Die Animatoren der Debatte

Kolumne Das Schreckgespenst von den Medien ohne Journalisten geht um, auch in Frankreich. Nie war ihre Rolle im Wahlkampf so unbedeutend wie diesmal.

Kolumne Das Schreckgespenst von den Medien ohne Journalisten geht um, auch in Frankreich. Nie war ihre Rolle im Wahlkampf so unbedeutend wie diesmal.Die französischen Journalisten sind niedergeschlagen. Die wirtschaftliche Katastrophe der Zeitungen mündete in die Identitätskrise eines ganzen Berufsstandes. Im Fernsehen erleben die totgesagten politischen Sendungen ihre Auferstehung und feiern Rekord-Einschaltquoten – mit Politikern, die direkt von den Wählern befragt werden. Auch im Internet geht die Kampagne an den Journalisten vorbei. Dabei ist das Interesse an der Wahl gewaltig. Wenn die Nachrichtenmagazine Kandidaten aufs Cover bringen, steigen die Auflagen um ein Viertel. Le Figaro verkauft an manchen Tagen ein paar zehntausend Exemplare mehr als sonst. Dutzende von politischen Büchern sind erschienen und finden reissenden Absatz. Ihren Autoren wird jene Unabhängigkeit zugebilligt, welche die Journalisten wegen ihrer Nähe zur Macht und der Machtkonzentration im Medienbereich verspielt haben. Nie war ihre Bedeutung in einem Wahlkampf so gering wie jetzt.«Taisez-vous, Elkabach», hatte vor dreissig Jahren der Kommunistenführer Georges Marchais zum TV-Starmoderator gesagt: «Halten Sie den Mund.» Ganz so schlimm ist es heutzutage nicht, aber die selbstherrliche Arroganz der Kandidaten im Wahlkampf lässt für ihre Machtausübung nichts Gutes ahnen. Wenn ihm ein Einspieler nicht passt, sagt Nicolas Sarkozy, was er von der Reportage denkt. Die Präsentatorin fühlt sich wie eine gemassregelte Schülerin. Im Studio von France 3 bekam er einen Wutanfall, weil man ihn beim Schminken etwas warten liess und der TV-Direktor nicht persönlich gekommen war. Die Filmaufnahmen von seinen öffentlichen Auftritten lässt er in Eigenregie produzieren – und sie werden sogar vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen übernommen, dessen Kameraleute mit schlechteren Plätzen Vorlieb nehmen müssen. Auf seiner Webseite sind täglich neue Reportagen zu sehen, die aus nächster Nähe von seinen Taten berichten: Propaganda im Web-Zeitalter, aber gleichzeitig aufschlussreicher als viele TV-Sendungen der Abteilung Information.
Veranstaltungen mit Politikern waren in den vergangenen Jahren der Alptraum der Senderchefs – jetzt erreichen sie Spitzenquoten. Ein «Panel» von hundert Franzosen, welche einen Querschnitt der Gesellschaft darstellen sollen, wird ins Studio geladen – für die Auswahl sind die Meinungsforscher zuständig. Titel der Sendung: «Ich habe eine Frage an Sie.» Patrick Poivre d’Arvor, der Starmoderator von TF1, hat noch nie so belämmert in die Kameras geschaut. Der Mann, der am 14. Juli auf Augenhöhe den Staatspräsidenten interviewt, spielt eine Statistenrolle – und kommt auch selten genug ins Bild. Der Puck geht hin und zurück, aber stets am Moderator vorbei. Nur mühsam kommt er jeweils ins Spiel: «Ich glaube, Ginette hat dazu eine Frage.» Ginette fragt den Kandidaten, ob unter seiner Herrschaft ihre Brille von der Krankenkasse bezahlt werde. Für Ségolène Royal hielten die Demoskopen sogar einen Invaliden bereit. Sie ging zu ihm hin, streichelte ihn – und punktete. Dank dieser Sendung kam die Frau, die man bereits für besiegt hielt, wieder ins Rennen zurück.
Das anfangs Jahr erstmals erprobte neue Format ist so erfolgreich, dass sich Deutschland und Italien dafür interessieren. Die Spanier haben es gekauft – und bereits ihren Premierminister in Verlegenheit gebracht. Er nannte auf die Frage, was eine Tasse Kaffee koste, einen viel zu tiefen Preis. In Frankreich haben sich – in gemässigter Form – auch andere Wahlsendungen diesem Schema angepasst. «Die TV-Sender versöhnen das Publikum mit der Politik», konstatierte verblüfft der Figaro.
Im März hat sich die Vereinigung der frankophonen Journalisten an einer Tagung in Lille bitterlich über den Bedeutungsverlust ihrer Mitglieder beklagt. Den Internet-Portalen wurde ein «demagogischer Umgang mit der Information» unterstellt. Und der Sendung «Ich habe eine Frage an Sie» wurde vorgeworfen, die Journalisten um ihre Aufgabe zu bringen, sie zu «Animatoren der öffentlichen Debatte» zu degradieren.
Es wird auf diese Veränderungen und Herausforderungen ganz gewiss Antworten geben. Le Monde hat – nicht die besten – vorgegeben. Die Zeitung listete auf, welchen Quatsch die Kandidaten in der Sendung ohne Journalisten widerspruchslos verzapfen durften. Doch dafür hat sich am Tag danach kein Mensch mehr interessiert.
Jürg Altwegg ist Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen in Genf.

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