Fachchinesisch: Was bedeutet eigentlich «shadowen»?
Benno Maggi erklärt in seiner Kolumne «Fachchinesisch» Begriffe aus dem Marketing- und Kommunikationsbereich. Dieses Mal erklärt er den Begriff «shadowen» und dessen Bedeutung im realen wie auch im virtuellen Kontext.

Alle kennen das Gefühl, verfolgt zu werden. Wir Menschen haben einen Sinn dafür; wir merken, wenn wir beobachtet werden. Auf der Autobahn, im Zug, in der Bar oder im Büro: Sobald uns dieses Gefühl überkommt, blicken wir auf – und meistens bestätigt sich der Verdacht. Neuerdings immer stärker auch im digitalen Leben. Wir werden beobachtet, ohne dass wir dies wünschen. Oder in der Fachsprache eben: Wir shadowen und werden geshadowt.
Big brother is watching you
Um zu merken, ob man geshadowt wird, braucht es weder im richtigen noch im virtuellen Leben übersinnliche Fähigkeiten. Ein gutes Auge und ein gesunder Verstand reichen vollkommen. Unsere Augen decken ein Sichtfeld von bis zu 270 Grad ab. Wenn uns in diesem Feld jemand beobachtet, dann reagieren die Zellen in unserem Temporallappen sofort und wir blicken der Person direkt in die Augen: «Waswotsch?»
In der digitalen Welt ist das etwas komplizierter. Wer sich ärgert, dass seine Suchbegriffe, seine Vorlieben und sein Verhalten online dazu führen, dass die Suchergebnisse, Posts oder Ads immer präziser auf seine Bedürfnisse hin zugeschnitten sind, der sollte sich nicht wundern, sondern vielleicht mal die AGBs oder Cookie-Warnungen lesen. Wer sich über die individualisierte Echokammer freut, der wird zwar belohnt mit allerlei Incentives, Schnäppchen und Spezialangeboten, aber auch gefangen in einem Endlos-Loop zwischen Angebot und Nachfrage. Denn genau das ist ja Ziel der digitalen Werbung und möglich, weil wir wie Elefanten durch die digitale Landschaft trampeln und riesige Spuren hinterlassen. Neuerdings auch auf kommunen Websites und beim Recruiting. «Die shadowen mich schon seit einiger Zeit» ist im Moment noch eine Aussage, die zeigt, wie begehrt jemand auf dem Arbeitsmarkt ist. Hoffen wir einfach, dass das dieses Gefühl nicht irgendwann in Verfolgungswahn kippt.
* Benno Maggi ist Mitgründer und CEO von Partner & Partner. Er lauscht seit über 30 Jahren in der Branche und entdeckt dabei für uns Worte und Begriffe, die entweder zum Smalltalken, Wichtigtun, Aufregen, Scrabble spielen oder einfach so verwendet werden können.
