Radikales Umdenken

Kolumne Das tägliche Informationsmenü soll nicht den Röhrenblick der Spezialisten, sondern die offene und neugierige Sicht der Menschen prägen.

Kolumne Das tägliche Informationsmenü soll nicht den Röhrenblick der Spezialisten, sondern die offene und neugierige Sicht der Menschen prägen. Letztes Jahr waren es die Blogs, dieses Jahr ist Second Life der Modeartikel der Saison. Man trägt Einbildung (oder vornehmer: Imagination) und parkt seine Marke in der virtuellen Welt. Einmal mehr weiden wir uns selbstquälerisch an bedrückenden Zukunftsszenarien, die Druckmedien und insbesondere die Tageszeitungen betreffend. Die sind auch in den ungezählten Blogs der (häufig unterbeschäftigten) Medienjournalisten billig zu haben. Aufgefallen ist (auf der vielbeachteten Site www.netzausfall.de) eine Vision von Sven Wagenhöfer: «Alle Nachrichten werden nur noch in einer grossen Redaktion nach deren Gutdünken thematisch angeschnitten, den Rest erledigt der Computer. Aus Textbausteinen, verknüpften Informationen wie persönlichen Erfahrungen und Blogs aus aller Welt sowie Internetseiten werden die Nachrichten der Zukunft geschrieben. Webdienste verknüpfen sich immer weiter und schaffen Synergieeffekte. Algorithmen kreieren für jeden Benutzer individualisierte Nachrichten anhand seiner Persönlichkeits- und Nutzerprofile. Am Schluss steht der Information-Overdose, die Nachricht komplett aus der Retorte.»
Kurz und ketzerisch nachgedacht: Und wenn es denn so wäre – was wäre eigentlich so schlimm dabei? Sind wir denn auf ein Verbreitungsverfahren (den Druck) fixiert und somit, genau genommen, ein Teil der holzverarbeitenden Industrie? Oder ist unser Kerngeschäft nicht vielmehr das Sammeln, Ordnen, Veredeln und Formatieren von Inhalten auf bestimmte Kundenwünsche hin, unabhängig von den verwendeten Medien?
Hier bahnt sich in der Tat ein neuer Trend an, der freilich nicht nur einen weiteren grundlegenden Wandel des Marktes – etwa einen zusätzlichen Mobilitätsschub – voraussetzt, sondern auch ein radikales Umdenken der massgebenden Informationsanbieter (Verleger). Wenn sich diese eines Tages nicht mehr als exklusive Anbieter eines geschlossenen Informations-Menüs namens Zeitung verstehen, sondern als A-la-carte-Köche an einem Informationsbuffet, können Visionen wahr werden, die Vordenker wie der Schweizer Medienberater Heinz Ruesch an der Dreikönigstagung 2006 präsentiert haben.
Das könnte dann etwa so gehen: Der mobile Informationskonsument stellt sich sein tägliches Menü nach individuellen Bedürfnissen und Vorlieben zusammen: die Weltpolitik von der New York Times, die Lokalnachrichten von der Zürichsee-Zeitung, den Wirtschaftsteil von der NZZ, die Sportnachrichten vom Blick. Dazu abonniert er von entsprechenden Spezialanbietern die Jagd- oder Taucher-News aus aller Welt, weil er Jäger oder Sporttaucher ist, und klinkt sich vorübergehend in ein Berliner Hochschulportal ein, weil seine Tochter dort studiert. Für dieses individuelle Medien-Menü bezahlt der Nutzer einen individuellen, am Nutzen der Informationen orientierten Preis an eine Plattform, die wie ein Verkehrsverbund oder wie die Telekurs funktioniert und die Erlöse an die verschiedenen Informationsanbieter nach Massgabe ihrer Leistungsbeiträge verteilt.
Der selektive Suchmodus ersetzt das wahllose Scannen. Zweckgerichtetes Verhalten tritt an die Stelle des freien Schweifens. Nicht mehr die elementare Neu-gier treibt den Menschen, sondern das, was ihm durch sein Tagesprogramm gerade diktiert wird: der Flugplan, der Zugstakt zum Flughafen, die Telefonnummer aus www.telsearch.ch. Verloren geht in diesem Szenario das «Gesamtkunstwerk» Zeitung und dessen kulturgeschichtlicher Reiz des Unerwarteten und vermeintlich Unnötigen. Indem die Zeitung in ihrer heutigen Gestalt den Leser auch an Themen heranführt, die er eigentlich weder gesucht noch erwartet hat, öffnet sie ihm neue Horizonte und unerwartete, aber spannende kulturelle oder soziale Kontexte.
Nicht der Röhrenblick des Spezialisten bestimmt die Auswahl des täglichen Informationsmenüs, sondern das alte, vielleicht romantische Modell des neugierigen, frei laufenden Entdeckergeistes. Damit wird nicht einfach der Spezialist und der – z. B. als Investor, wetterabhängiger Sportler oder recherchierender Sachbearbeiter – auf unmittelbar nutzenstiftende Sachinformationen erpichte Konsument angesprochen, sondern der kulturell offene Geist, der vielseitig interessierte Staatsbürger, der gebildete und neugierige Mensch. Vielleicht ists wirklich eine abgelebte Utopie, möglicherweise ist es aber die grosse Zukunftschance des Kulturmodells Zeitung im 21. Jahrhundert und darüber hinaus.
 
Karl Lüönd ist freier Publizist und Buchautor. «Verleger sein – Öffentliches Nachdenken über Menschen und Märkte» (Huber, Frauenfeld), erscheint Ende April.

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