Schawi, bleib bei deinen Quoten
Kolumne Ein Geburtstagsgruss an den Radiopionier mit der Bitte, er möge sich künftig doch besser auf die Kernkompetenzen beschränken. Von Oliver Classen.
Kolumne Ein Geburtstagsgruss an den Radiopionier mit der Bitte, er möge sich künftig doch besser auf die Kernkompetenzen beschränken. Von Oliver Classen.
Nach deutschen Telenovelas und Moritz Leuenbergers Psyche analysiert Tausendsassa «Roschee» nun auch die Schweizer Medienkritik – und verwechselt dabei einmal mehr (Selbst-)Marketing mit Journalismus.Schuster, bleib’ bei deinen Leisten: Roger Schawinski hält sich für eine Vox Populi und ist bekennender Berlin-Fan. (Diese Warnung des deutschen Volksmunds ignoriert er aber seit jeher geflissentlich.) In seinem Hausorgan Persönlich hat sich Mister Forever Young, der diese Woche immerhin seinen 63. Geburtstag feiert und seit einigen Monaten Radio für Erwachsene zu machen vorgibt, dieser Tage zu einer Bestandesaufnahme des Schweizer Medienjournalismus verstiegen. Herausgekommen ist eine mit Anekdötchen und persönlichen Abrechnungen gespickte Grabrede auf dem Reflexionsniveau jener Gratispresse, die er für so «gesichtslos und uninspiriert» hält, dass sie nicht zum Gegenstand von Medienkritik taugt. Womit wir auch schon beim ersten Grundmissverständnis sind: Medienjournalisten besprechen wohl gelegentlich Medieninhalte, betätigen sich also auch als Medienkritiker. Ungleich wichtiger ist jedoch ein Medienjournalismus, der sich als Metaressort im Sinne einer internen Schnittstelle von Politik, Wirtschaft und Kultur begreift und seine Aufgabe darin sieht, (als quasi fünfte) der vierten Gewalt in unserer Demokratie auf die Finger zu sehen und zu klopfen.
Hier zu Lande wird diese anspruchsvolle Form und Funktion derzeit nur von der NZZ gepflegt. Dafür wurde dem zuständigen Redaktor Rainer Stadler kürzlich zu Recht der Zürcher Journalistenpreis zugesprochen. Schawinski deutet diese Geste als «Schwanengesang auf eine früher florierende Gattung». Zum Beweis führt er an, dass im Nordkanton mehrere Qualitätsblätter tägliche Medienseiten führen – wohl wissend, dass der deutsche Markt mehr als zwanzigmal grösser ist, auch was seriösen Medienjournalismus betrifft. Wohlgemerkt: Dieser hinkende Vergleich entbindet Tagi & Co. nicht von ihrer publizistischen Pflicht, von punktuellen, People orientierten Medienstories (gerne z. B. über Schawi) wieder zurück zu einem kontinuierlichen und kompetenten Medien-Monitoring zu finden. Denn Konkurrenz belebt in diesem Fall nicht nur das selbstreflexive Geschäft, sondern bringt wechselseitige Kontrolle und mittelfristig auch höhere Branchenstandards.
Zum Schluss seines Elaborats verteilt der Marathonmeinungsmann dann noch die üblichen Rosen und Kakteen. Sein Bashing der hervorragenden Medienseite der Süddeutschen Zeitung basiert dabei auf ebenso privaten Motiven («ein bösartiger Artikel des Ressortchefs») wie das Lob von Kurt W. Zimmermann als «Schweizer Bannerträger der Zunft». Keine Frage, bis zu seinem Seitenwechsel war Zimmermann ein ernstzunehmender Journalist mit dem hier zu Lande seltenen Killerinstinkt für gute Geschichten. Auch die Kolumne des jetzigen Beraters in der Weltwoche – für die Schawinski bekanntlich selber Interviews führt – sind häufig genüssliche Tramlektüre, von relevantem Medienjournalismus aber etwa gleich weit entfernt wie Roger Köppel von professioneller Objektivität.
Kurzum: Der beste, weil glaubwürdigste Medienjournalismus kommt nach wie vor von einfachen Journalisten – und nicht von Medienunternehmern und/oder deren Einflüsterern. Denn die Grenze zwischen Marketing und Journalismus ist nirgends so heikel und heilig wie in dieser heimlichen Königsdisziplin.
Schade bloss, dass Journalismus heute kein Beruf mehr ist, in dem man würdevoll älter werden kann. Wohl auch deshalb hat Schawinski (wie Zimmermann) beizeiten ins Unternehmerfach gewechselt, das er blendend beherrscht. Dort soll er aber bitte schön auch bleiben und es bei seinen Sonntagsausflügen ins alte Metier belassen. Denn zugegeben: Wenn am Tage des Herrn auf Radio 1 der Chef persönlich diesen oder jenen Politiker zerpflückt, dann schalte auch ich nicht ab.
Oliver Classen war Medienredaktor, bevor er als Pressesprecher zur entwicklungspolitischen Organisation Erklärung von Bern wechselte.
