Dreister Griff nach der Deutungsmacht
Kolumne Müssen wir uns langsam von der Vorstellung verabschieden, die Medien würden ihre Inhalte selbst bestimmen?
Kolumne Müssen wir uns langsam von der Vorstellung verabschieden, die Medien würden ihre Inhalte selbst bestimmen?Das unwürdige Theater, das ausgerechnet die angeblich liberale Freisinnige Partei um die Fernsehsendung «Classe Politique» aufgeführt hat, deutet darauf hin. Parteipräsident Fulvio Pelli fand, die Erörterung der Wiederwahlchancen von Christoph Blocher sei derzeit unwichtig – und verweigerte die Teilnahme an der Sendung. Und die SVP soll unmittelbar vor der Übertragung versucht haben, die Inhalte zu diktieren, zu denen sie Stellung zu nehmen geruhen würde.
Chefredaktor Ueli Haldimann bestreitet auf Anfrage in wesentlichen Punkten die Darstellung in der SonntagsZeitung. Er hat sich längst auf einen heissen Herbst eingerichtet. Tatsache ist, dass die Parteien – genau wie manche Konzerne, Verbände und Institutionen – die mediale Vermittlung ihrer Tätigkeit zunehmend zu kontrollieren versuchen. Gefordert ist die Courage, den Kulissenschiebern von den Parteien (oder auch einem Bundesrat auf dem Schminkstuhl) glasklar zu erklären: entweder nach unseren Regeln oder gar nicht. Und wenn der Bundesrat aus dem Studio davonliefe – so what!
Wo, bitte, leben wir eigentlich? Nach eigenen Angaben liberale Spitzenpolitiker wollen einem Leitmedium wie dem Fernsehen vorschreiben, was es als aktuelles Thema zu behandeln habe und was nicht. Dahinter verbirgt sich der ziemlich unverschämte Anspruch, die Themen dann zu setzen, wenn sie einem in den Kram passen und den «richtigen», das heisst den politisch nützlichen Zeitpunkt selbst zu bestimmen. Hier erkennen wir die ständig wachsende Arroganz der Deutungsindustrie. Während die Redaktionen der gedruckten Medien ihre Budgets und damit ihre inhaltliche Kompetenz abbauen bis zu dem Punkt, da sie nur noch knapp das Tagesgeschäft bewältigen können, rüsten die Manipulationsapparate der Firmen, Parteien, Institutionen und Behörden auf. Das ist die zweite wirklich betrübliche Nachricht aus dem Medientheater in der Woche, die den Abschied von Facts gebracht hat.
So einsehbar die Gründe für die Einstellung des Nachrichtenmagazins sind: Es verstummt wieder eine Stimme der unabhängigen Publizistik, dieweil sich das von Interessengruppen inszenierte und kontrollierte Medientheater aufplustert. Längst sind es nicht mehr die unabhängigen Journalisten, die Regie führen. Die Beschriebenen wollen die Regeln der Beschreibung selbst festlegen. Sie bestehen darauf, gleich auch noch die Hauptrolle zu spielen, und den passenden Text soufflieren wollen sie auch noch. Damit die bedrängte Presse möglichst handzahm wird, entzieht man ihr gleichzeitig die Postförderung. Damit schwächt man nicht die Grossverlage, die man treffen wollte, sondern die kleinen.
Wie erwartet hat das Bundesamt für Kommunikation, kaum ist das Gebührensplitting beschlossen, dubiose «Leistungsaufträge» und «Qualitätsansprüche» in die Welt gesetzt. Mit welchen Rechtsgrundlagen eigentlich? Niemand fragt, niemand spricht davon. Es war ausgerechnet das todgeweihte Facts», das diesen veritabeln Skandal enthüllt hat. Im Klartext ist es doch so: Über den langen Arm des Bakom macht sich der leicht zu beleidigende Bundesrat Leuenberger anheischig, zu bestimmen, wie Fernsehnachrichten dargeboten werden und welche Inhalte in Zukunft verboten bzw. verpönt sein sollen. Von einer «Musterkonzession» ist die Rede, in der Ungeheuerlichkeiten stehen wie diese: «Das Departement kann in der Konzession die Ausstrahlung bestimmter Sendungen untersagen, welche der Erfüllung des Leistungsauftrages zuwiderlaufen.» Gemeint seien damit Warnungen vor Radarfallen oder gewisse Gewinnspiele, wiegelt die Bakom-Sprecherin ab. Dass dies aber nur der Anfang ist, bestätigt sie ein paar Zeilen weiter. Originalton Facts: «Die Musterkonzession fordert von den privaten Radio- und TV-Stationen zudem Mindestlöhne sowie Aus- und Weiterbildungskurse für Mitarbeiter. Ihren Betrieb sollen sie jährlich von einer externen Organisation (von welcher wohl?) evaluieren lassen.» Natürlich ist Weiterbildung sinnvoll; bei Mindestlöhnen bin ich schon nicht mehr so sicher. Tatsache ist doch, dass die Politik den Medienunternehmern bisher erfolglose gewerkschaftliche Forderungen via Gebührensplitting aufs Auge drückt. Das haben die politischen Amöben in den Medienhäusern jetzt davon: Bereitwillig die Hand nach Konzessionsgeld ausstrecken und die Augen davor verschliessen, dass der Staat, der Geld gibt oder umverteilt, immer auch Ansprüche stellt. Die Leuenbergers und Dumermuths mögen es «Leistungsauftrag» nennen oder «Evaluation». Ich nenne es einen dreisten Versuch zur inhaltlichen Kontrolle und zur unternehmerischen Gängelung. Dass die Grosszahl der gedruckten Medien nicht einmal mehr merkt, was da gespielt wird, macht die Sache nur tragischer. Es wird noch so weit kommen, dass die letzten Hoffnungen auf eine reflektierte und journalistisch integre Hintergrundberichterstattung auf den staatlich gehätschelten SRG-Medien ruhen!
Karl Lüönd ist freier Publizist und Buchautor.
Chefredaktor Ueli Haldimann bestreitet auf Anfrage in wesentlichen Punkten die Darstellung in der SonntagsZeitung. Er hat sich längst auf einen heissen Herbst eingerichtet. Tatsache ist, dass die Parteien – genau wie manche Konzerne, Verbände und Institutionen – die mediale Vermittlung ihrer Tätigkeit zunehmend zu kontrollieren versuchen. Gefordert ist die Courage, den Kulissenschiebern von den Parteien (oder auch einem Bundesrat auf dem Schminkstuhl) glasklar zu erklären: entweder nach unseren Regeln oder gar nicht. Und wenn der Bundesrat aus dem Studio davonliefe – so what!
Wo, bitte, leben wir eigentlich? Nach eigenen Angaben liberale Spitzenpolitiker wollen einem Leitmedium wie dem Fernsehen vorschreiben, was es als aktuelles Thema zu behandeln habe und was nicht. Dahinter verbirgt sich der ziemlich unverschämte Anspruch, die Themen dann zu setzen, wenn sie einem in den Kram passen und den «richtigen», das heisst den politisch nützlichen Zeitpunkt selbst zu bestimmen. Hier erkennen wir die ständig wachsende Arroganz der Deutungsindustrie. Während die Redaktionen der gedruckten Medien ihre Budgets und damit ihre inhaltliche Kompetenz abbauen bis zu dem Punkt, da sie nur noch knapp das Tagesgeschäft bewältigen können, rüsten die Manipulationsapparate der Firmen, Parteien, Institutionen und Behörden auf. Das ist die zweite wirklich betrübliche Nachricht aus dem Medientheater in der Woche, die den Abschied von Facts gebracht hat.
So einsehbar die Gründe für die Einstellung des Nachrichtenmagazins sind: Es verstummt wieder eine Stimme der unabhängigen Publizistik, dieweil sich das von Interessengruppen inszenierte und kontrollierte Medientheater aufplustert. Längst sind es nicht mehr die unabhängigen Journalisten, die Regie führen. Die Beschriebenen wollen die Regeln der Beschreibung selbst festlegen. Sie bestehen darauf, gleich auch noch die Hauptrolle zu spielen, und den passenden Text soufflieren wollen sie auch noch. Damit die bedrängte Presse möglichst handzahm wird, entzieht man ihr gleichzeitig die Postförderung. Damit schwächt man nicht die Grossverlage, die man treffen wollte, sondern die kleinen.
Wie erwartet hat das Bundesamt für Kommunikation, kaum ist das Gebührensplitting beschlossen, dubiose «Leistungsaufträge» und «Qualitätsansprüche» in die Welt gesetzt. Mit welchen Rechtsgrundlagen eigentlich? Niemand fragt, niemand spricht davon. Es war ausgerechnet das todgeweihte Facts», das diesen veritabeln Skandal enthüllt hat. Im Klartext ist es doch so: Über den langen Arm des Bakom macht sich der leicht zu beleidigende Bundesrat Leuenberger anheischig, zu bestimmen, wie Fernsehnachrichten dargeboten werden und welche Inhalte in Zukunft verboten bzw. verpönt sein sollen. Von einer «Musterkonzession» ist die Rede, in der Ungeheuerlichkeiten stehen wie diese: «Das Departement kann in der Konzession die Ausstrahlung bestimmter Sendungen untersagen, welche der Erfüllung des Leistungsauftrages zuwiderlaufen.» Gemeint seien damit Warnungen vor Radarfallen oder gewisse Gewinnspiele, wiegelt die Bakom-Sprecherin ab. Dass dies aber nur der Anfang ist, bestätigt sie ein paar Zeilen weiter. Originalton Facts: «Die Musterkonzession fordert von den privaten Radio- und TV-Stationen zudem Mindestlöhne sowie Aus- und Weiterbildungskurse für Mitarbeiter. Ihren Betrieb sollen sie jährlich von einer externen Organisation (von welcher wohl?) evaluieren lassen.» Natürlich ist Weiterbildung sinnvoll; bei Mindestlöhnen bin ich schon nicht mehr so sicher. Tatsache ist doch, dass die Politik den Medienunternehmern bisher erfolglose gewerkschaftliche Forderungen via Gebührensplitting aufs Auge drückt. Das haben die politischen Amöben in den Medienhäusern jetzt davon: Bereitwillig die Hand nach Konzessionsgeld ausstrecken und die Augen davor verschliessen, dass der Staat, der Geld gibt oder umverteilt, immer auch Ansprüche stellt. Die Leuenbergers und Dumermuths mögen es «Leistungsauftrag» nennen oder «Evaluation». Ich nenne es einen dreisten Versuch zur inhaltlichen Kontrolle und zur unternehmerischen Gängelung. Dass die Grosszahl der gedruckten Medien nicht einmal mehr merkt, was da gespielt wird, macht die Sache nur tragischer. Es wird noch so weit kommen, dass die letzten Hoffnungen auf eine reflektierte und journalistisch integre Hintergrundberichterstattung auf den staatlich gehätschelten SRG-Medien ruhen!
Karl Lüönd ist freier Publizist und Buchautor.
