«Schlägt Ihr Herz für die Schadenwelt?»
Karl Lüönd über die Unglaublichkeit, mit welcher Unverschämtheit selbst bedeutendste Firmen bei der Ausschreibung von Stellen ihre gedankliche Unschärfe, ihr Verschleierungsbedürfnis und ihre innere Verlogenheit an die Öffentlichkeit tragen.
Stichproben aus «Alpha» vom 23. August 2008 und adäquate Versuche, die Codes ins Deutsche zu übersetzen:
- Senior Projekt Manager Pharma: «Vorausschauend und pragmatisch interagieren Sie an den Schnittstellen.» (= «Im täglichen Chaos wursteln Sie, wie es gerade kommt oder wie es Ihr Chef am liebsten hat.»)
- IT-Schnittstellenmanager/in Wertschriften und Handel: «Sie sind das Bindeglied zwischen dem Produkt- bzw. Prozessverantwortlichen des Fachbereichs und unserer internen ICT-Organisation. Sie sind für das Incident-/Problemmanagement verantwortlich.» (= «Wir brauchen jemand, dem wir die Schuld geben können, wenn etwas schiefgegangen ist.»)
- Asset Manager Real Estate m/w: «Sie erkennen ganzheitlich Chancen und Risiken und schlagen die nötigen Massnahmen zur nachhaltigen Optimierung von Rendite und Performance vor.» (= «Sie sind ein widerlicher Erbsenzähler und treiben die Mieten hoch, wo Sie nur können, damit unsere Aktionäre noch reicher werden.»)
Doch auch wenn es um Kaderstellen in der öffentlichen Verwaltung geht, wird wacker geschwurbelt:
- Leiterin oder Leiter kantonales Amt für Kultur: «Zusammen mit den Fachverantwortlichen entwickeln Sie Konzepte und Perspektiven für die kantonale Kulturpolitik, setzen entsprechende Projekte konsequent und pragmatisch um und sind verantwortlich für die reibungslose und transparente Koordination der vielfältigen Aspekte der einzelnen kulturellen Institutionen des Amtes.» (= «Sie sind der Dompteur in einem Raubtierkäfig und sollten die ganze gierige Bande von Museumsdirektoren, Dirigenten, Kunstpreisträgern und anderen Subventionsempfängern so in Schach halten, damit es möglichst wenige politische Lämpen gibt.»)
Oft ist aber auch wichtig, was nicht gesagt wird:
- Generalsekretär/in 80 %–100 % der kantonalen Justizverwaltung: «Freuen Sie sich auf eine vielfältige und interessante Aufgabe mit viel Entwicklungsspielraum. Sie können das justizpolitische Geschehen im Kanton Bern aus nächster Nähe verfolgen.»
(= «… aber zu sagen haben Sie nichts dazu. Es gibt einfach einen Haufen Arbeit, aber wir wissen auch noch nicht, wie die im Einzelnen aussieht; schliesslich ist es ja ein neuer Job.»)
High-End-Schwurbel herrscht auch bei den Claims, die den jeweiligen Suchbotschaften vorangeschickt werden:
- «Ihr Fokus – unser Ziel» (= «Wir wissen auch nicht genau, was wir sagen wollen, aber Fokus ist immer gut.»)
- «Navigator gesucht» (= «… denn wir sind ständig auf dem Blindflug.»)
- «Zuverlässigkeit und Sorgfalt haben Zukunft.»
(= «… das Gegenteil hatten wir gerade.» Eine Liechtensteiner Bank sucht «Fachspezialist/in Corporate Actions/Income», was immer das sein mag.)
Und permanenter Stossverkehr herrscht auf den sprachlichen Gemeinplätzen:
- «Sie wollen sich entwickeln?»
- «Gestalten Sie die Zukunft mit uns!»
- «Möglichkeiten erweitern!»
- «In Zukunft – Sie!»
- «Für neue Perspektiven» (mindestens fünfmal)
- «Shaping things to come»
Da finde ich es richtig erfrischend, wenn es einer (bei genauer Nachschau ist es eine …) mit der emotionalen Tour versucht:
- «Schlägt Ihr Herz für die Schadenwelt?»
Jeder Hund hat bekanntlich einen Namen. Aber wie die Jobs heute heissen …! «Key Account Manager» werden dutzendweise gesucht. Aber was bedeutet:
- Middle Marketing Targeting Advisor
- Senior Rollout Manager
- Manager/in Consumer Insights
- Leiter/in Workplace Consulting
Da lob ich mir das bescheidene Inserat ganz hinten auf Seite 88 unten rechts.
- «Kinderkrippe Bergdietikon sucht Kleinkinder-Erzieherin (60–100%) ab 1. September/1. Oktober 2008. (…) Ausgesprochen schöne Krippe, gute Entfaltungsmöglichkeiten, nette Eltern, guter Verdienst.» Alles klar, alles gesagt – und erst noch platzsparend und in sympathischem Ton.
Und all den anderen Formulierungskünstlern, den Schwurbel-Virtuosen und Schönschwätzern unter den Inseratentextern sei wieder einmal der gute alte Ludwig Wittgenstein in die Festplatte gebrannt: «Worüber man nicht reden kann, darüber soll man schweigen.»
