Billy Elliot tanzt wieder in der Maag Halle Zürich
Am Freitag startete die zweite Spielzeit des Musicals Billy Elliot. Die Macher:innen haben das Stück um den Jungen aus dem verarmten Minenstädtchen in Nordengland, der sein Talent zum Tanzen gegen alle Widerstände lebt, ins Deutsche übersetzt. Es läuft noch bis Mitte Februar.
Unglaublich aktuell: Die Szene, in der die beiden Freunde Billy und Michael Frauenkleider probieren und mit einer Leichtigkeit Vorurteile und gesellschaftliche Starrheiten wegtanzen. So soll Musical klingen. So soll Musical sein. Wenn Worte nicht mehr reichen, wenn Sprache allein nicht mehr ausdrücken kann, was innen vorgeht, dann wird getanzt, dann wird gesungen, dann wird geschrien.
Billy verkörpert so viel mehr als nur einen Jungen, der seinen Weg sucht in all dem alltäglichen Chaos der englischen Thatcher-Ära. Billy verkörpert das Talent, dass sich seinen Weg bahnt, das raus will ans Licht. Das brennt, dass nicht gelöscht werden kann, gegen all die Angst, gegen alle Konventionen.
Schläppchen statt Boxhandschuhe
Schläppchen statt Boxhandschuhe im Arbeiterviertel einer verarmten Minenstadt. Jungs boxen, Mädchen tanzen, so soll es sein, so zeichnet es die Gesellschaft vor. Billy passt nicht rein ins Bild. Früh hat er seine Mutter verloren, ein Loch im Herzen, der Vater hat dieses Loch natürlich auch und der grosse Bruder und die Grossmutter, alle versuchen, das harte leben zu meistern. Der Ton ist Rauh, es gibt wenig räum für Reflexion.
Durch Zufall landet Billy im Mädchenballett und die Lehrerin sieht sein Talent. Auch das zeigt: Ein inneres Brennen, ein Talent, muss gesehen werden, damit es Resonanz erfährt. Die Ballettlehrerin, die nicht aufgibt, die Billy anspornt, die sich traut, Billys grossem Bruder und den Vater die Stirn zu bieten.
Die Liedtexte sind von Roman Riklin vom Englischen ins Deutsche übersetzt worden. Brillant direkt, der Ton fügt sich ins tolle Bühnenbild, die Liedtexte, übersetzt von Eric Hättenschwiler, wirken ungekünstelt und sind nicht auf Pointen getrimmt. Toll. Authentisch, die Jungs sind der Hammer. Billy, gespielt vom 14 jährigen Leo Lemmerich und sein Freund Michael, gespielt von Tyler Grünberg, man möchte ihnen die ganze Zeit zurufen. Ja, genau so. Sei ein Mann, mach genau, was du willst, sei du selbst.
Klassenunterschiede, Ungerechtigkeit, sich wieder verfestigende Rollenbilder, all diese Spannungsfelder sind aktuell, obwohl das Stück im 1984 angesiedelt ist. Billy Elliot ist in einer Zeit, in der zunehmend die Jungs ins Hintertreffen geraten, weil sie nur langsam Rollenvorbilder erhalten, die ihnen vorleben, wie Mann-sein geht, dass Jungs und Männer stark, lustig, weich, traurig und verspielt sein dürfen, ohne in eine Schublade gesteckt zu werden, im Jetzt genau richtig.
Ach, es ist eine Freude, ich habe gelacht, ich habe geweint. Ich habe mitgefiebert, mitgelitten mit Billy, aber auch mit dem Vater, mit dem Bruder, die sich so viel weniger spüren, weil sie nicht wissen, wie. Die andere Kämpfe ausfechten für Gerechtigkeit, fürs Überleben, wo kann da Platz sein für Befindlichkeiten, für Träume, für Sehnsüchte? Schon der Grossvater von Billy wird von der dementen Grossmutter brillant besungen. Besoffen, gewalttätig aber im Tanz mit Grandma, da war alles da, Gefühl und Sinnlichkeit. Kaum war der Alkohol aus dem System, ging es zurück in die Rolle des traditionellen «Kerls».
Billy sieht keine Zukunft
Billy gibt kurz auf, wird erdrückt von der Hoffnungslosigleit seiner täglichen Realität. Sein Vater erkennt dann aber in einer rührenden Szene im Gespräch mit der Ballettlehrerin, dass es um mehr geht, als Tanzen, es dämmert ihm. Er hat Billy heimlich beim Tanzen beobachtet.
Die Minenarbeiterfamilien legen in einer herzergreifenden Szene ihre letzten Münzen zusammen und ermöglichen Billy und seinem Vater die Fahrt nach London ins Royal Theater, damit Billy vortanzen kann, für die Aufnahme in die Ausbildung zum Balletttänzer.
Er fährt nach London und wird genommen.
Die Premiere in der Maghalle war ein absoluter Erfolg. Regisseur Mitch Sebastian hat zusammen mit dem Team und den Darsteller:innen Magie geschaffen. Die Wiederaufnahme von Billy Elliot ist ein Muss für alle, die fühlen wollen, für alle, die Lachen, staunen, klatschen und glücklich sein möchten, für zwei Stunden.
Die Energie, die von der Bühne ins Publikum schwappt, ist mitreissend. Das Publikum dankt es mit minutenlanger Standing Ovation. Der schönste Lohn für die Arbeit der Schauspielerinnen und Schauspieler.
Wenn Theater das schafft, dann hat es gewonnen.
