In Güllen und auch anderswo

Medienschaffende behaupten gern und laut, dass sie die Leser umfassend informieren wollen. Aber alles hat seine Grenzen, vor allem wenn ein Millionär vergisst, seinen Wohnortswechsel zu melden. Gastkommentar von Hans Stutz, freier Journalist.

Nur die NZZ und der Willsauer Bote erwähnten unlängst die Studie über die «Politische Kommunikationskultur in der Schweiz», veröffentlicht vom Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung an der Universität Zürich. Die Studie beruht ja auch nur auf einer Umfrage und untersucht folglich nicht die Realität, sondern nur die Vorstellungen, die die Akteure im Bundeshaus voneinander haben. Immerhin flattiert die Studie den Befragten und nennt sie «Elite», die «Entscheidungsträger/innen» (PolitikerInnen der Bundesversammlung und der Regierung), deren Mediensprecher/innen einerseits, andererseits die Chefredaktorinnen und -redaktoren, Redaktorinnen und Journalisten, insbesondere die im Bundeshaus akkreditierten. Sie alle erhielten vor einiger Zeit wieder einmal einen Fragebogen, nur rund ein Drittel schickte ihn dann auch zurück. Ein erstes Ergebnis dieser Fleissarbeit: Die Antwortenden geben mehrheitlich zu, dass sie von Meinungsumfragen nicht viel halten. Soll man sie also dafür loben, dass sie den Fragebogen trotzdem zurückgeschickt haben?
Oder soll man ihnen auf die Schulter klopfen, dass sie auf die klischierten Vorgaben der Sozialwissenschaftler überhaupt eine Antwort («trifft überhaupt nicht zu» bis «trifft voll und ganz zu») suchten, beispielsweise zur Behauptung «Die Macht der Medien wird überschätzt»? Müsste man sich nicht zuerst darauf einigen, wie gross diese Macht denn überhaupt ist? Und ist es überhaupt Macht? Oder doch nur Einfluss?
Wie auch immer, die Studie kommt zum wenig überraschenden Ergebnis: Politikerinnen und Politiker schätzen den Einfluss der Medien grösser ein als die Medienschaffenden selber. Ein in der Schweiz gerne angewandte Verhaltensweise: Sich selbst kleiner/unbedeutender zu machen. Nicht weiter überrascht auch die Einschätzung der «Medieneliten», dass die Medien die Bürgerinnen und Bürger in erster Linie umfassend informieren wollen. Oder verständlicher ausgedrückt: Die Medienschaffenden bescheinigen sich selber hehre Berufsideale. Aber wie sieht die Wirklichkeit aus?
Nehmen wir eine Stichprobe aus dem aktuellen Tagesgeschehen: Ein Mann zieht mit seiner Familie in eine andere Gemeinde, unterlässt es aber, den Wohnortswechsel zu melden. Die zuständige Gemeindeschreiberin macht ihn viele Monate später in einem Brief auf die Unterlassung aufmerksam.
Nicht nur vor dem Gesetz sollen ja alle gleich sein, sondern auch vor den Behörden.
Medien greifen den Fall jedoch auf, denn dieser Mann ist Erbe, Mitbesitzer und Direktor einer Chemiefabrik, Grossaktionär bei einem Eishockeyverein, Golfplatzbesitzer und ehemaliger Gemeindepräsident.
Loben die Journalisten nun die wackere Schreiberin, dass sie unbestechlich geblieben sei? «Gemeindepräsidentin wirft Millionär aus Dorf und verzichtet auf viel Steuergeld», titelt das Boulevardblatt. «Steueroase will Millionär in die Wüste schicken», meint eine Gratiszeitung, schreibt dann allerdings im Kleingedruckten, der Mann lebe mit seiner Familie nun in einem Stadtberner Villenquartier. Und eine Online-Redaktion knallt den schönen Titel ins Netz: «Bauernnest vertreibt Millio¬när.» Immerhin anerkennt die Solothurner Zeitung nach einigen Tagen, die Gemeindeschreiberin habe «zwar ungewöhnlich und unzimperlich, rechtlich aber absolut korrekt» gehandelt.
Von dieser real existierenden politischen Kommunikationskultur berichtet die Studie nichts. Zum Glück haben wir ja noch Friedrich Dürrenmatt selig. Güllen, Besuch der alten Dame Claire Zachanassian. Eben beschliessen die Güllener die Annahme ihrer Milliarden-Stiftung und verurteilen damit Alfred Ill, den ehemaligen Liebhaber der alten Dame, zum Tode, da hebt der Radio¬reporter an: «Andächtige Stille im Theatersaal. Nichts als einziges Meer von erhobenen Händen, wie eine gewaltige Verschwörung für eine bessere, gerechtere Welt. Nur der alte Mann sitzt regungslos, vor Freude überwältigt.» Alfred Ill liegt bald im Sarg. So hat alles seine Ordnung, die dörfliche Elite ist mit sich im Reinen und die Medienleute erhalten einen Imbiss im Säli.

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