Digitaler Darwinismus – die üblichen «Verdächtigen» helfen kaum

DIGITALISIERUNG Im Rahmen der Serie «Digital – walk before you run» spricht Christoph Oggenfuss* mit mit Karl Heinz Land – Digitaler Darwinist & Evangelist, über den Überlebenskampf in der neuen digitalen Welt.
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Karl Heinz Land ist ein Pionier der Digitalisierung.Ich treffe Karl Heinz Land zwischen zwei Referatsauftritten in Zürich. Seine Speaker-Agenda ist prall gefüllt was nicht erstaunt – war Land doch einer der Ersten im deutschsprachigen Europa, der den Megatrend Digitalisierung früh erkannt und richtig interpretiert hat. Wir sitzen auf einer Parkbank auf dem Lindenhof in der Altstadt. Mein Gegenüber geniesst es sichtlich einmal nicht in einem Vortragssaal vor einem grossen Publikum zu sprechen.«All business is digital business»Als Erstes frage ich Herr Land als wie strategisch er das Thema Digitalisierung einstuft und warum? «Wir haben es hier mit einem äusserst strategischen, wenn nicht dem strategischsten Thema schlechthin, zu tun – all business is digital business.» so die knappe aber prägnante Einschätzung des Kölners. Land ist zudem überzeugt, dass alles was sich digitalisieren lässt auch digitalisiert wird. Er spricht dabei alle Wertschöpfungsbereiche wie Marketing, Verkauf, Produkt-Angebot und Logistik an. Auch meint er, dass alles was sich automatisieren lässt auch automatisiert wird. Die Verbindung von Digitalisierung und Automatisierung ist Chance für neue Geschäftsmodelle – und gleichzeitig eine Gefahr für etablierte Geschäftsmodelle. Das selbstfahrende Auto sieht er als logische Konsequenz aus Digitalisierung und Automatisierung. Hier flicht Land ein Zitat von Jack Welch, langjähriger CEO und Chairman von General Electric, ein:«If the change outside your business is quicker than inside – the death is near.»Die Digitalisierung ermögliche Quantensprünge und mache den Kopf frei für total neue Ansätze und der technische Fortschritt sei nur durch unsere Vorstellungskraft limitiert.Führungskräfte sind gefordertNun will ich von Land wissen wie gut die Digital-Botschaft bei Verwaltungsräten und Geschäftsleitungen angekommen ist. «Das ist ein grosses Problem weil das Potential nicht verstanden wurde. Mit der Delegation des Themas an den CIO ist das Problem in keiner Weise gelöst. Die Führungskräfte müssen die veränderten Marktmechanismen verstehen – von Besitzen (Hilton Hotels) zu Betreiben (airbnb).»Und welches sind die grössten Risiken des Wahrnehmungsgrabens zwischen Unternehmen und Konsumenten? «Wenn die Erkenntnis der Notwendigkeit der Digitalisierung bei der Geschäftsleitung erkannt ist prallt diese auf die «Lehmschicht» vor den nächsten Stufen der Organisation. Wenn diese Überzeugungsarbeit nicht zeitnah erfolgreich ist betrachte ich dies als gewichtiges Risiko.» Als weiteres Risiko sieht Land die Unterschätzung des Tempos des digitalen Wandels – der Zeitfaktor ist eine Schlüsselgrösse der Initiative. Als weiteres Risiko sieht er das Beiziehen der klassischen, grossen Consultants («die üblichen Verdächtigen»), weil diese mit traditionellen, zeitintensiven Methoden vorgehen. Gefragt seien aber agile Methoden im Sinne von SCRUM und Pareto-Denken (80/20).Genaue Marktbeobachtung gefragtUnd nun komme ich zur Schlüsselfrage: Wie definiert ein Unternehmen das «richtige» Tempo für die digitale Transformation? «Ganz allgemein gesprochen muss ich nicht schneller sein als der Bär der mich verfolgt – aber sicher schneller als der, der neben mir auch flieht! Eine Voraussetzung für die Beurteilung des Tempos ist die genaue Marktbeobachtung und diese ist im digitalen Zeitalter natürlich nicht beschränkt auf die eigene Branche. Compliance-Anforderungen sind z.T. verantwortlich für das langsame Vorgehen. In solchen Situationen empfehle ich «excubate and then incubate» – d.h. Innovationseinheiten kurzzeitig und mit viel Freiraum auszugliedern, um diese dann wieder zu integrieren, wenn die Lösung funktionstüchtig ist.»«Stelle eine Ratlosigkeit fest»Und welches sind die grössten Herausforderungen für Unternehmen, um sich digital zu transformieren? «Ich stelle bei Unternehmen nicht selten Ratlosigkeit fest wo sie beginnen sollen. Ein digitaler Kassensturz oder Readiness-Check kann hier sehr hilfreich sein, um den Handlungsbedarf explizit zu machen. Und auch in dieser Phase muss die Analyse-Phase kurz sein und gewisse Verbesserungen können bereits in dieser Etappe agil umgesetzt werden. Und wie bereits ausgeführt müssen hier externe Partner beigezogen werden die diese «agile DNA» in ihrem Beratungsverständnis haben. Eine weitere Herausforderung sehe ich im zweckmässigen Clustern des Handlungsbedarfes. Hier empfehle ich drei Gruppen: Customer Journey, Produkt- und Service-Innovation, Effizienz-Verbesserungen. Und ja eine dritte Herausforderung ist primär eine mentale. Mit der Digitalisierung unseres Geschäftes schaffen wir mehr Transparenz für den Kunden und geben ihm dadurch mehr Macht. Aber da führt kein Weg daran vorbei.»Und was will der digitale Darwinist am Ende des Gespräches noch anfügen, was ihm wichtig ist? «Was häufig verkannt wird ist, dass es bei der Digitalisierung nicht um Technologie sondern zuerst und vor allem um Menschen und Kultur geht. Ohne das ist ein Transformationsvorhaben bereits zum Scheitern verurteilt.»______________________________Auszug aus dem neuesten Buch von Karl-Heinz Land: Dematerialisierung – Die Neuverteilung der Welt in Zeiten des digitalen Darwinismus.Kernthesen zur Dematerialisierung (Auszug):–       Digitalisierung und Dematerialisierung: Alles was digitalisiert werden kann, wird auch digitalisiert werden; physische Produkte werden durch digitale Lösungen ersetzt. –       Jedes Unternehmen ist vom digitalen Wandel betroffen – denn «every business is a digital business».–       Der digitale Darwinismus setzt immer dann ein, wenn sich Technologien und Gesellschaft schneller verändern als die Fähigkeit von Unternehmen, sich diesen Veränderungen anzupassen.–       Konsumenten werden in der Sharing Economy zu Produzenten und damit zu Prosumenten: durch intelligent vernetzte Plattformen wird es immer mehr Konsumenten möglich, aktiv an der Wertschöpfung teilzuhaben.–       Nur kreative und soziale Aufgabenfelder, die eine empathische, menschliche Interaktion erfordern, werden weniger vom Arbeitsplatzverlust betroffen sein.______________________________Im Rahmen der Digital-Serie in Marketing&Kommunikation von Christoph Oggenfuss (markITing ag) standen die erste zwei Staffeln unter den Titeln «Digital – nicht trivial» und «Digital – from Talk to Walk». In der nun gestarteten dritten Staffel «Digital – walk before you run» geht es um das richtige Transformations-Tempo.

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