Adieu, liebes Homeoffice?
Das Tauziehen ist in vollem Gange: Da die Mitarbeitenden, die ihr Homeoffice lieben, dort die Firmenlenker:innen, die um die Produktivität bangen. Wer gewinnt?

Das neue Jahr begann für Amazon-Mitarbeitende mit einem Abschied vom lieb gewonnenen Homeoffice. Statt einige Tage in der Woche zu Hause zu verbringen, müssen sie nun wieder komplett zurück ins Büro. Und wem das nicht passt? Der hat beim US-Internet-Riesen eben keine Zukunft – so liess es Matt Garman, CEO von Amazon Web Services, verlauten. Wumms. Die deftige Ansage hallt auch im DACH-Markt nach, ein Schwergewicht wie Amazon hat Vorbildfunktion: Ist die wundersame Welt des New Work mit flexiblem, mobilem Arbeiten gescheitert? Adieu, bequemes Homeoffice?
Spätestens seit der Corona-Pandemie haben es sich vor allem Angestellte mit Akademiker:innen-Jobs in den eigenen vier Wänden gemütlich gemacht. Vormittags einkaufen, während die Geschäfte menschenleer und die Regale noch gut gefüllt sind. Mittags die Kinder von der Schule holen, nachmittags Wäsche waschen und abends dafür ab und an länger arbeiten.
«Kein verwerfliches Laissez-faire»
Jean-Victor Alipour erkennt darin kein verwerfliches Laisser-faire der Mitarbeitenden – sondern vielmehr den eigentlichen «Charme des Homeoffices», wie es der wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Ifo Institut in München ausdrückt.
«Dem Charme flexibler Arbeitszeitlösungen erliegen etliche Arbeitnehmende.»
Dem Charme solch flexibler und mobiler Arbeitszeitlösungen erliegen etliche Arbeitnehmende jeden Alters, jeden Geschlechts. Laut Ifo Institut gibt es daher auch mehr als 20 Prozent Stellenangebote in Deutschland, die hybrides Arbeiten ermöglichen. «Ein Rekordhoch», stellt Alipour fest. Zur Freude der Bewerberinnen und Bewerber, denn das Homeoffice komme einer Gehaltserhöhung von sieben bis acht Prozent gleich, wie verschiedene Untersuchungen herausgefunden haben. Das zeigt deutlich: So gut wie keiner will zurück an den Schreibtisch im Büro. Unternehmen sollten das anerkennen – was sie durchaus tun.
Maskierter Stellenabbau?
So belegt die jüngste Konjunkturumfrage des Ifo Instituts zum dem Thema vom Sommer 2024, dass mit 74 Prozent eine grosse Mehrheit der Unternehmen am Homeoffice festhalten möchte. Lediglich zwölf Prozent planen strengere Vorgaben, und nur vier Prozent wollen die Arbeit von zu Hause komplett abschaffen. «Eine solche Return to office-Policy nach Vorbild von Amazon kann auch zum Ziel haben, die Stellen zu reduzieren», mutmasst Alipour. Der Ifo-Forscher verweist auf die Deutsche Bank, die ihr Homeoffice-Angebot von 60 auf 40 Prozent reduziert hat, und gleichzeitig Stellen abbaut. Das gleiche Szenario – Stellenabbau gepaart mit der Regelung zu mehr Anwesenheitspflicht im Büro – findet sich beim Software-Konzern SAP. «Präsenzpflichten begünstigen freiwillige Kündigungen. So sparen Unternehmen beim Stellenabbau Kosten, weil etwa Abfindungen entfallen», interpretiert Alipour.
Offiziell begründen die Firmen das natürlich anders. Die Produktivität bleibe auf der Strecke, die Innovation könne nicht gedeihen, wenn sich die Angestellten nicht im Büro austauschten. «Kernbereiche, insbesondere in der Softwareentwicklung, müssen zusammensitzen, müssen miteinander diskutieren, danach Änderungen machen», erklärte SAP-Mitgründer und langjährige Aufsichtsratschef Hasso Plattner in einem Interview mit dem «Handelsblatt», warum er den Schritt zurück zur traditionellen Arbeitsweise im Büro befürwortet. Videokonferenzen könnten diese nun mal nicht ausgleichen, findet Plattner. Ist das wirklich so?
Wissenschaft: «Produktivität nicht gefährdet»
Alipour, der selbst ein grosser Homeoffice-Befürworter ist, sieht die Produktivität beim hybriden Arbeiten nicht gefährdet. «Die aktuelle Forschung belegt neutrale bis leicht positive Produktivitätseffekte», sagt er. Hinzu kommt: die Zufriedenheit der Angestellten steigt, wenn sie nicht lange Pendelzeiten auf sich nehmen müssen und die ersparte Lebenszeit stattdessen für den Alltag aufwenden können. «Wenn Mitarbeitende freier über ihr Tun bestimmen können, widmen sie ohnehin die Hälfte der eingesparten Zeit dem Job», analysiert er. Die Kündigungen reduzieren sich dann um ein Drittel. Oder steigen, wenn es eben zurück an den Firmenschreibtisch gehen soll.
«Arbeitgebermarkt» beeinflusst Situation
Den Versuch, die Zügel wieder stärker anzuziehen und die Mitarbeitenden ins Office zu holen, beobachtet Juliana Wolfsberger für den österreichischen Markt. «Die Konjunktur ist in den vergangenen Monaten schwächer geworden, das Wirtschaftsklima hat sich in den vergangenen Monaten verändert», sagt die New Work-Expertin beim Beratungsunternehmen Deloitte Österreich in Wien. Das heisst: Der Arbeitnehmermarkt, in dem Mitarbeitende umgarnt werden, hat sich wieder in einen Arbeitgebermarkt gewandelt, in dem Unternehmen ihre Vorstellungen diktieren. «Von Fachkräftemangel ist in vielen Branchen nicht mehr die Rede», beschreibt es Wolfsberger. Deloittes Flexible Working-Studie vom Herbst 2024 belegt: Während Arbeitnehmende seit Corona flexible Arbeitszeitmodelle erwarten, bieten immer weniger Unternehmen in Österreich die Möglichkeit dafür an. Beinahe jede zehnte Geschäftsführung spricht sich sogar für ein Ende von Heimarbeit aus. Auch die Vier-Tage-Woche und das Workation-Modell sind aktuell weit davon entfernt, fester Bestandteil der Arbeitswelt zu werden, schildert die Studie. Nach vier Jahren des Aufschwungs beim Thema flexibles Arbeiten ist nun Ernüchterung eingekehrt.
«Das Wirtschaftsklima hat sich in den vergangenen Monaten verändert.»
Dass Unternehmen nun zurückrudern und zurück ins Büro beordern, andernfalls sogar mit Kündigung drohen, ist für die New Work-Expertin allerdings keine Lösung – und auch längst nicht das Ende des Tauziehens um das Homeoffice. «Wenn die Firmen ihre Mitarbeitenden wieder an den Büroschreibtisch zwingen, gehen häufig diejenigen, die am besten ausgebildet sind», weiss New Work-Expertin Wolfsberger. Die Firmen schaden sich mit solchen Hauruckaktionen also letztlich selbst.
Suche nach optimaler Balance
Das Vor und Zurück beim hybriden Arbeiten läutet auch für Katharina Vogt nicht das Ende der Entwicklung ein. Vogt ist Mitglied der Geschäftsleitung & Leiterin New Work Academy bei Witzig, einem Anbieter für moderne Arbeitslösungen mit Sitz in Zürich. Die Schwankungen im Markt spiegeln für sie die Suche nach der optimalen Balance wider. «Jedes Unternehmen muss für sich herausfinden, welchen Weg es gehen möchte», sagt sie. Während das Homeoffice den idealen Ort darstellen könne, wenn Mitarbeitende in Ruhe ihrer Arbeit nachgehen möchten, sei das Büro Treffpunkt für soziale Interaktion. Diese Funktionen gilt es für Vogt klar zu erkennen – und zu nutzen. Und zwar gezielter als bisher.
Auch wenn es auf dem Markt digitale Lösungen gebe, die virtuelles Brainstorming immer besser unterstützten, bleibe für viele der Austausch vor Ort ein besonders wertvoller Faktor in Sachen Kommunikation und Innovation, schildert Vogt. Unternehmen sollten dafür ein inspirierendes Umfeld schaffen. Im Büro müsse schon etwas geboten sein, damit die Mitarbeitenden gerne kommen. Dazu zählten ansprechende Räumlichkeiten bis hin zu gemeinsamen Aktivitäten.
Für Führungskräfte wird es Vogt zufolge ausserdem wichtiger, über Ziele zu führen , anstatt blosse Präsenzzeiten einzufordern. Stichwort Vertrauenskultur: «Vorgesetzte sollten mit ihrem Team feste Erreichbarkeiten im Homeoffice vereinbaren und dabei auch auf individuelle Präferenzen eingehen», rät die New Work-Expertin. Für sie steht fest: «Das Homeoffice wird bleiben.» Mehr noch: Den Zahlen des Ifo Instituts zufolge wollen elf Prozent der befragten Unternehmer die existierenden Regelungen weiter flexibilisieren. Über technische Lösungen wird es künftig möglich, den Kolleg:innen in einem virtuellen Raum zu begegnen – ohne sich örtlich zu bewegen, schildert Alipour: «So könnte Arbeiten von zu Hause sogar noch stärker an Bedeutung gewinnen.»
INTERVIEW
«Kontrolle ist Vertrauensbruch»

Jochen Kalka, Geschäftsführer bei der Berliner PR-Agentur Schoesslers, schätzt die Vorzüge des mobilen Arbeitens. Wer seine Mitarbeiter:innen ständig kontrollieren wolle, so Kalka, habe offenbar ein eklatantes Vertrauensproblem.
m&k: Homeoffice oder Präsenz: Was gilt bei Schoesslers?
Jochen Kalka: Es gibt viele Chefs, die brauchen ihre Leute wie eine schützende Armee um sich herum. Physisch. Das hat oft auch mit Machtgefühl zu tun. Bei uns ist das anders: Wir vertrauen unserem Team, ganz gleich, von wo aus jede und jeder arbeitet. Es gibt aber auch Teams, die wohnen im gleichen Ort wie Berlin, Hamburg, Würzburg oder Köln und Düsseldorf, die wollen sich regelmässig sehen, auch bei der Arbeit. Und so regelt jedes Team mit den jeweiligen Teamleiter:innen selbst, ob es sich täglich sieht, wöchentlich oder auf Abruf sporadisch.
Was sind die Vorzüge, was die Nachteile?
Wir wollen, dass die Mitarbeiter:innen happy sind. Wenn sie glücklich sind, dann sind das unsere Kunden auch. Die Freiheit, die wir dem Team lassen, hat riesige Vorteile: Wir gewinnen die Besten aus dem ganzen Land für uns, Mitarbeiter:innen können auch mal vom Zuhause ihrer Eltern oder Freunde arbeiten, wenn diese Unterstützung oder Pflege brauchen, mit Workation ermöglichen wir dem Team auch mal ungewöhnliche Alltagssituationen im Ausland. Wie geil ist das denn? Übrigens kann auch jede:r von jedem unserer Standorte aus arbeiten, das wird oft und gerne genutzt.
Was ist, wenn jemand aber gerne ins Büro kommen will?
Manche Mitarbeiter:innen sind keine Homeoffice-Menschen. Manche brauchen Teams um sich herum und vereinsamen am heimischen Arbeitsplatz. Das ist zu respektieren und zu honorieren! Wer will, kann einen festen Arbeitsplatz haben.
«Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser» – was meinen Sie?
Wer seinen Mitarbeiter:innen nicht vertrauen kann, kann es gleich lassen. Wir sehen ja die Ergebnisse unseres Teams – und die sind einfach fantastisch. Kontrolle ist Vertrauensbruch.

