Digitale Transformation: «Schweizer – raus aus der Komfortzone!»
X.DAYS Am 16. und 17. März 2016 trafen sich 450 Führungskräfte in Interlaken zu den X.Days, die seit jüngerer Zeit in der Verantwortung der NZZ liegen. Die zwanzig eingeladenen Speaker konnten die mit der Ausschreibung geweckten Erwartungen erfüllen.

Jungunternehmerin Julia Bösch von Outfittery überzeugte mit Ihrem Geschäftskonzept.VON CHRISTOPH OGGENFUSS*Die X.Days im Hotel Victoria Jungfrau in Interlaken entwickeln sich zunehmend zu einer Event-Institution, die in den Kalender von aufgeschlossenen Kaderleuten gehört. Das Generalthema Strategy & Digital-Transformation ist natürlich derzeit ein heisses Thema, aber es wäre eine vorschnelle Annahme den Erfolg dieser Konferenz lediglich dem aktuellen Hype zuzuschreiben. Vielmehr fällt auf, dass die Auswahl von Themen und Referenten sehr sorgfältig erfolgt und sich damit auch KMU gut abgeholt fühlen, was bei anderen Top- Konferenzen häufig zu kurz kommt.Digitale Transformation von KMUsSo war zum Beispiel am ersten Konferenztag der Auftritt von Walter Oberhänsli, CEO der Zur Rose Group, absolut erfrischend. Unternehmerisch und innovativ hat er dargestellt, wie er in einer regulierten Branche die erste Online-Apotheke der Schweiz erfolgreich aufgebaut hat und welche «regulatorischen Steine» er dabei aus dem Weg räumen musste. Solche Beiträge machen KMU’s definitiv Mut den bevorstehenden Weg der digitalen Transformation anzupacken. Auch der Auftritt von Jungunternehmerin Julia Bösch von Outfittery war in verschiedener Hinsicht bemerkenswert. Wie dieses Geschäftskonzept die latente Abneigung von Männern Kleider einzukaufen in ein positives Erlebnis drehen konnte ist überzeugend. Die an der Konferenz teilnehmenden Männer wurden dann auch im Nachgang via E-Mail gleich mit einem ersten Angebot begrüsst – ohne Sales-Orientierung geht es eben nicht.Crash-Kurs zum Thema DarknetAm zweiten Konferenztag waren weitere Top-Speaker im Einsatz von denen ich nur zwei herausgreifen möchte: Jamie Bartlett und Keren Elazari. Beide verstanden es eher unattraktive, negativ besetzte Themen, attraktiv und verständlich zu präsentieren. Jamie Bartlett hat es verstanden innerhalb von 25 Minuten den Teilnehmenden einen Crash-Kurs zum Thema Darknet zu geben und dessen Chancen und Risiken sehr anschaulich darzustellen. Die 34- jährige Keren Elazari aus Israel wiederum hat das etwas schräge Thema Hacking behandelt und überzeugend aufgezeigt, wie wertvoll Hacker für die Verbesserung der Sicherheit von Software sind. Und wenn Tesla auf einer Konferenz in Las Vegas Hacker zu einem Wettbewerb einlädt, mit der Aufgabe vor versammeltem Publikum die Elektronik des Tesla S zu hacken, wird deutlich, dass dieses Vorgehen auch eine entsprechende Unternehmenskultur voraussetzt – die Art von Fehlerkultur des digitalen Zeitalters.Am Ende meines Gespräches mit Alec Ross (siehe unten) wollte ich von ihm wissen, wie er sich die etwas zögerliche Akzeptanz des Themas Digitalisierung in der Schweiz erklärt. Seine Antwort fiel kurz aus: «Euch geht es hier sehr gut – ihr müsst raus aus der Komfortzone.»________________________
«Software hat das Potential von Waffen»
Drei Fragen an Alec Ross, Digital-Strategist der Präsidentschafts-Kampagne 2008 von Barack Obama.

MK Wie beschreiben Sie die Dimension der digitalen Transformation?ALEC ROSS Bei der ersten industriellen Revolution ging es um die Ressource Land, bei der zweiten um Eisen und bei der aktuellen Revolution geht es um Daten. Der wesentliche Unterschied zu den zwei ersten Bewegungen ist, dass es sich damals in beiden Fällen um knappe Ressourcen handelte. Der Rohstoff Daten ist unlimitiert. Stellen sie sich vor, dass 90 Prozent der weltweit verfügbaren Daten in den letzten drei Jahren generiert wurden! Mit diesem Vergleich will ich die Dimension der digitalen Transformation veranschaulichen.MK Welche ethischen Fragen stellen sie sich zum Thema Digitalisierung?ROSS In der digitalen Welt hat Software («Code») das Potential von Waffen – Cyberweapons. Auf diesem Gebiet bestehen weder Normen noch Vereinbarungen, was ich als bedrohlich betrachte. Auch das Thema künstliche Intelligenz und damit Algorithmen können inskünftig vermehrt als Entscheidungsagenten eingesetzt werden. Sobald es sich um Entscheide handelt wo Moral, Werte, Ethik eine Rolle spielen ist der Einsatz als sehr kritisch zu betrachten.MK Welche Umstände begünstigen die Entwicklung der digitalen Transformation bei Unternehmen oder Organisationen?ROSS Ich habe immer wieder erlebt, dass vergleichsweise kleine Dinge, in die niedrige Erwartungen gesetzt wurden, sich viel besser entwickelt haben als erwartet und eine starke Dynamisierung bewirken konnten. Dies wiederum bedeutet, dass das Experimentieren mit vielen kleinen Dingen zielführender ist, als die Suche nach dem «next big thing».
