Die Amateure gehen leer aus
Privat-TV Die kleinen Amateursender sorgten für Farbtupfer in der lokalen TV-Landschaft. Jetzt sind sie die grossen Verlierer des neuen Gebührensplittings.
Privat-TV Die kleinen Amateursender sorgten für Farbtupfer in der lokalen TV-Landschaft. Jetzt sind sie die grossen Verlierer des neuen Gebührensplittings.
Von ambitionierten Polit-Talkshows mit Lokalmatadoren über Sportberichterstattung aus den unteren Ligen bis hin zur bizarren Publireportage über die Modeschau in der Dorfboutique: Die kleinsten unter den lokalen Fernsehstationen bringen hemdsärmlige Abwechslung in die durchgestylte Landschaft der privaten TV-Sender. Das neue Radio- und Fernsehgesetz bedroht nun allerdings diese Nischen. Es sieht Anteile aus dem Gebührensplitting nur noch für 13 grosse Lokalsender vor, denen ein fixes Sendegebiet zugeteilt wird.
«Weniger konzessionierte Programme, dafür grössere Versorgungsgebiete für professionellere TV-Stationen», umschreibt Alfred Hostettler vom Bundesamt für Kommunikation (Bakom) den Grundsatz, nach dem gegenwärtig 13 Konzessionen ausgeschrieben werden. Dieser «Systemwechsel» bevorzugt die grossen unter den lokalen Privatsendern. Entsprechend ist das heiss umstrittene Sendegebiet Zürich-Nordostschweiz, in dem sich TeleZüri, Tele Top, das Schaffhauer Fernsehen und weitere Interessenten tummeln, zum Dauerthema geworden.
Zu wenig professionellDas Nachsehen haben die Mini-sender in ländlichen Gegenden. Sie profitierten nämlich bereits seit 1995 vom Gebührensplitting, wenn auch in bescheidener Form. In den letzten Jahren standen jeweils zwischen 5 und 6,5 Mio. Franken zur Verfügung, die unter mehr als 20 Kleinstsendern verteilt wurden. Der Löwenanteil floss in die West- und die Südschweiz, wo einige der bisherigen Empfänger wie Tele Ticino, Tele Bielingue und Tele Südostschweiz auch unter dem neuen Gebührenregime weiterhin Geld erhalten werden. In der Deutschschweiz werden dagegen einige Kleinsender leer ausgehen. Obwohl sie Pionierarbeit geleistet haben, sind sie nicht gross genug und zu wenig professionell abgestützt, um sich für eines der neuen Konzessionsgebiete zu bewerben.
Keine tagesaktuellen NewsEiner dieser Sender ist Tele D, der vor über 20 Jahren als Lokalfernsehen Diessenhofen auf Sendung ging und mittlerweile in weiten Teilen der Kantone Thurgau und Schaffhausen empfangen werden kann. Er wird von einer prominent besetzten Stiftung getragen und von vielen thurgauischen Gemeinden finanziell unterstützt. Rund 40 Personen produzieren ehrenamtlich und unentgeltlich mehrere Sendestunden pro Woche. Tagesaktuelle Nachrichten und Werbung gibt es bei Tele D nicht.
Rund 50000 Franken erhielt Tele D in den letzten Jahren aus dem Gebührensplitting. Ab 2008 fallen diese Einnahmen weg. «Wir müssen uns zur Decke strecken», sagt Peter Schuppli, Stiftungsratspräsident und Geschäftsleiter von Tele D. Das Finanzloch soll nun mit einem «Club der Freunde von Tele D» gestopft werden. Schuppli rechnet damit, dass lokale Firmen und die Bevölkerung den Sender weiter tragen werden. Denn obwohl Einschaltquoten nicht gemessen werden, weiss er um die Beachtung seines Senders. «Das Echo auf manche Sendungen ist riesig», sagt er.
Aufgeben kommt nicht in FrageAuch andernorts ist man sich in der Amateurliga des Fernsehmachens gewohnt, kreative Lösungen zu finden, um die knappen Budgets zu finanzieren. Das Arolfinger Lokalfernsehen ALF, das im westlichen Aargau und im Kanton Solothurn sendet, erhielt rund 30’000 Franken Zustupf aus der Gebührenkasse, die ab 2008 wegfallen.
Auch Loly, dem Lokalfernsehen in Lyss, fehlen ab 2008 knapp 40’000 Franken aus dem Gebührensplitting. Rund 30 Personen, von denen die meisten ehrenamtlich tätig sind, produzieren seit zwölf Jahren eine Sendestunde pro Woche für ein Einzugsgebiet, das gerade mal 30’000 Einwohner zählt. Man habe die bezahlte Chefredaktorenstelle aufgegeben und sich mit einem neuen Redaktionskonzept so organisiert, dass man auch weiterhin schwarze Zahlen schreiben könne, erklärt die Kopräsidentin des Trägervereins, Marianne Batos.
Die Kleinsender werden alle auch ohne Gebührensplitting weitermachen. Denn das neue Radio- und Fersehgesetz bietet ihnen immerhin einen Vorteil: Wer auf Gebührenanteile verzichtet, darf senden, wo und wie er will. Statt eine Konzession zu beantragen, muss man sich beim Bakom nur noch anmelden. Gut möglich, dass über kurz oder lang weitere Hobbysender aus dem Fernsehboden spriessen werden.
Hinter vorgehaltener Hand hört man da und dort auch Kritik: Ob der lokale Service public, der dem Bakom vorschwebt, von den künftigen konzessionierten Sendern mit Gebührensplitting wirklich erbracht werden könne, zweifeln einige der lokalen Fernsehmacher auf Grund ihrer Erfahrungen an. Die Sendegebiete seien so gross, dass die vorgesehenen Gebührenbeiträge zwischen 1,4 und 3,2 Mio. Franken pro Sender zu knapp bemessen erscheinen.
Adrian Scherrer
Begehrtes Versorgungsgebiet Für das Versorgungsgebiet Zürich-Nordwestschweiz,
das die Kantone Zürich, Schaffhausen und Thurgau mit total 1,6 Millionen Einwohnern umfasst, bewerben sich mehrere Interessenten: Tele Top, das heute Winterthur und Frauenfeld sowie Schaffhausen und St. Gallen abdeckt sowie der Tamedia-Sender TeleZüri. Jüngst wurde bekannt,
dass der Rapperswiler Stadtpräsident und ein St. Galler Kantonsrat dafür kämpfen, dass TeleZüri auch weiterhin im Linthgebiet, das sich stärker nach Zürich orientiere, empfangbar bleibt. Die Neuverteilung der Konzessionsgebiete, diesen Sommer vom Bund angeordnet, sieht dies für Glarus, Schwyz und die Linthregion nicht mehr vor. Die Neuverteilung
hat auch für weitere Konzessionsbewerber Folgen. So verabschiedete sich Tele Südostschweiz aus einer gemeinsamen Interessengruppe bestehend aus dem Glatttaler Lokalsender Züri Plus, dem Schaffhauser Fernsehen, Ringier sowie IP Multimedia. Man werde nicht mehr in diese Konzession gehen, erklärt Südostschweiz-Verleger Hanspeter Lebrument. Sein Sender konzentriere sich auf das Gebiet Südostschweiz und Glarus. «Damit haben wir alle Hände voll zu tun», meint Lebrument. (rw)
