Handwerk statt Hype: Das «Video-Content-Playbook» als Kompass für wirksames Bewegtbild

Das neue Fachbuch von Jürg Steudler und Bart Wasem liefert eine klare Systematik für Video-Kommunikation – und zeigt, warum Strategie, Storytelling und Gestaltung wichtiger bleiben als jedes Tool.

Wenn Bewegtbild plötzlich per Prompt aus dem Nichts entsteht, wird die eigentliche Engstelle sichtbar: Strategie, Systematik und inhaltliche Führung. «Das Video-Content-Playbook» von Jürg Steudler und Bart Wasem liefert dafür ein pragmatisches Gerüst – und erinnert daran, dass Kreativität im KI-Zeitalter weniger Zauberei als sauberes Handwerk ist. 

Da ist dieser Moment, in dem ein Tool ein Video ausspuckt, das „irgendwie“ funktioniert. Der Schnitt passt, der Look ist stimmig, sogar die Musik sitzt. Und trotzdem bleibt die Frage im Raum: Wofür ist das eigentlich? Was soll es auslösen, wozu passt es, was zahlt es ein – und wie verhindert man, dass aus der neuen Bewegtbild-Demokratie eine Content-Flut ohne Richtung wird? Genau an dieser Stelle setzt Steudler/Wasem an. Nicht als Technik-Propheten, sondern als erfahrene Praktiker, die Bewegtbild seit Jahrzehnten zwischen Werbung, Film und Fernsehen mitdenken – und nun ein Playbook vorlegen, das Ordnung ins kreative Chaos bringen will. 

Ein Buch, das nicht gegen KI argumentiert – sondern für Führung 

Die Autoren, Mitgründer von Regardez! in Zürich, schreiben aus der Perspektive von Leuten, die den Produktionsstress kennen: unklare Briefings, falsche Erwartungen, zu viel Bauchgefühl an der falschen Stelle – und am Ende ein Film, der „schön“ ist, aber nicht wirkt. Ihre Diagnose: In vielen Unternehmen fehlt ein strukturiertes Basiswissen für Bewegtbildkommunikation. Und wer diese Lücke nicht schliesst, wird auch mit KI nicht schneller, sondern nur häufiger danebenliegen. 

Daraus leiten sie einen Anspruch ab, der im KI-Kontext fast schon beruhigend klingt: Entscheidend sind übergeordnete Kompetenzen – technologisch, strategisch, kreativ und analytisch. KI kann Umsetzung vereinfachen. Führung ersetzt sie nicht. 

Die Video-Content-Systematik: Mindset, Ressourcen, Prozess, Kreativität 

Das Herzstück des Buches ist eine Video-Content-Systematik, die Bewegtbild als wiederholbaren, lernenden Prozess versteht – nicht als Einzelkunstwerk. Vier Zutaten sollen zusammenspielen: Mindset, Ressourcen, Prozess und Kreativität. 

Beim Mindset drücken die Autoren auf „Video first“, „Story first“ und „Mobile first“ – nicht als Mantra, sondern als Konsequenz daraus, dass Video der direkteste Weg zu Emotionen ist. Und genau dort wird das Buch auch betont betriebswirtschaftlich: Systematik ist ein Effizienztreiber. Wer Re-Use, Content Stacking und Standardisierung ernst nimmt, spart nicht nur Budget, sondern vor allem Nerven. 

Konkret wird es dort, wo viele Fachbücher oft ausweichen: bei den Ressourcen und im Prozess. Personal, Technik, Budget und Management-Tools werden als Stellhebel beschrieben – inklusive einer bodenständigen Empfehlung: Standard-Equipment kaufen, das täglich genutzt wird; Spezial-Equipment mieten. Der Prozess selbst ist iterativ gedacht und gliedert sich in die Phasen Perspektive, Gestaltung, Geschichten, Anwendung – mit dem Anspruch, das System laufend zu schärfen statt einmalig zu „implementieren“. 

Mensch schlägt Maschine dort, wo Vertrauen und Gefühl entstehen 

Im zweiten grossen Spannungsfeld wird das Playbook besonders aktuell: Storytelling und Authentizität – gerade weil Deepfakes und synthetische Bilder die Glaubwürdigkeit von Bewegtbild erodieren lassen. Die Autoren setzen dagegen auf dokumentarische Elemente, echte Protagonisten, wahre Geschichten. Nicht aus Nostalgie, sondern als strategische Antwort auf ein Medienklima, in dem „gesehen“ nicht mehr automatisch „geglaubt“ bedeutet. 

Storytelling wird dabei als Emotions-Vehikel verhandelt – mit klassischen Modellen wie 3-Akt-Struktur und Heldenreise, aber ohne Theorie-Overkill. Ein prägnanter Satz bleibt hängen: Geschichten werden bis zu 22-mal besser gespeichert als reine Fakten. Wirkung entsteht, so die Logik des Buches, im Zusammenspiel von Narration, Inszenierung, Argumentation und Assoziation – also dort, wo KI zwar Vorschläge machen kann, aber die Leitentscheidung weiterhin menschlich bleibt. 

Auch Kreativität wird entmystifiziert. Die Autoren unterscheiden verschiedene Ebenen – von Mini-c bis Big-C – und betonen die Mechanik, die Film so stark macht: die grosse Idee, veredelt durch viele kleine Ideen in Rhythmus, Schnitt, Farbe, Sound. Gleichzeitig plädieren sie für Leitplanken: Guidelines sollen Kreativität nicht dämpfen, sondern fokussieren – als Orientierung, nicht als Käfig. 

Tools und Szenarien: vom Canvas bis zur Bäckereikette 

Praktisch wird das Buch mit dem Video-Content-Canvas: ein Arbeitsinstrument als Plan, Checkliste und Notizfläche, das die Systematik in den Alltag übersetzt. Dazu kommen fiktive, aber realistisch gebaute Szenarien aus unterschiedlichen Unternehmenswelten – vom Startup bis zur Bäckereikette. Sie zeigen, wie die Systematik je nach Grösse und Kontext anders greift, ohne ihren Kern zu verlieren. 

Und noch ein Punkt, der im Content-Alltag oft unterschätzt wird: serielle Formate. Reihen, Mini-Serien und wiederkehrende Setups sind nicht nur besser für Bindung und Markenpräsenz, sondern auch effizienter in der Produktion – weil wiederverwendete Elemente die Kosten pro Episode senken. 

Fazit: Das Playbook als Fels – nicht als Gegenmittel 

«Das Video-Content-Playbook» ist kein Buch, das KI kleinredet. Im Gegenteil: Es setzt dort an, wo KI den Druck erhöht – weil plötzlich sehr viel mehr möglich ist. Gerade deshalb wirkt die zentrale Botschaft so zeitgemäss: Wer Bewegtbild will, braucht nicht zuerst Tools, sondern Klarheit. Strategie, Systematik, handwerkliche Gestaltung – das ist der Fels in der Brandung, wenn ringsum Content im Sekundentakt entsteht. 

 Das Buch ist im Buchhandel (Amazon, Exlibirs, Buch.ch) erhältlich oder direkt bestellbar bei Springer.com. 

 

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