Leben im Sommerloch
Kolumne Keiner hat je das Monster vom Loch Ness gesichtet, und niemand redet mehr von «sauren Gurken»: Jürg Altweggs Gedanken nach den grossen Ferien.
Kolumne Keiner hat je das Monster vom Loch Ness gesichtet, und niemand redet mehr von «sauren Gurken»: Gedanken nach den grossen Ferien.Lange Jahre über stöhnte meine Kioskfrau, wenn ich in die Ferien fuhr. Nicht wegen der einbrechenden Verkäufe. Sondern weil sie den Auftrag bekam, Le Monde, die Frankfurter Allgemeine und auch einige Magazine zu behalten. Es war damals undenkbar, ausländische Zeitungen zu abonnieren – sie kamen frühestens am nächsten Tag. Auf der Post sammelten sich die einheimischen Gazetten an.Das Sammeln und Nachlesen war keineswegs nur ein professioneller Reflex. Es ging schon ein bisschen darum, nichts zu verpassen und in den Dossiers keine Lücken entstehen zu lassen. Es handelte sich eindeutig um ein Suchtverhalten. Darum war mir auch die verstorbene Zeitung La Suisse so lieb. Sie erschien an jedem Tag des Jahres, am 25. Dezember genauso wie am Ostermontag. Ich las sie keineswegs täglich, aber immer dann, wenn mich alle anderen im Stich und allein liessen. Zudem konnte man das Blatt bereits nach dem Verlassen der Druckerei bekommen und damit gewissermassen die Zeitung von morgen lesen.
Ich verachtete jene französischen Zeitungen, die im Sommer während zweier Monate keine Magazine beilegten. Oder die Wochenzeitungen, die auch schon mal eine Nummer ausfallen liessen. Sie wussten nicht, was sie ihren Lesern antaten.
Diese Abhängigkeit hat inzwischen einen neuen Fetisch. Das Internet ist überall, und alles ist im Internet. Es führt die Dossiers der Journalisten und hat den Anspruch auf Vollständigkeit zur Illusion gemacht. Und damit auch die einzelnen Titel entwertet. Es kümmert kaum mehr jemand, wenn eine Zeitung am Kiosk ausverkauft ist. Man bekommt ohnehin alles mit – irgendwie. Der Rest ist Zufall.
Von dieser Freiheit und Entfremdung ist der Medienkonsum im Sommer geprägt. Der Zerstreutheit der Zeitgenossen leisten die Medien mit ihrer Nachlässigkeit neuen Vorschub. Sie brüskieren ihre treusten Nutzer. Das Fernsehen stellt seine Sendungen ein, weil eh alle im Freien sind. Stimmt aber nicht. Die Pendlerzeitungen erscheinen schon gar nicht – und wenn trotzdem einer zur Arbeit fährt? Dieses Jahr hat sogar das angesehene Magazin des Tages-Anzeigers eine Nummer mit der Begründung «Hitzeferien» ausfallen lassen. Hat es einer gemerkt, sich gar empört?
Die Zeitungen werden im Sommer noch schlanker, als sie es in der Krise bereits geworden sind. Serien wurden vorprogrammiert. Die Aktualität wird auf Sparflamme gekocht. Hintergründe fallen der Hitze zum Opfer. Dafür redet niemand mehr von «Sommerloch» und «sauren Gurken». Das Monster vom Loch Ness hat niemand gesichtet. Die Schwindsucht im Sommer ist kein Thema mehr. Medienkritik an ihr gibt es schon gar keine: «Persönlich» ist nicht «im Netz», die Werbewoche nicht im Postfach. Ist es die reine Scham? Sind es Vorboten der Zukunft – weil sich im Sommer der Herbst der Medien abzeichnet?
Unvermittelt kommt man in dieser Dürre auf ganz neue Genüsse. Im Flugzeug auf der Heimreise habe ich während zweier Stunden eine drei Tage alte NZZ gelesen und erstaunt festgestellt, wie viel in einer Zeitung steht. Imponierend! Der Wetterbericht von vorgestern. Nicht aktuelle Sportresultate. Neuigkeiten aus der Schweiz. Iso Camartins Betrachtungen über den 14. Juli und den 1. August. Börsenkurse ohne jegliche Verbindlichkeit. Martin Meyers Ausführungen über Schillers Freiheitsbegriff. Nach der Weltmeisterschaft kündeten die ersten Spiele der Schweizer Meisterschaft davon, dass es nach der Entwöhnung einen Neuanfang gibt.
Und in alter Gewohnheit blätterte ich zu Hause durch die Magazine, die doch noch erschienen waren. Ich las das Monatsinterview mit Good-News-Chef André Béchir. Weise ist er geworden und richtig sympathisch. 1971 hatte er Pink Floyd nach Wetzikon gebracht. Ja, und ich war dabei. «Good News – Bad News» schrieb ich in der Zürichsee-Zeitung. Es war noch vor dem Rauswurf aus der Kantonsschule Wetzikon (wegen anderer Artikel). Mein allererster Ärger als blutjunger Schreiberling. Der versöhnliche Ton Béchirs im Magazin hat mich beeindruckt und beruhigt: Er hat es vergessen. Und mir mit seinen weisen Formulierungen bewusst gemacht, dass das veränderte Medienverhalten im Sommer vielleicht auch nur eine Alterserscheinung ist.
Jürg Altwegg ist Kulturkorrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Genf und Buchautor.
Ich verachtete jene französischen Zeitungen, die im Sommer während zweier Monate keine Magazine beilegten. Oder die Wochenzeitungen, die auch schon mal eine Nummer ausfallen liessen. Sie wussten nicht, was sie ihren Lesern antaten.
Diese Abhängigkeit hat inzwischen einen neuen Fetisch. Das Internet ist überall, und alles ist im Internet. Es führt die Dossiers der Journalisten und hat den Anspruch auf Vollständigkeit zur Illusion gemacht. Und damit auch die einzelnen Titel entwertet. Es kümmert kaum mehr jemand, wenn eine Zeitung am Kiosk ausverkauft ist. Man bekommt ohnehin alles mit – irgendwie. Der Rest ist Zufall.
Von dieser Freiheit und Entfremdung ist der Medienkonsum im Sommer geprägt. Der Zerstreutheit der Zeitgenossen leisten die Medien mit ihrer Nachlässigkeit neuen Vorschub. Sie brüskieren ihre treusten Nutzer. Das Fernsehen stellt seine Sendungen ein, weil eh alle im Freien sind. Stimmt aber nicht. Die Pendlerzeitungen erscheinen schon gar nicht – und wenn trotzdem einer zur Arbeit fährt? Dieses Jahr hat sogar das angesehene Magazin des Tages-Anzeigers eine Nummer mit der Begründung «Hitzeferien» ausfallen lassen. Hat es einer gemerkt, sich gar empört?
Die Zeitungen werden im Sommer noch schlanker, als sie es in der Krise bereits geworden sind. Serien wurden vorprogrammiert. Die Aktualität wird auf Sparflamme gekocht. Hintergründe fallen der Hitze zum Opfer. Dafür redet niemand mehr von «Sommerloch» und «sauren Gurken». Das Monster vom Loch Ness hat niemand gesichtet. Die Schwindsucht im Sommer ist kein Thema mehr. Medienkritik an ihr gibt es schon gar keine: «Persönlich» ist nicht «im Netz», die Werbewoche nicht im Postfach. Ist es die reine Scham? Sind es Vorboten der Zukunft – weil sich im Sommer der Herbst der Medien abzeichnet?
Unvermittelt kommt man in dieser Dürre auf ganz neue Genüsse. Im Flugzeug auf der Heimreise habe ich während zweier Stunden eine drei Tage alte NZZ gelesen und erstaunt festgestellt, wie viel in einer Zeitung steht. Imponierend! Der Wetterbericht von vorgestern. Nicht aktuelle Sportresultate. Neuigkeiten aus der Schweiz. Iso Camartins Betrachtungen über den 14. Juli und den 1. August. Börsenkurse ohne jegliche Verbindlichkeit. Martin Meyers Ausführungen über Schillers Freiheitsbegriff. Nach der Weltmeisterschaft kündeten die ersten Spiele der Schweizer Meisterschaft davon, dass es nach der Entwöhnung einen Neuanfang gibt.
Und in alter Gewohnheit blätterte ich zu Hause durch die Magazine, die doch noch erschienen waren. Ich las das Monatsinterview mit Good-News-Chef André Béchir. Weise ist er geworden und richtig sympathisch. 1971 hatte er Pink Floyd nach Wetzikon gebracht. Ja, und ich war dabei. «Good News – Bad News» schrieb ich in der Zürichsee-Zeitung. Es war noch vor dem Rauswurf aus der Kantonsschule Wetzikon (wegen anderer Artikel). Mein allererster Ärger als blutjunger Schreiberling. Der versöhnliche Ton Béchirs im Magazin hat mich beeindruckt und beruhigt: Er hat es vergessen. Und mir mit seinen weisen Formulierungen bewusst gemacht, dass das veränderte Medienverhalten im Sommer vielleicht auch nur eine Alterserscheinung ist.
Jürg Altwegg ist Kulturkorrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Genf und Buchautor.
