des Tramp ist eine wunderbare Vorlage, welche bei der physischen Vorbereitung natürlich nicht ausser Acht gelassen werden kann. Ich habe anfangs versucht, den Tramp einfach zu kopieren, also mithilfe von simpler Imitation und einem Copy&Paste Prinzip. Am Ende versucht man dann vielleicht noch, es mit seinem letzten Touch persönlich zu optimieren, und kreiert dann so eine gewisse eigene Version des Tramps.

Schauspieler Portrait
Der Schauspieler, Sänger, Choreograph und Tänzer Steven Armin Novak.

Sie sind nicht nur Darsteller, sondern auch Choreograf. Hat diese Doppelrolle bei der Vorbereitung auf Chaplin geholfen? Inwiefern unterscheidet sich die Bewegungssprache eines Musicals von Chaplins stummfilmartiger, physischer Komik?

Mein tänzerischer Hintergrund war hier definitiv eine grosse Hilfe. Mimik und Gestik, die Körpersprache an sich, sind die wichtigsten Bausteine der Stummfilmzeit. Mehr hat es in einem Film damals nicht gegeben – keine gesprochenen Dialoge, der Körper diente als Sprache an sich. Körperlichkeit verstehen und auseinandernehmen zu können, diese getimte Komik und Perfektion hinter seinen Bewegungen zu erkennen, das macht es natürlich auch irgendwo sehr choreografisch. Ich denke, dass die grundlegende Bewegungssprache, oder der choreografische Stil eines Musicals hier definitiv mit der körperlichen Komik Chaplins Hand in Hand gehen darf und die Linie zwischen den beiden relativ fein ist.

 

Wie haben sich die Proben konkret gestaltet? Was war überraschend an dieser Produktion, und gab es Momente, in denen Sie mit dem Team oder dem Regisseur intensiv um die richtige Interpretation ringen mussten?

Diese Momente gibt es immer, wenn man seinen Job gut machen will. Bei historischen Figuren hat man zwar gewisse Vorlagen, aber auch da ist es wichtig, zu verstehen, dass nicht Charlie Chaplin sich selbst verkörpert, sondern ich als Darsteller, eben in die Rolle Charlie Chaplin schlüpfe und seine ikonische Figur, den Tramp, verkörpere. Dann kommt die Inszenierungsfrage dazu, ob die Regie bewusst von einzelnen Fakten weggehen möchte, wenn ja, warum und wie man dies in jenem Fall dann auflösen möchte. Das Kreativteam unter der Regie von Stanislav Moša gab mir jeglichen Raum für Fragen, Anmerkungen und Vorschläge und das sehe ich keineswegs als Selbstverständlichkeit. Ich kann hier auf alle Fälle sagen, dass wir „meinen“ Charlie Chaplin alle gemeinsam kreiert haben.

 

Chaplin war nicht nur Entertainer – er war ein Kritiker seiner Zeit, politisch engagiert, manchmal radikal in seinen Aussagen. Welche Botschaften Chaplins sprechen Sie persönlich an, und welche wollen Sie mit dieser Rolle an das heutige Publikum vermitteln?

Ich glaube, dass Chaplin nur selten ein Blatt vor den Mund nimmt. In der heutigen Zeit geht es vielen grundlegend um die Wirkung nach Aussen, die generelle Anerkennung oder darum, eine Art makelloses Image zu erzeugen. Aber wer ist schon perfekt? Fehler machen uns doch erst wirklich menschlich, oder nicht? Es mag vielleicht der kompliziertere Weg sein, sich eine eigene Meinung zu bilden, dann vom Gegenteil überzeugt zu werden und sich gleichzeitig eingestehen zu müssen, dass man möglicherweise unrecht hatte. Allerdings ist der Mensch stets lernfähig, und genau das macht das Leben doch erst interessant. Chaplin hatte eine ausgeprägte eigene Meinung, die er stets äusserte. Das zeigen vor allem seine späteren politischen Statements über das „Weltbürgersein“ oder der „kulturellen Identität“ zur Zeit des 2. Weltkriegs, welche ihn schlussendlich auch zur Auswanderung in die Schweiz zwangen. Im Stück werden Teile dieser Reden wiedergegeben und ich hoffe, dass vor allem diese Botschaft im Gedächtnis bleibt.

 

Einer der faszinierendsten Aspekte von Chaplins Werk ist die Verbindung zwischen Komik und Traurigkeit. Wie gehen Sie damit um, diese Balance auf der Bühne zu halten, ohne in Sentimentalität zu verfallen?

Ich denke, dass Chaplin drei ganz essentielle Phasen in seinem künstlerischen Werdegang durchlebt hat: Zu allererst hat er erkannt, dass er von Grund auf komisch ist. Im nächsten Schritt, dass seine Komik andere zum Lachen bringen kann und er somit mehr Freude in die Welt verbreitet. Im letzten Stadium erkannte er zusätzlich, dass er mit seiner Komik nicht nur Lachen bzw. Freude erzeugen kann, sondern eben auch Weinen bzw Traurigkeit. Diese zwei Bausteine seiner Kunst, nämlich das Lachen und das Weinen, sind Uremotionen, die jedes Kind täglich erlebt, und darum kann sich jeder auf eine bestimmte Art und Weise mit seinen Filmen identifizieren. Ich würde lügen, wenn ich behauptete, dass mich das grosse Finale der Show „Die Oscarverleihung“  kaltlassen würde. Jedes Mal, wenn ich diesen letzten Monolog in meiner Rolle spreche und den anderen Kollegen*innen dabei in die Augen sehe, kommen mir die Tränen, weil es einen Moment der puren Dankbarkeit zeigt: Chaplins gegenüber der Filmindustrie in Amerika in den 70er Jahren, meiner gegenüber der Cast, die mich gemeinsam jeden Abend durch diese Show tragen.

 

Sie haben auf großen Bühnen in Europa gespielt – von der Komischen Oper Berlin bis zu den Seefestspielen Mörbisch. Was ist besonders an der Walensee-Bühne, und wie unterscheidet sich das Publikum und die Akustik im Freien von Ihren bisherigen Erfahrungen?

Open Air zu spielen, ist für mich persönlich immer eine ganz besondere Sache, weil man plötzlich von ganz anderen Bedingungen abhängig wird, wie u.a. von Mutter Natur. Die Bühne und die sich dahinter türmende Traumkulisse sind natürlich ein absolutes Highlight. Ich finde, dass kein perfekt beleuchtetes Bühnenlicht in einem Theater das gleiche Gefühl bei einer emotionalen Ballade hervorrufen kann, wie ein freier Sternenhimmel und das Mondlicht in Zusammenspiel mit Bühnenlicht – das gibt noch einmal eine ganz neue Atmosphäre und die ist für mich hier wirklich sehr besonders.

Was können Sie als Künstler von Chaplin lernen – nicht nur technisch, sondern auch philosophisch? Gibt es etwas aus seinem Leben oder Werk, das Sie als Schauspieler, Choreograf oder Mensch verändern wird?

Moralisch sehe ich eine kleine versteckte Botschaft in seinem Leben: Vergebung und Dankbarkeit sind beides aktive Prozesse, die ich allein eröffnen muss, damit sie schlussendlich auch wirklich passieren. Als Künstler, egal, ob als Choreograf oder Schauspieler, lege ich enorm viel Wert auf Körpersprache. Bewegungen erzählen auch Geschichten und machen eine Figur menschlich, auch ohne Sprache und Musik. Ich habe durch die Vorbereitungen wieder gelernt, genauer hinzusehen, auf die Kleinigkeiten, die Details einer Körperlichkeit. Dieses erneut gewonnene Bewusstsein nehme ich auf alle Fälle in Zukunft mit.

 

Am 10. Juni ist Premiere. Wie fühlt sich das an? Gibt es noch Unsicherheiten, oder sind Sie bereit? Und was hoffen Sie, dass das Publikum nach dieser Aufführung mitnimmt – welche eine Sache soll im Gedächtnis bleiben?

Ich bin aufgeregt – sehr sogar. Denn immerhin spiele ich Charlie Chaplin. Das ist schon eine grosse Ehre. Gleichzeitig darf ich mit dieser Rolle mein 10-jähriges Bühnenjubiläum feiern. Ich bin definitiv bereit und überglücklich, dass ich Chaplins Geschichte erzählen darf und so vielleicht auch junge Generationen, die noch nicht viele Berührungspunkte mit Chaplin hatten, inspirieren darf. Für die Zukunft wünsche ich mir vor allem eines: Das die Menschen erkennen, wie wichtig Theater und Kunst gerade in Zeiten wie diesen ist.


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